20260603 Kleine Zeitung Kriminalfall Nordstream
KLZ: Wie kam es zum Plan, Nordstream zu sprengen?
BP: Am Anfang der Vollinvasion Russlands, also 24. Februar 2022. Hat diese Gruppe selbstständig gekämpft um Kiew, und am Ende die Schlacht gewonnen. Dann sind sie an eingegliedert worden in eine Eliteeinheit der Spezialkräfte der ukrainischen Streitkräfte. Ende März, Anfang April 2022, haben sie angefangen zu planen, wie sie die russische Wirtschaft. Schaden können. Und die Geldeinnahmen von Wladimir Putin und das russische Budget waren gestützt auf Exporte von Öl und Gas zum Beispiel. Und das wollten sie unterbinden, unter anderem. Und dann sind sie mit so fast zehn Projekten gekommen als Ideen; eine davon war ein Angriff auf das Pipelinesystem Nord Stream.
KLZ: Wer waren die Taucher? Warum nahm man Zivilisten?
BP: Taucher konnten sie in den Streitkräften nicht finden, die 100 Meter unter der Oberfläche tauchen können; das sind sogenannte technische Taucher, Tiefseetaucher. Bei den Streitkräften haben sie Leute gefunden, die eher so 10 bis 40 Meter tauchen könnten. Ein Mitglied dieser Gruppe war Hobbytaucher und der hat ihnen vorgeschlagen, einfach Zivilisten einzusetzen für die Aufgabe. Dann haben sie eine Gruppe von ungefähr einem Dutzend Menschen sozusagen rekrutiert oder interviewt. Manche davon sind rausgeflogen, weil sie nicht diskret genug waren. Aber sie haben eine kleinere Gruppe von sehr, sehr erfahrenen Tauchlehrern rekrutiert, inklusive einer relativ jungen Frau. Die war die einzige Dame im ganzen Team.
KLZ: Wie sehr war die militärische Führung der Ukraine in das Projekt mit dem Codenamen Diameter eingebunden?
BP: Offiziell war das ein Projekt der Streitkräfte. Hauptverantwortlich war ein General, und der hat von dem Projekt direkt dem damaligen Oberbefehlshaber, Valeriy ZaluZhny, berichtet. Zaluzhny hat schon die Operation auch genehmigt. Zaluzhny hat eigentlich keine Rolle gehabt. Der hat sie nicht kommandiert. Der hat sich nicht gekümmert. Der hat das einfach genehmigt und das war eine der tausenden solchen Operationen, die er damals zu genehmigen hatte, auch später.
KLZ: Und was wusste Präsident Volodimir Selenskij?
BP: Ich schildere das im Buch; der General hat irgendwann im Mai oder Juni 2022 dem Präsidenten Selenskij mitgeteilt, dass es unter anderem so eine Operation gibt. Demnach hat Zelensky gesagt: gut, dann mach das eben so. Das ist kein Befehl, sondern ist gebrieft worden wie über viele andere Projekte. Selenskij selbst dementiert das. Mehrmals hat er das dementiert. Seine Leute haben mir gegenüber behaupten, von dem ganzen Anschlag vom Fernsehen erfahren zu haben. Was die Wahrheit ist, werden wir wahrscheinlich nicht herausfinden.
KLZ: Gemietet hat das Sprengkommando in Deutschland die Yacht Andromeda. Wie groß waren für die Taucher die Herausforderungen?
BP: Die Aufgabe an sich, 80 Meter oder gar 100 Meter unter der Oberfläche zu tauchen, war für diese doch sehr erfahrene Taucher keine große Herausforderung an sich. Das Problem war natürlich, dass die dabei jetzt Sprengstoff hatten und dass ein Sturm halt gekommen ist, gerade zu dem Zeitpunkt, wo die tauchen mussten. Also, das war schon lebensgefährlich. Die haben unter Einsatz ihres Lebens die Mission erfüllt. Die deutsche Bundespolizei hat den ganzen Einsatz rekonstruiert, und sind zum Schluss gekommen, es war einerseits möglich andererseits sehr gefährlich.
KLZ: Die deutsche Polizei hat akribisch ermittelt; der Durchbruch kam unter anderem aber durch eine Radarkontrolle auf der Straße. Warum?
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BP: Die deutsche Polizei hat realisiert, dass dieses Boot aus Rügen in See gestochen ist. Und dann ist ein Ermittler auf die Idee gekommen, in der ganzen Region die Blitzer zu prüfen, um zu schauen, ob es vielleicht ein Auto gibt mit ausländischen Kennzeichen, wo verdächtigen Personen identifiziert werden können. Die Ermittler haben mehr als 6000 Fotos angeschaut, bis sie zum Treffer gekommen sind. Sie haben ein Auto gesehen mit einem ukrainischen Kennzeichen. Das war ein Volltreffer. Dann haben sie ein handelsübliche Gesichtserkennungssoftware genutzt. Und die haben schnell herausgefunden, dass die Person auf diesem Foto ein sehr bekannter ukrainischer Tauchlehrer ist und eben ein technischer Tiefseetaucher, der in der Vergangenheit sehr tief getaucht hat, überall auf der Welt.
KLZ: Andere Länder waren wenig hilfreich; Polen hat die deutschen Ermittlungen überhaupt sabotiert, nicht aber Italien, das einen mutmaßlichen Täter ausgeliefert hat.
BP: Die Pipeline vergleiche ich in meinem Buch mit dem „Mord im Orient Express“ von Agatha Christie, weil das Opfer, von allen gehasst wurde. Und am Ende waren viele froh, dass das Opfer eben tot ist. Die Italiener sind eher hilfreich gewesen. Die Auslieferung dauerte relativ lange wegen des Prozedere; aber am Ende ist der Mann doch ausgeliefert worden und jetzt sitzt er in Untersuchungshaft in Hamburg und dort wird ihm der Prozess gemacht Ende Juni. Anfang Juli. Das wird spannend, weil das ist der erste Prozess im Fall Nordstream.
KLZ: Was lehrt uns dieses Kommandounternehmen in Bezug auf den Schutz kritischer Infrastruktur?
PB: Selbst die deutsche Polizei war sehr beeindruckt von der Einfachheit dieser Operation, die mit ganz wenig Geld, mit ganz wenig Ressourcen durchgeführt wurde. Die Pipeline kostete ungefähr 20 Milliarden Dollar, die ganze Operation, die die Pipeline zerstört hat, hat 250000 Dollar gekostet. Also muss man sich vorstellen, was für ein asymmetrischer Krieg das ist, was für ein hybrider Krieg das ist. Und das ist wiederum beängstigend, weil, wenn die Ukrainer das schaffen, dann kann auch ein nichtstaatlicher Akteur wie eine Terrorgruppe, etwas ähnliches wiederholen, und das ist natürlich erschreckend.
KLZ: Wir danken für das Gespräch.
Das Interview führte Christian Wehrschütz