20260221 Kleine Zeitung Ukraine Überlebensstrategien im Krieg Wehrschütz
Ein Beispiel dafür war an einem Samstag im Jänner ein Bachata-Tanzwettbewerb in einem Außenbezirk von Kiew. Veranstalter war die Tanzschule, die ein Mann geründet hat, dessen Vater Kubaner und dessen Mutter Ukrainerin ist. Saal und Tanzfläche in einem Hochhaus waren gut gefüllt, mehr als 50 Paare - vom Hobbytänzer bis hin zum Profi ritterten um die Pokale, die zu gewinnen waren. Unter den Teilnehmerinnen fiel mir Irina besonders auf, weil sie vor einem Spiegel intensiv die körperbetonten Bewegungen des lateinamerikanischen Tanzes übt. Die junge Frau tanzt seit sieben Jahren; zur Bedeutung ihres Hobbys gerade in Zeiten des Krieges sagte mir Irina:
„Wenn man ständig im Stress lebt, ist das eine Art Ventil. Einerseits versteht man die Situation, dass es eigentlich nicht zum Tanzen ist. Andererseits, wenn ich tanze, vergesse ich ein wenig, was passiert, und es kümmert mich nicht mehr so sehr, dass es keinen Strom und keine Wärme gibt. Wenn Menschen sich treffen, vereint durch den Tanz, sind das positive Emotionen, die wir sehr brauchen, nun, ich persönlich brauche sie sehr. Das gibt einem ein bisschen Erleichterung, Wärme, menschliche Güte. Deshalb hilft es mir.“
Freude am Leben ist eine wichtige Überlebensstrategien; diese Freude nach schweren Schicksalsschlägen wiederzufinden ist eine Fähigkeit, die besonders viel Kraft erfordert; eines der auch literarisch bekannteste Beispiele in Österreich ist wohl Viktor Frankl, der als jüdischer Arzt nach seiner Befreiung aus einem KZ wieder nach Wien zurückkehrte, praktizierte und seine Erlebnisse in dem Buch verarbeitete, das den Titel trägt: „Und trotzdem Ja zum Leben sagen“. Diese Kraft aufgebracht hat der 25-jährige Marko Kodratjuk, den ich in der Hafenstadt Odessa getroffen habe. Marko ist jetzt 25 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Marko war Kriegsfreiwilliger; im Kampfeinsatz verlor er beide Beine bis zu den Oberschenkeln hinauf. Fast zwei Jahre dauerte die Rehabilitation, 48 Operationen hat der junge Mann hinter sich; nun arbeitet er in einem Ausbildungszentrum der Polizei für junge Rekruten; ich bin dabei, als die vorwiegend jungen Männer grundlegende Techniken im Einsatz mit der Waffe üben. Marko veranschaulicht den Rekruten die Lage im Einsatz, wie Zwei-Mann-Teams sich mit der Waffe am Gefechtsfeld bewegen und einander Deckung geben sollen, um ihre Überlebenschancen zu steigern. Wie hast Du nach so schweren Verwundungen den Lebensmut wiedergefunden, frage ich Marko, mit dem ich im Trainingsraum auf einer Matte am Boden sitze, während sein Rollstuhl in der Nähe steht:
„Wenn es nicht meine Frau gegeben hätte, die ich nach meiner Verwundung getroffen habe, die mir geholfen hat, zur Rehabilitation zu kommen, und dann haben sich unsere Beziehungen entwickelt, denke ich, würden wir jetzt nicht sprechen. Denn meine psychische Gesundheit war nach der Verwundung so ruiniert, ich wollte nicht im Krankenhaus liegen, ich wollte zurück in den Krieg, ich wollte zu meinen Jungs zurück. Das hat mich sehr belastet. Aber meine Frau hat so viel in mich investiert, dass ich wieder zu mir selbst kam und ich sage, ziviler wurde. Sozusagen wieder ins zivile Leben zurückgekehrt bin. Und jetzt meine Arbeit, ich liebe sie. Ich arbeite mit wunderbaren Menschen an einem wunderbaren Ort und vermittle, sehr nützliche Dinge.“
Hast Du besondere Wünsche oder Ziele für Dein weiteres Leben, frage ich Marko? Sein Bekenntnis überrascht mich:
„Ich habe einen großen Traum, ich möchte Neuschwanstein besuchen. Ich träume sehr, sehr davon. Ein wunderschöner Ort. Als Kind habe ich dieses Schloss einmal auf einem Bild gesehen und mich darin verliebt. Ich möchte unbedingt im Winter hinfahren, um das winterliche Neuschwanstein zu sehen. Und ich möchte zu einem Konzert von Rammstein gehen.“
Mögen beide Wünsche in Erfüllung gehen; mit 25 Jahren hat Marko an sich noch ein langes Leben vor sich; in diesem Sinne zeigt sein Beispiel auch die enormen Folgen des Krieges auf, die die Ukraine vom Veteranen bis zu den Kriegswaisen und traumatisierten Einwohnern prägen werden, und zwar noch viele Jahrzehnte nach dem militärischen und politischen Ende des Krieges.