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Berichte Ukraine

Bericht 11 bis 20 von 1344

Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin der Ukraine

Fernsehen
ORFIII

20240226 ORF III Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin Wehrschütz Mod

Der Krieg in der Ukraine ist auch ein technologischer Wettlauf. Dabei geht es um Raketen und Drohnen mit immer größerer Reichweite und Geschwindigkeit sowie darum, diese Drohnen widerstandsfähig gegen die elektronische Kriegsführung des Feindes zu machen. Doch es geht auch um die Produktion in Massen, und da versucht in der Ukraine eine Nichtregierungsorganisation mit staatlicher Unterstützung, die Zivilbevölkerung zu mobilisieren, berichtet aus Kiew unser Korrespondent Christian Wehrschütz:

MiJ Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin

Radio
MiJ

20240226 MiJ Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin Wehrschütz Mod
2’22
Der Krieg in der Ukraine ist auch ein technologischer Wettlauf. Dabei geht es um Raketen und Drohnen mit immer größerer Reichweite und Geschwindigkeit sowie darum, diese Drohnen widerstandsfähig gegen die elektronische Kriegsführung des Feindes zu machen. Doch es geht auch um die Produktion in Massen, und da versucht in der Ukraine eine Nichtregierungsorganisation mit staatlicher Unterstützung, die Zivilbevölkerung zu mobilisieren, berichtet aus Kiew unser Korrespondent Christian Wehrschütz:

Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin

Fernsehen
ZiB1

20240225 ZiB1 Maria Berlinksa Die Drohnen Kämpferin Wehrschütz Mod

Der Krieg in der Ukraine ist auch ein technologischer Wettlauf. Dabei geht es um Raketen und Drohnen mit immer größerer Reichweite und Geschwindigkeit sowie darum, diese Drohnen widerstandsfähig gegen die elektronische Kriegsführung des Feindes zu machen. Doch es geht auch um die Produktion in Massen, und da versucht in der Ukraine eine Nichtregierungsorganisation mit staatlicher Unterstützung, die Zivilbevölkerung zu mobilisieren

Kiew zwei Jahre nach Kriegsbeginn Reportage

Fernsehen
ZiB1

20240224 ZiB1 Kiew zwei Jahre nach Kriegsbeginn Reportage Wehrschütz

In der Ukraine wurde heute des Kriegsbeginns vor zwei Jahren gedacht. Am 24. Februar um vier Uhr in der Früh begann der russische Großangriff. Aus der geplanten handstreichartigen Machtübernahme durch Russland wurde nichts, und hunderttausende Menschen haben binnen zwei Jahren ihr Leben verloren. Als Zeichen der Solidarität waren heute auch die Regierungschefs von Belgien, Kanada und Italien sowie die Präsidentin der EU-Kommission in Kiew. Sie versprachen Hilfe und Solidarität, denn eine Friede ist nicht zu erwarten:

Zick-Zack-Mini Kinder in der Ukraine im Krieg Wehrschütz Mod

Fernsehen
Mini ZIB

20240223 Zick-Zack-Mini Kinder in der Ukraine im Krieg Wehrschütz Mod

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Insert1: Sofija, Siebenjährige Helferin

Gesamtlänge: 1’30

Bye Bye Russland die Ukraine auf dem Weg gen Westen

Fernsehen
ORFIII Dokumentation

ORFIII Text Bye Bye Russland die Ukraine auf dem Weg gen Westen

Zwei Jahre dauerte bereits der Krieg Russlands gegen die Ukraine und in der Ukraine. Doch es gibt noch zwei andere Jahrestage, die für die ukrainisch-russischen Beziehungen sowie für die Geschichte Europas wichtig sind. So fand vor 20 Jahren am Platz der Unabhängigkeit die sogenannte Orangene Revolution statt; und zehn Jahre später, 2014, und damit vor zehn Jahren, folgte die Maidan-Revolution durch die Präsident Viktor Janukowitsch gestürzt wurde und das ukrainische Drama begann, das bis heute andauert. Dieses Drama ist nicht nur ein Ost-Westkonflikt, ein Krieg um die außenpolitische Orientierung der Ukraine, sondern er ist auch ein Krieg, bei dem es um fragen der ukrainischen und russischen nationalen Identitäten geht. In diesem Sinne ist für viele Ukrainer nun der mühsame Weg Richtung NATO und EU auch ein Weg, der zu einem endgültigen Heraustreten aus dem russischen Einflussbereich führen soll. „Bye, Bye Russland“ – unter diesem Titel hat Christian Wehrschütz in der folgenden Dokumentation das ukrainisch-russische Verhältnis sowie die Entwicklungen beleuchtet, die über den Maidan, über Kiew, Brüssel und Moskau zum Krieg geführt haben, der am 24. Februar 2022 ausgebrochen ist:

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz
Kamera: Nenad Dilparic; Levi Van Hout, Jan Williams
Schnitt: Mica Vasiljevic

Insert1: Olga Bogomolez, Ärztin und freiwillige Helferin am Maidan

Inert2: Andrij Dawidow, Maidan-Demonstrant der ersten Stunde

Inert3: Andrij Dawidow, Maidan-Demonstrant der ersten Stunde

Insert4: Olga Bogomolez, Ärztin und freiwillige Helferin am Maidan

Insert5: Radoslaw Sikorski, polnischer Außenminister

Insert6: Radoslaw Sikorski, polnischer Außenminister

Insert7: Heinz Fischer, Bundespräsident (2004-2016)

Insert8: Heinz Fischer, Bundespräsident (2004-2016)

Insert9: Stefan Fule, EU-Kommissar für Erweiterung (2010-2014)

Insert10: Stefan Fule, EU-Kommissar für Erweiterung (2010-2014)

Insert11: Stefan Fule, EU-Kommissar für Erweiterung (2010-2014)

Insert12: Julia Klimenko, Abgeordnete im ukrainischen Parlament

Insert13: Leonid Krawtschuk, Erster Präsident der Ukraine (gest. Mai 2022)

Insert14: Leonid Krawtschuk, Erster Präsident der Ukraine (gest. Mai 2022)

Insert15 Leonid Kutschma, Zweiter Präsident der Ukraine

Insert16 Wolfgang Sporrer, Professor für Konfliktmanagement in Berlin

Insert17 Wolfgang Sporrer, Professor für Konfliktmanagement in Berlin

Insert18 Wolfgang Sporrer, Professor für Konfliktmanagement in Berlin

Insert19: Johannes Hahn, Budget- Kommissar der EU

Insert20: Johannes Hahn, Budget- Kommissar der EU

Insert21: Olga Bogomolez, Ärztin und freiwillige Helferin am Maidan

Insert22: Julia Klimenko, Abgeordnete im ukrainischen Parlament

Inert2: Andrij Dawidow, Maidan-Demonstrant der ersten Stunde

Gesamtlänge: 44,49

Der „Maidan Nesalesnosti“, der Platz der Unabhängigkeit, zählt zu den schicksalhaftesten Orten nicht nur der ukrainischen Hauptstadt. Zwei Mal binnen zehn Jahren wurde hier im Herzen Kiews Geschichte geschrieben – und zwei Mal war mit Viktor Janukowitsch derselbe Politiker die Schlüsselfigur. 2004 war es das erste Mal; damals ging es um die Fälschung der Ergebnisse der Präsidentenwahl zugunsten von Janukowitsch; doch die sogenannte „Orangene Revolution“ verhinderte, dass der Betrug bei der Wahl Früchte trug. Präsident wurde Viktor Juschtschenko, doch die Zusammenarbeit mit Julia Timoschenko als Ministerpräsidentin funktionierte nicht.
Und im Februar 2010 wurde Viktor Janukowitsch bei international anerkannten Wahlen Präsident der Ukraine. Der Politiker stammte aus der Ostukraine, aus dem Landkreis Donezk, der wirtschaftlich stark mit Russland verbunden war. Doch sein erster Besuch führte Janukowitsch zur EU nach Brüssel. Drei Jahre später, Ende November 2013, hätte beim EU-Gipfel in Vilnius das Abkommen über eine Assoziierung und über Freihandel unterzeichnet werden soll. Doch der Präsident machte einen Rückzieher und verkündete die wirtschaftliche Hinwendung der Ukraine zu Russland. In Kiew führte diese Kehrtwende zu Protesten am Maidan; auf die Straße gingen vor allem junge Menschen, doch es war keine Massenbewegung. Doch in der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2013 zerschlug die Polizei die friedliche Kundgebung; die Geburtsstunde der Maidan-Bewegung war angebrochen.
Als Ärztin und freiwillige Helferin sollte Olga Bogomolez in der blutigen Phase Ende Februar eine wichtige Rolle spielen. An den Beginn erinnert sie sich so:

07-35 Olga Bogomolez
„Am 1. Dezember gingen die Menschen meiner Generation eigentlich auf die Straße, weil sie unsere Kinder geschlagen haben. Jeder dachte also, dass es auch mein Kind hätte sein können, das dort stand. Menschen haben das Recht, ihre Meinung zu äußern. Am 1. Dezember waren wir dort, und wieder einmal leisteten die Menschen Hilfe. Die Leute gingen mit der Hauptbotschaft heraus, dass man Kinder nicht schlagen darf. Das ist also ungerecht. Und wir erwarteten alle vom damals noch legitimen Präsidenten, dass er herauskommt und sagt, nun, wie konnte das überhaupt passieren, wer hat den Befehl gegeben, warum haben sie Kinder geschlagen.“

Zu den Demonstranten der ersten Stunde zählte auch der damals 24-jährige Andrij Dawidow, der nun als Hauptmann in den ukrainischen Streitkräften dient. Auf dem Maidan kam er nicht nur als EU-Befürworter; er protestierte auch gegen den immer autoritäreren Kurs, den Viktor Janukowitsch einschlug, der Mitte Jänner 2014 mit den sogenannten „diktatorischen Gesetzen“ Meinungs- und Versammlungsfreiheit massiv einschränken wollte:

01-36 Andrij Dawidow (2)
„Wenn es ihm gelungen wäre, die Machtkonsolidierung in seinen Händen umzusetzen, dann hätte mich das etwas daran erinnert, wie es in Belarus ist. Ja, tatsächlich hat Lukaschenko sein eigenes System, die Sicherheitskräfte, die ihn schützen, das politische System entsprechend. Nun, und dieses Triumvirat der Diktatoren, Putin, Lukaschenko, Janukowitsch. Es ist bedauerlich, dass damals nicht alle Politiker im Westen das verstanden haben.“

Mehr als 90 Tage dauerten die Demonstrationen am Maidan. Zeitfenster für eine Entspannung nutzen Janukowitsch und Co nicht. Die blutigste Phase war in der Zeit zwischen 18. und 20. Februar 2014; nach Angaben der UNO starben 98 Personen, 84 Demonstranten und 14 Sicherheitskräfte. Eine friedliche Lösung zu vermitteln, versuchten die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Polens, Frank-Walter Steinmeier, Laurent Fabius und Radoslaw Sikorski. Sie verhandelten mit Viktor Janukowitsch sowie drei Oppositionspolitikern; dazu zählte Vitalij Klitschko, der auch im Rat der Maidan-Bewegung vertreten war. Der Kompromiss, der am 21. Februar zustande kam, sah vorgezogene Präsidentenwahlen im Dezember 2014, eine Aufhebung der diktatorischen Gesetze sowie ein Ende der Gewalttaten vor. Doch die Tinte war noch nicht trocken als Janukowitsch bereits Kiew verließ, und das Papier wurde zur Makulatur:

09-16 Sikorski
„Ich denke, weil Janukowitsch die Stadt verlassen hat und es so aussah, als ob er geflohen wäre. Ich weiß, dass er es schon vorher geplant hatte und nach Donezk gehen wollte, um zu zeigen, dass er dort Unterstützung hatte, aber es sah nach einer Flucht aus. (…) Wenn er in Kiew geblieben wäre und seine Unterstützung, seiner Partei der Regionen im Parlament gefestigt hätte, wäre es vielleicht anders gewesen. Aber seine eigene Partei hat ihn verlassen, erinnern Sie sich. Es passierten zwei Dinge parallel: die Verhandlung über das Abkommen und der Zusammenbruch der Unterstützung für Janukowitsch in der Partei der Regionen, deren Führer zu uns in die EU-Delegation kamen und sagten, dieser Typ ist ein Mörder, wir akzeptieren ihn nicht mehr.“
Hinzu kam der Lebensstil des Autokraten, der für alle sichtbar wurde, nachdem Demonstranten sein Anwesen in Medjuhirija übernommen hatten, ohne es zu verwüsten oder zu plündern. Formell hatte der Maidan-Rat dem Kompromiss zugestimmt, doch hätte er auch umgesetzt werden können?

07-15 Andrij Dawidow (1)
„Ich denke nein. Nach all den Opfern, nach all den Prozessen, die in der Ukraine begonnen haben, glaube ich, dass alles, was die damalige Opposition versuchte, mit der Europäischen Union zu vereinbaren, Politiker, die versuchten, eine Aussöhnung herbeizuführen, sozusagen – das war meiner Meinung nach bereits nicht mehr möglich.“

Dieser Ansicht ist auch Olga Bogomolez:

26-11 Olga Bogomolez
„Dass das Volk Janukowitsch nach allem, was geschehen ist, verzeihen könnte, eindeutig nein. Ich denke, wenn Janukowitsch hiergeblieben wäre, wäre er kaum am Leben geblieben. Daher war für ihn der einzige Weg, aus der Ukraine zu fliehen, denn er hat den Menschen so viel Leid gebracht, so viele Familien zerstört, so viele Kinder, Enkel, Söhne, Brüder genommen, dass es für ihn überhaupt keine Vergebung gibt, egal wo er ist.“

Janukowitsch ist wohl in Russland; unsere Interview-Anfrage blieb ohne Antwort. Zehn Jahre nach seinem Abgang und zwei Jahre nach Beginn des russischen Angriffs steht die Maidan-Ausstellung in diesem Museum in Kiew zwangsläufig im Zeichen des Krieges. Gesehen wird die Revolution des Jahres 2014 als Richtungsentscheidung der Bevölkerung für die Europäische Union und gegen Russland – und zwar in einem größeren historischen Kontext:

01-15 Igor Poschiwajlo (1), Direktor des Maidan-Museums
„Der Euromaidan oder die Revolution der Würde ist eigentlich eine Fortsetzung des Kampfes, der in unserer modernen Geschichte bereits im Jahr 1990 begann, als die Studenten auf den Maidan gingen. Damals war die Unabhängigkeit der Ukraine noch nicht wiederhergestellt; dann fand die „Orange Revolution“ statt, und jede dieser Revolutionen geschah genau deshalb, weil die vorherige nicht abgeschlossen war, die Ergebnisse nicht erzielt wurden. Für die Ukrainer war es völlig klar, dass die Russische Föderation versuchte, sich unter der Führung einer pro-russischen Regierung, insbesondere Janukowitschs, die Ukraine zu unterwerfen und sie wieder unter ihren Einfluss zu bringen. Und für die Ukrainer war dies nicht nur ein Protest für die EU-Integration, sondern ein Kampf für die Unabhängigkeit. Wir positionieren den Maidan als die erste Schlacht und nennen seine Helden die ersten Helden des Russisch-Ukrainischen Krieges.“

Dabei ist historisch äußerst fragwürdig, ob Viktor Janukowitsch tatsächlich der prorussische Politiker war, zu dem ihn viele westliche Journalisten bereits während der Maidan-Proteste gestempelt haben. Zeitzeugen zeichnen ein differenzierteres Bild dieses Politikers – gerade auch im Spannungsverhältnis zwischen Moskau und Brüssel:

14-44 Sikorski
„Ich denke, dass er zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr 2013 wirklich das Assoziierungsabkommen wollte, weil er politisches Kapital darauf verwendet hatte, die Ostukraine davon zu überzeugen, dass es eine gute Sache sei. Und dann im Sommer 2013 wurde er von Putin erpresst. Er wurde mit einer wirtschaftlichen Blockade erpresst und persönlich erpresst, dass er stiehlt, wobei ich denke, dass er das Bargeld nach Moskau brachte, das ihn kompromittieren würde. Also nahm Janukowitsch dann das Geld von Putin, es waren 15 Milliarden, und ich denke, dass 3 Milliarden tatsächlich ausgezahlt wurden. Und das war meiner Meinung nach eine der Ursachen für den Maidan, weil das ganze Land erwartete, dass er unterschreiben würde, einschließlich seiner eigenen Leute, und dann änderte er in letzter Minute seine Meinung, so dass seine eigenen Leute verwirrt waren, was es so explosiv machte.“
Zu den Zeitzeugen zählt auch Heinz Fischer, der ehemalige österreichische Bundespräsident. Er traf Viktor Janukowitsch bei dessen Staatsbesuch in Wien, am 21. November 2013, dem Tag, an dem Janukowitsch bekannt gab, dass er das Abkommen mit der EU nicht unterzeichnen werde. Am Abend kam es zu einem Gespräch unter vier Augen zwischen Fischer und Janukowtisch. Hauptthema war die Absage an die EU:

Heinz Fischer:
6'43'2 - Abend Treffen Skylla und – 7‘08‘2 - 7'35'3 (27)
„Er hat mir in größter Genauigkeit die Schwierigkeiten der ukrainischen Situation geschildert - zwischen Skylla und Charybdis - beide Varianten sind schlecht aber die europäische ist noch gefährlicher für die Ukraine, weil der Einfluss Russlands wirtschaftlich so groß ist.“

Somit war Janukowitschs Hinwendung zu Russland keine Kehrtwende aus Liebe, sondern aus Zwang?

Heinz Fischer
8'31‘5 - Kein Prorussischer Präsident - 9'13‘2
"Er wollte signalisieren, das ist keine Absage, das ist nicht mangelndes Interesse an Europa. Wir wollen so gut es geht die Kontakte mit Europa weiterführen, aber unsere Abhängigkeit, seine Abhängigkeit von Russland ist so groß, dass er diese Operation am offenen Körper die ukrainische Wirtschaft nicht überleben würde; und er kann es sich einfach nicht leisten, die europäische Karte zu spielen und Russland zu vergrämen; die hätten genug Möglichkeiten, solche Maßnahmen zu setzen, die für die Ukraine zu schwierig sind; das war der Eindruck, den er erwecken wollte, oder kürzer formuliert: er wollte optimale Beziehungen mit Russland, aber Europa nicht völlig vergrämen.“

Die Frage, welche Beziehungen die Ukraine zu NATO und EU haben kann und soll, begleitet dieses osteuropäische Land seit seiner Unabhängigkeit im Jahre 1991. Während es für den Beitritt zur EU eine Mehrheit in der Bevölkerung gab, spaltete die Frage eines NATO-Beitritts die Ukrainer. Im Westen der Ukraine war eine Mehrheit dafür, im Osten und Süden eine klare Mehrheit dagegen. Erst die Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine im Jahre 2014 änderten diese Haltung, doch in Donezk und anderen Gebieten unter russischer Kontrolle konnten Umfragen auch nicht mehr durchgeführt werden.

Beim NATO-Gipfel 2008 in Bukarest wären die USA zur Aufnahme der Ukraine bereit gewesen, doch sie scheiterte am Widerstand Deutschlands und Frankreichs, die Rücksicht auf Russland nahmen. In Bukarest dabei war damals Stefan Fule als ein Vertreter der Tschechischen Republik:

23:49 Stefan Fule
„Es gab tatsächlich zwei strategische Fehler, die der Westen begangen hat. Einer im Jahr 2008 und ein weiterer durch die Verhandlungen über das Assoziierungs- und Freihandelsabkommen in den folgenden Jahren. Auf dem Bukarester NATO-Gipfel haben wir offiziell erklärt, dass die Ukraine und Georgien NATO-Mitglieder werden würden, aber auf dem gleichen Gipfel haben wir es abgelehnt, den Mitgliedschaftsaktionsplan zu verabschieden. Wir haben ihnen also das Licht am Ende des Tunnels gezeigt, aber wir haben ihnen nicht gesagt, wie sie dorthin gelangen sollen. Präsident Putin war am nächsten Tag in Bukarest im NATO-Russland-Rat dabei, er las eine Erklärung vor und hielt an einem bestimmten Punkt inne, er schaute uns im Raum an, ich war dort, und er fragte: "Wollt ihr wirklich, dass dieses künstliche Land Ukraine NATO-Mitglied wird?" Die Hälfte von uns lachte, die andere Hälfte hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Ein paar Monate später hat Russland Georgien angegriffen.“

Somit stellte Vladimir Putin die ukrainische Staatlichkeit bereits 2008 in Frage! Trotzdem beging die EU einen zweiten Fehler, den Stefan Fule so formuliert:

42:37 Stefan Fule
„Wir hatten einen Konsens und ehrgeizige Pläne, was wir mit den östlichen Partnern einschließlich der Ukraine tun sollten. Wir hatten keinen Konsens, wir hatten keine ehrgeizige Agenda, was wir mit Russland tun sollten. Wenn ich die Uhr zurückdrehen könnte, würde ich nur eine Sache ändern: Ich würde das Leben für Präsident Putin etwas schwieriger machen und unsere Einführung der Östlichen Partnerschaft mit einer spezifischen Politik gegenüber Russland verbinden.“

Denn es war nicht die NATO, sondern die EU-Annäherung der Ukraine, die Russland in den Jahren 2013 und 2014 zum Handeln und schließlich zum militärischen Einsatz veranlasste. Denn Vladimir Putins Plan einer eurasischen Wirtschaftsunion und das geplante EU-Abkommen waren rechtlich nicht miteinander vereinbar. Obwohl damals ein EU-Beitritt der Ukraine kein Thema war, bedeuteten Abkommen und Freihandelszone de facto eine EU-Integration ohne Mitgliedschaft:

16:45 Stefan Fule
„Zu diesem Zeitpunkt hatten die Russen bereits analysiert, dass diese Annäherung der östlichen Partner an die Europäische Union und der mögliche EU-Beitritt, auf den das Assoziierungsabkommen hinauslief, für die russischen Vorstellungen von einem großen Russland und so weiter viel gefährlicher ist als die NATO-Mitgliedschaft. Putin hat sich immer klar gegen die Mitgliedschaft post-sowjetischer Länder in der NATO ausgesprochen. Aber er war zurückhaltender, wenn es um die EU ging. Doch Ende 2012, 2013 wurde ihnen klar, dass tatsächlich so viel in diesen Abkommen enthalten ist, was eine enorme Transformation dieser post-sowjetischen Länder in Richtung Westen bezüglich Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und so weiter ermöglichen würde. Etwas, das er nicht brauchen, oder das seinen Ideen zur Konsolidierung des post-sowjetischen Raums widersprechen würde.“

Postsowjetisch wurde dieser Raum als Ende Dezember 1991 in Moskau die sowjetische Fahne eingeholt und die russische gehisst wurde. Damit hörte dieser Staat auf, zu existieren. Die Ukraine spielte dabei eine wichtige Rolle; denn bei einem Referendum Anfang Dezember 1991 stimmte eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung für die Unabhängigkeit; eine Mehrheit gab es auch auf der Halbinsel Krim, die zum Problemherd in den Beziehungen zwischen Kiew und Moskau werden sollte. Als Schülerin hat Julia Klimenko diesen Zerfall der Sowjetunion miterlebt, nun ist sie Abgeordnete der liberalen Partei Holos im ukrainischen Parlament; rückblickend sagt sie:

06-39 Julia Klimenko (Unvorbereitet)
„Ich denke, dass in den Jahren 1991 bis 1996 die Unabhängigkeit absolut nicht bewusst war, wir haben sie erhalten, aber wir haben sie nicht realisiert, und wir wussten nicht wirklich, was wir damit anfangen sollten. Wir waren nicht darauf vorbereitet. Aber wir haben sie bekommen, gut, dass wir sie bekommen haben, sonst wären wir noch lange in diesem, wissen Sie, Käfig der Sowjetunion geblieben. Aber wir hatten keine vorbereiteten Menschen, die wussten, was sie am Tag nach unserer Unabhängigkeit tun sollten. Und deshalb hatten wir Hyperinflation, eine zusammengebrochene Wirtschaft, zusammengebrochene Unternehmen. Wir haben Oligarchen bekommen, letztendlich, weil es nur wenige Menschen gab, die verstanden, was sie mit diesem industriellen Potenzial tun sollten. Die meisten Menschen, die daran gewöhnt waren, im sowjetischen System zu leben, verstanden nicht, was sie mit dieser Freiheit anfangen sollten, die nicht durch eine wirtschaftliche Grundlage unterstützt wurde.“
Nicht auf die Unabhängigkeit der Ukraine und vor allem auf ihre Atomwaffen vorbereitet waren auch Washington, Moskau und Europa. Zwar lagen die Codes für den Einsatz in Moskau, doch gleichsam über Nacht wurde die Ukraine zur drittgrößten Atommacht der Welt – ein Staat der mehr als 200 Jahre lang nicht in Europa existiert hatte. Auf dieses Arsenal musste Kiew nicht zuletzt nach massivem Druck der USA verzichten. Alle Raketen und alle Silos wurden zerstört; nur eines blieb als Museum bestehen. Im Gegenzug unterzeichneten die USA, Russland, Großbritannien und die Ukraine 1994 das Budapester Memorandum; es enthielt wage Sicherheitszusagen, wurde von keinem der Unterzeichnerstaaten ratifiziert und bewies 2014 mit dem Krieg in der Ostukraine seine Zahnlosigkeit. Als ich den ersten Präsidenten der Ukraine, Leonid Krawtschuk, im Juli 2014 dazu befragte, war die Verbitterung auch 20 Jahre danach noch deutlich spürbar:

01:13 Leonid Krawtschuk (Budapest Memorandum)
„Wir haben 1994 das Budapester Memorandum über die Aufgabe von Kernwaffen unterschrieben. Wir haben unterschrieben, aufgegeben. Jetzt haben alle, auch diejenigen, die die demokratische westliche Welt vertreten, und Russland gesagt, dass dieses Dokument nicht gilt. Dann stellt sich die Frage, ob es notwendig war, es zu unterschreiben, wenn es nicht gilt. Und ob die nächsten Dokumente, die wir unterzeichnen, gültig sein werden. Wenn dieses nicht gültig ist, werden auch diese nicht gültig sein.“

Auch im seit Februar 2022 tobenden Krieg ist dieses Misstrauen in die Vertragstreue des Westens spürbar; die Frage westlicher Sicherheitsgarantien ist ein wichtiger Aspekt bei der bislang erfolglosen Suche nach Frieden. Völlig zerrüttet ist das Verhältnis zwischen Kiew und Moskau, das bereits im Jahre 2014 enorm belastet war:

30:10 Krawtschuk (Feindschaft)
„Putin hat das Schlimmste getan. Er hat zwei slawische Völker entzweit. Jetzt sind 40 Millionen Slawen im westlichen Teil der Welt bittere Feinde Russlands geworden. Ich habe Dutzende von Briefen erhalten, Dutzende. Meine engen Bekannten, sie zittern, ich betone es noch einmal, vor Hass, vor bitterem Hass gegen Russland. Das ist es, was Putin getan hat. Wenn er das Ende des 20. Jahrhunderts, die Auflösung der Sowjetunion, als Tragödie bezeichnete, dann wird der Anfang des 21. Jahrhunderts eine Tragödie sein, die Putin begangen hat; indem er 40 Millionen Slawen zu Feinden Russlands gemacht hat und die Russen zu Feinden dieser 40 Millionen. Das ist eine Tragödie.“

Doch diese Tragödie hat aus ukrainischer Sicht eine lange Vorgeschichte; ein historischer Wendepunkt spielt in der Stadt Poltawa; an die Schlacht im Sommer 1709 erinnert dieses Museum. Mit seinem Sieg über den schwedischen König Karl den XII besiegelte Zar Peter der Große den Aufstieg Russlands zur europäischen Großmacht. An Karls Seite kämpften ukrainische Kosaken unter Hetman Masepa; sein Name gilt in Russland als Synonym für einen Verräter; dagegen setzte in der Ukraine bereits 2009, zum 300. Jahrestag der Schlacht eine Masepa-Renaissance ein; das Konterfei des Hetmans ist auch auf den Zehn-Griwna Geldscheinen und Münzen zu sehen, und Masepa gilt als eine wichtige Figur des ukrainischen Nationalbewusstseins.

Auch die Bewertung des „Holodomor“, zu Deutsch „Hungermord“ ist völlig politisiert und eine langjährige historische Belastung der ukrainisch-russischen Beziehungen. Diesem Verbrechen ist in Kiew ein Museum gewidmet.
Geschätzte drei Millionen Ukrainer, vielleicht noch deutlich mehr, starben durch die erbarmungslose Kollektivierung der Landwirtschaft unter dem kommunistischen Diktator Josef Stalin zu Beginn der 30iger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Ukraine sieht im „Holodomor“ den russischen Versuch, die ukrainischen Bauern zu vernichten, die damals Träger der nationalen Identität waren. Russische Historiker bestreiten das. Seit Kriegsbeginn ist Kiew jedenfalls sehr bemüht, international die Anerkennung des Holodomor als Völkermord zu erreichen. …
Völlig beseitigt wurde in der Ukraine die sowjetische Ideologie der Brudervölker. Ihr war im Zentrum von Kiew dieses Denkmal gewidmet; es erinnerte an den Vertrag von Perejaslaw aus dem Jahre 1654. Damals riefen die Kosaken den russischen Zaren gegen die Polen zu Hilfe. Ob Hetman Bogdan Chmelnizkij einen dauerhaften Treueeid auf den Zaren geleistet hat, ist umstritten Die nationalukrainische Historiographie sieht darin ein völkerrechtliches Abkommen zweier Staaten, betont den angeblich temporären Charakter des Bündnisses, das Chmelnizkij schloss. Der Zar habe dann die Kosaken betrogen und die Ukraine in eine russische Kolonie verwandelt. Das Denkmal der Brüdervölker, das auch an die Übertagung der Halbinsel Krim im Jahre 1954 erinnern sollte, wurde bereits vor einigen Jahren beseitigt. ….

Ganz generell haben bereits die russische Annexion der Krim und der Krieg in der Ostukraine die ukrainische Nationsbildung spürbar vorangetrieben:

29:26 Kutschma (Nationsbildung)
„Für uns, als vollwertige Nation, ist die Identifikation im heutigen Krieg sehr wichtig. Denn wir waren so überzeugt, dass im Osten unser Freund, Kamerad und Bruder ist. Wir haben uns so gesehen, und plötzlich an einem Tag haben wir festgestellt, dass im Osten keine Brüder leben, sondern sie wollen ein Stück unseres Territoriums haben. Und sie wollen, dass wir nicht nach unseren Regeln leben, sondern nach ihren Regeln. Das hat einen Einfluss auf alles.“

Einfluss hat aber auch die russische Sichtweise auf das Verhältnis zur Ukraine. Sie hat Vladimir Putin wiederholt erläutert; demnach gehören Russen, Ukrainer und Weißrussen zu einem Stamm, sind Russen und Ukrainer de facto ein Volk. Diese Ansicht geht weit über den russischen Präsidenten hinaus. Seine persönlichen Erfahrungen damit machte Rodric Braithwaite, Russland-Kenner und letzter britischer Botschafter in der Sowjetunion:

0:11:55 Rodric Braithwaite: (Russische Seele und Identität)
„Für meine russischen Freunde, liberale Menschen, Menschen, die sehr froh waren, das Ende des kommunistischen Regimes zu sehen, für die meisten meiner russischen Freunde war die Vorstellung, dass die Ukraine nach tausend Jahren des Zusammenlebens von Russland abgespalten werden könnte, wirklich sehr, sehr beunruhigend. Meine russischen Freunde waren wirklich bestürzt über die Aussicht auf die Unabhängigkeit der Ukraine. Das Problem war also von Anfang an da. Jelzin hatte von Anfang an Schwierigkeiten in seiner Beziehung zu den Ukrainern. Einer meiner Freunde, ein sehr liberaler Typ, der Gorbatschow nahesteht, sagte kurz bevor Jelzin übernahm zu mir: "Wenn die Ukrainer etwas Dummes über die Grenzen oder die Krim tun, bleibt Jelzin keine andere Wahl, als Gewalt anzuwenden." Das sagte er 1991. Bis 1992 dachte ich, dass ein Krieg zwischen der Ukraine und Russland nicht unmöglich sei.“

Wenn diese Haltung weit über Putin hinausgeht, welche Bedeutung hat dann Putins Denkweise für die jüngsten Ereignisse?

0:17:37: Rodric Braithwaite:
„Ja, natürlich geht es weit über Putin hinaus. Es ist ein sehr tiefes Gefühl unter den Russen, dass die Ukraine und Russland zusammengehören, einfach so. Mein Punkt war jedoch, dass die Russen und die Ukrainer dennoch die Beziehung bis 2000, also 10 Jahre lang, managen konnten. Sie haben eine Vereinbarung über die Krim und so weiter getroffen. Was dann passierte, denke ich, war hauptsächlich auf Putins persönliche Obsessionen mit der Geschichte zurückzuführen. Ich meine, Putin ist der Auslöser, aber man braucht eine Waffe, um abzufeuern, die einen Auslöser hat, und ich denke, viele Russen stimmten natürlich Putins Versuch zu, die Ukraine wieder in die Nation zurückzuführen. Und er wäre nicht so weit gekommen, wie er gekommen ist. Er spielte auf eine Emotion, die sehr weit verbreitet war, aber er setzte sich zum Ziel, darauf zu spielen. Clemenceau, der französische Premierminister im Ersten Weltkrieg, wurde nach dem Großen Krieg gefragt, wer für den Krieg verantwortlich sei, und er sagte, das sei eine sehr komplizierte Frage, aber eines wird kein Historiker je sagen, dass Belgien Deutschland angegriffen habe. Die Verantwortung ist meiner Meinung nach völlig klar.“

Doch bis Russland den Auslöser, den Abzug, völlig betätigte, sollten acht Jahre vergehen – denn dieser Zeitraum verstrich zwischen der Maidan-Revolution im Februar 2014 und dem russischen Großangriff im Februar 2022. Trotzdem ging es nach dem Maidan zunächst Schlag auf Schlag!
Während in Kiew die neuen Machthaber um eine Konsolidierung ihrer Herrschaft bemüht waren, begann Ende Februar auf der Halbinsel Krim der von Moskau gesteuerte Umsturz. Putins kleine grüne Männchen ohne Hoheitsabzeichen übernahmen den Flughafen und alle wichtigen Gebäude im Land. Stationierte ukrainische Truppen leisteten keinen Widerstand, Teile der Bevölkerung begrüßten offen den Anschluss. Er wurde durch ein sogenanntes Referendum abgesegnet, dem jede demokratische Legitimation fehlte – auch weil Anhänger des Verbleibs bei der Ukraine nie zu Wort kommen dürften. In Russland war die Annexion populär, die Krim-Sanktionen des Westens waren zahnlos.
Prorussische Demonstrationen und versuchte Machtübernahmen fanden auch in Donezk, Lugansk, Charkiw, Dnipro und Odessa statt. Von Erfolg gekrönt war der prorussische Separatismus jedoch nur in Donezk und Lugansk; in der Hafenstadt Mariupol stand die Sache Spitz auf Knopf, doch gelang es proukrainischen Kräften mit militärischen Mitteln die Oberhand zu gewinnen. Der Österreicher Wolfgang Sporrer setzt heute Projekte für die EU im Ausland um und lehrt als außerordentlicher Professor für Konfliktforschung an einer Universität in Berlin. Um Frühjahr 2014 war er in Donezk als Beobachter der OSZE im Einsatz. Warum waren die Separatisten in Donezk und Lugansk erfolgreich, nicht aber in anderen Städten?

Wolfgang Sporrer 13'10'8 - Lokale Elite - 13'45'9
"Warum hat das in Charkiw mit dem Bürgermeister Kernes nicht geklappt, ist es für die Russen schlecht ausgegangen. Warum ist es in Dnipro schlecht ausgegangen - weil sich eben die lokalen Eliten, die Gouverneure ganz klar auf die Seite des Staates gestellt haben; und auch die Familie Janukowitsch, die aus Donezk kommt, dort nicht eine so große Macht hatte."

Mit anderen Worten – lokale Eliten tolerierten im Widerstand gegen Kiew die Separatisten, wurden die gerufenen Geister aber nicht mehr los und verloren Hab und Gut im Donbass, vom Hotel bis zum Bergwerk. ….

Der Abschuss der MH17, einer malaysischen Passagiermaschine, über der Ostukraine durch ein von Russland geliefertes Raketensystem führte zu einer neuen Dimension des Konflikts. Fast zwei Drittel der 298 Toten stammten aus den Niederlanden – der in der Ostukraine köchelnde Krieg hatte Europa plötzlich eingeholt. …

Im Frühsommer 2014 waren die ukrainischen Truppen durchaus auf dem Vormarsch, und eine Niederlage der Separatisten in Donezk und Lugansk schien absehbar. Doch das direkte Eingreifen russischer Truppen wendete das Kriegsglück; eine massive militärische Niederlage der Ukrainer verhinderten auch die Friedensgespräche in der weißrussischen Hauptstadt Minsk; viele Stunden rangen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, gemeinsam mit dem französischen Präsidenten Francois Hollande und dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin um einen Kompromiss. Herauskam ein Plan, der zu einem Waffenstillstand und dann zu einer Reintegration der Separatistengebiete hätte führen sollen. Doch der Anfang 2015 vereinbarte Friedensplan wurde nie umgesetzt. Der Krieg köchelte vor sich hin, die Opferzahlen waren stark rückläufig, und mit Brexit und Corona-Virus standen anderen Themen auf der Tagesordnung. …

Den großen Krieg begann Russland im Februar 2022; nach beträchtlichen Rückschlägen im ersten Kriegsjahr ist nun die russische Dampfwalze voll angelaufen. Dagegen ist die Ukraine nach wie vor zu einem großen Teil auf westliche Waffenlieferungen angewiesen, die jedoch dem Bedarf an der Front nicht standhalten können. Im Abnützungskrieg dürfte somit Russland den längeren Atem haben; daher sieht Wolfgang Sporrer, Professor für Konflikt-management, folgende Notwendigkeiten:

16'38'2 - Das Ziel soll sein – (17'00'4 --- Schnitt --- 17'22'2) - 17'56'1
"In meinen Augen sollte das Ziel sein, so bald wie möglich zu mindestens einen Waffenstillstand zu erreichen; und die Unabhängigkeit und die Staatlichkeit der Ukraine wirklich zu zementieren. Wie das genau zu erreichen ist, überlassen wir den deren Feinde und Kriegsgegnern. --- Und um dieses Ziel, sprich einen Waffenstillstand und die absolute Absicherung der Eigenstaatlichkeit der Ukraine zu erreichen, müssen jetzt Waffenlieferungen und Geldunterstützungen nicht aufhören, sondern müssen eigentlich verstärkt werden. Weil ansonsten wird genau das eintreten, was alle sagen: "Wenn die Ukraine am Verlieren ist, wird Putin nicht verhandeln wollen."

Doch mit welchem Ziel verhandeln werden soll, da herrscht im Westen keine Einigkeit

15'07'6 - Uneinigkeit beim Ziel - (15'57'1 SCHNITT 16'08'2) - 16'22'1
"Worüber es nie Einheit gab, niemals Einheit gab, war die Frage, was ist das Ziel der westlichen Unterstützung; und da gingen die Meinungen sehr weit auseinander. Meinung Scholz oft vertreten: die Ukraine darf nicht verlieren. Meinung vieler anderer: die Ukraine muss gewinnen, und gewinnen heißt, dass das gesamte Gebiet inklusive Krim befreit wird. Die dritte Meinung kam aus den USA oft, aber auch aus den baltischen Staaten und aus Polen. Russland muss eine strategische Niederlage erleiden, … Jetzt hat man immer mit Geld, mit Geld, diese Wahrheit auch zugedeckt, dass es kein gemeinsames Ziel für diese Unterstützung gab."

Für die Ukraine bleibt aber trotz aller Unabwägbarkeiten die Mitgliedschaft in NATO und EU das zentrale Ziel. Zehn Jahre nach dem schicksalhaften EU-Gipfel in Vilnius im Jahre 2013 traf sich 2023 die NATO in Vilnius. Zwar wurde ein NATO-Ukraine-Rat geschaffen, zwar werden Waffenlieferungen verstärkt, doch eine definitive Einladung zu einem NATO-Beitritt wurde nicht ausgesprochen. Zu groß sind die Vorbehalte in den USA, für ein Land Sicherheitsgarantien zu übernehmen, dass im Krieg mit der zweitgrößten Atommacht der Welt steht.
Das Eis gebrochen wurde dagegen beim jüngsten EU-Gipfel; Beitrittsgespräche könnten noch 2024 beginnen, doch der Widerstand gegen die Ukraine und ihre großen landwirtschaftlichen Betriebe begann bereits davor und ist wohl ein Vorgeschmack auf die Herausforderungen, die dann bei Verhandlungen zu konkreten Themen zu erwarten sind. Hinzu kommt der Widerstand jener Staaten, die nach einem Ukraine-Beitritt zu Netto-Zahlern würden:

22'39'7 - Die EU ist kein Bankomat - 23'05
"Ich erwarte mir, und ich verlange auch von den nationalen Verantwortlichen langsam, dass sie in ihrem Verhalten und in ihrer Kommunikation nicht die EU wie einen Bankomaten darstellen, aus dem man einfach Geld abberuft, sondern das ist eine Versicherung auf Gegenseitigkeit, wo jeder profitiert, Teil eines größeren Ganzen zu sein.“

Für verkraftbar hält Johannes Hahn die Kosten einer Erweiterung:

20'17'1 - Was kostet die Ukraine Erweiterung die EU - 21'08'0 (50)
"Als Budget-Kommissar sollte man auch ein ganz guter Kopfrechner sein, was ich für mich in Anspruch nehme. Ich habe mir das einmal in ein paar Minuten ausgerechnet, und kam eigentlich zum selben Ergebnis wie eine Studie des Europäischen Rates; der kam zum Ergebnis, dass die zusätzlichen Kosten - wenn man an dem Räderwerk, wie Dinge zu finanzieren sind, im Kohäsions- und vor allem im Agrarbereich, wenn man daran nichts ändert, das 21 Prozent mehr kostet; ich kam auf 20 Prozent, also im Wesentlichen der gleiche Wert; das sind umgelegt rund 0,2 Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung; und ich denke, von der finanziellen Seite ist das eigentlich vertaubar. …
Hahn 16‘06‘1 - Mehrstimmigkeit als zentraler Faktor - 16'25'6 (20)
… Das Thema ist, wie schaffe ich schnellere Entscheidungsstrukturen, und ehrlich gesagt, unabhängig davon, ob wir uns erweitern oder nicht; aber eine Grundvoraussetzung für eine Erweiterung - auch das ist klar - ist, dass wir institutionell uns auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts einstellen."

Auf Deutsch: viel mehr Entscheidungen durch Stimmenmehrheit statt durch Einstimmigkeit. Derzeit ist die EU somit nicht erweiterungsfähig, doch Debatten um eine Institutionenreform gab es schon vor fast 30 Jahren als Österreich EU- Mitglied wurde. Das Streben der Ukraine, der EU beizutreten, hängt somit nicht nur von einem Kriegsende oder den eigenen Hausaufgaben ab. Die Maidan-Bewegung vor zehn Jahren hatte keine Vorstellung von diesem Marathon; daher gibt es auch Politologen, die die Ergebnisse dieser Revolution nicht euphorisch bewerten:

20:18 Kost Bondarenko
„Die Ukraine hoffte, dass die Verhandlungen mit der EU buchstäblich sofort nach dem Maidan beginnen würden. Es vergingen 10 Jahre, bevor erneut über die Möglichkeit des Beitritts zur EU gesprochen wurde, und Garantien für diesen Prozess gibt es nicht. Es geht also darum, dass die Ukraine irgendwann beitreten wird. Der Maidan könnte als Erfolg angesehen werden, wenn man der Ukraine tatsächlich sofort nach dem Maidan die Türen für Verhandlungen über die Mitgliedschaft in der NATO und der Europäischen Union geöffnet hätte, aber es kam nur zur Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens.“

Doch der Wille, diesen steinigen Weg nach Brüssel zu gehen, ist ungebrochen:

40-09 Olga Bogomolez
„Die Ukrainer verteidigten ihre Unabhängigkeit mit Blut und Tränen, und jetzt kämpfen sie darum, Teil der europäischen Gemeinschaft zu sein. Ist das unser Ziel heute? Auf jeden Fall. Müssen wir daran arbeiten? Absolut. Denn die ukrainische Korruption ist sehr gefährlich, auch für Europa. Korruption ist ansteckend. Korruption gibt es zwar in allen Ländern, aber in der Ukraine ist sie in enormem Maße vorhanden. Meiner Meinung nach wurden viele Fehler gemacht, und wir könnten uns schneller bewegen, als wir es jetzt tun. Wir haben bereits viel erreicht, und ich danke heute jedem Einzelnen, der die Ukraine und Europa verteidigt.“

Der lange, mit Blut bezahlte Marsch der Ukraine Richtung EU und NATO ist für viele Ukrainer auch eine Sicherung für das Leben künftiger Generationen; sie sollen in einem Land geboren werden, dass nie wieder unter Moskaus Einfluss stehen wird. Bye, Bye Russland lautet somit das Motto:

13:17 Klimenko; Bye, Bye Russland
Ja. "Bye, Bye Russland!" für uns ist das meiner Meinung nach eine existenzielle Wahl. Wenn wir anfangen, in die Europäische Union und die NATO einzutreten, lassen wir Russland für immer hinter uns, außerhalb, und es wird nicht mehr in der Lage sein, irgendeinen Einfluss auf Prozesse in der Ukraine zu nehmen. Das ist das, was wir tun müssen, damit unsere zukünftigen Generationen nicht das sehen und erleben müssen, was wir jetzt mit dem Krieg durchmachen. Denn wenn wir das nicht tun, wird die Destabilisierung und der Krieg auf unserem ukrainischen Territorium ständig sein. Russland wird ständig versuchen, uns zu destabilisieren, wenn wir nicht Mitglieder eines größeren Bündnisses sind.“

Krisen sind auch eine Chance – lautet ein geflügeltes Wort. In diesem Sinne sehen ehemalige Maidan-Aktivisten auch in diesem blutigen Ringen eine historische Chance für die Ukraine, die allerdings nur mit westlicher Hilfe umfassend genutzt werden kann:

02-35 Andrij Dawidow (3)
„Wir haben endlich eine große und einzigartige Chance seit Hunderten von Jahren, denn vor 100 Jahren gab es auch einen ukrainischen Staat, die Ukrainische Volksrepublik, das Hetmanat. Damals gelang es uns nicht, unseren Staat zu verteidigen. Jetzt, inmitten des Krieges, auch wegen der damaligen Revolution des Jahres 2014 haben wir die Möglichkeit, uns endlich von dem russischen Imperium zu lösen. Egal, wie sie es russisch nennen mögen, sei es die Sowjetunion oder die Russische Föderation, es ist immer noch ein grausames Imperium. Aber dafür muss natürlich sowohl die Unterstützung der Gesellschaft als auch der Politik, sowohl der ukrainischen als auch der westlichen Länder, vorhanden sein.“

20230211 Krone Bunt Windräder zu Panzern? Das Jahr der Vorentscheidung in der und für die Ukraine Wehrschütz

Kronen Zeitung

20230211 Krone Bunt Windräder zu Panzern? Das Jahr der Vorentscheidung in der und für die Ukraine Wehrschütz

Der russische Krieg in der Ukraine hat in seinen zwei Jahren mehrere Phasen durchlebt. Derzeit liegt die Initiative bei den Russen; für die Verteidiger sieht es vor allem um die Stadt Avdijevka im Landkreis von Donezk düster aus. Doch die Ukraine in diesem Abnützungskrieg zum Verlierer zu stempeln, wäre ebenso verkehrt wie es das im Falle Russlands im ersten Kriegsjahr war. Zweifellos bestehen massive Probleme durch geringere westliche Militärhilfe, doch die „aktive Verteidigung“ muss Russland erst noch überwinden. Sie besteht darin, im Landkrieg zu halten, und mit Drohnen aller Art die russische Artillerie-Überlegenheit so weit wie möglich auszugleichen; zu dieser „aktiven Verteidigung“ zählt, das russische Hinterland durch gezielte Angriffe etwa auf Ölraffinerien zu schwächen sowie Schiffe im Schwarzen Meer zu zerstören – auch um die wieder aufgenommenen Getreideexporte abzusichern. Eine entscheidende Rolle in diesem Krieg wird die Fähigkeit spielen, aus Fehlern am Schlachtfeld zu lernen, neue Technologien so rasch wie möglich einsatzreif zu machen, sowie Truppen so effizient wie möglich auszubilden und zu führen.

20240205 Weltweit Beitrag zur Ukraine Zwei Jahre Krieg Wehrschütz Mod

Fernsehen
weltweit

20240205 Weltweit Beitrag zur Ukraine Zwei Jahre Krieg Wehrschütz Mod

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Insert1: Nastia Matjasch, 13-jährige Schülerin

Insert2: Nastia Matjasch, 13-jährige Schülerin

Insert3: Ljudmila, Logopädin und Kriegswitwe

Insert4: Julia Klimenko, Klubobfrau der Oppositionspartei „Holos“ im Parlament

Dialog Schneider-Wehrschütz in Kiew

Insert5: Lew Bondarenko, Politologe in Kiew

Insert6: Vjatscheslav Klimow, Mitbegründer des Unternehmens „Neue Post“

Insert7: Marina Najmitenko, Sängerin der Mimi

Insert8: Alina Tkatschuk, Sängerin der Musette

Gesamtlänge: 11,02

Beginn Liveeinstieg:
Video:
Matjasch Vjatscheslav Mikolajevitsch ist eines dieser vielen Einzelschicksale des Krieges. Kameraden und Freunde haben ihm auf Youtube ein Denkmal gesetzt. Der Vater zweier halbwüchsiger Kinder wurde 41 Jahre alt. Der Oberstleutnant der Grenzpolizei fiel am 12. Mai 2022 in Mariupol als russische Kampfflugzeuge das Werk Asovstal bombardierten.

20230205 ZiB1 Ukraine Selenskij gegen Saluschnij Wehrschütz Mod

Fernsehen
ZiB1

20230205 ZiB1 Ukraine Selenskij gegen Saluschnij Wehrschütz Mod

In der Ukraine ist kein Kompromiss im Machtkampf zwischen Präsident Volodimir Selenskij und dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Valerij Saluschnij in Sicht. So bekräftigte Selenskij in einem Interview mit dem italienischen TV-Sender RAI, dass ein Neuanfang in der Führungsebene von Staat und Militär nötig sei. General Saluschnij hat seinen Rücktritt bisher abgelehnt; nun tauchten Gerüchte auf, er solle ukrainischer Botschafter in Großbritannien werden; eine Bestätigung dafür, gibt es bisher nicht.

20240201 ORF III Militärische Lage in der Ukraine Wehrschütz Mod

Fernsehen
ORFIII

20240201 ORF III Militärische Lage in der Ukraine Wehrschütz Mod

Im Krieg in der Ukraine haben sich im Vergleich zum Vorjahr die Erwartungen drastisch geändert. Warteten Kiew, Washington und Brüssel im Jänner 2023 gespannt auf die geplante ukrainische Sommeroffensive, so ist nach deren Scheitern nun die militärische Initiative auf Russland übergegangen. Hinzu kommen politische Unabwägbarkeiten wie die Präsidentenwahl im November in den USA aber auch offensichtliche Spannungen zwischen der politischen und militärischen Führung in der Ukraine. Über die militärische Lage berichtet aus Kiew unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Inserts: Markus Reisner, Oberst des Bundesheeres

Gesamtlänge: 5’02

Es waren keine Meldungen vom Schlachtfeld, die vor zwei Tagen nicht nur die Medien in der Ukraine in Aufregung versetzten. Vielmehr ging es um Gerüchte, wonach Präsident Volodimir Selenskij den Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Valerij Saluschnij entlassen habe. Diese vom Verteidigungsministerium später dementierte Meldung fiel auf fruchtbaren Boden; denn zwischen Saluschnij und Selenskij bestehen offensichtlich massive Differenzen über die militärischen Erfolgschancen und über eine Ablöse des populären Saluschnij wird seit Monaten spekuliert, und zwar nicht nur in der Ukraine:

Bericht 11 bis 20 von 1344

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