20260219 ORFIII Save Ukraine Reportage aus Irpin Wehrschütz Mod
Wie die Ukraine zeigt, sind unmittelbare Folgen des Krieges ganz klar sichtbar – vom Soldatenbegräbnis, über invalide Veteranen bis hin zu massiven Zerstörungen durch russische Angriffe. Weit weniger sichtbar aber langfristig möglicherweise sogar schwerwiegender sind die seelischen Kriegsfolgen, die Traumatisierung, von Müttern und Kindern. Ihr entgegenzuwirken ist ein zentrales Anliegen der Hilfsorganisation „Save Ukraine“, die zwei Zentren in der Ukraine betreibt;
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine
Insert1: Jewhen, Leiter des Save-Ukraine-Zentrums in Irpin
Insert2: Jarik, Flüchtlingskind aus der Ostukraine
Insert3: Jarik, Flüchtlingskind aus der Ostukraine
Insert4: Maria, Mutter zweier Kinder
Insert5: Maria, Mutter zweier Kinder
Insert6: Miroslava Chartchenko, Leiterin der Rechtsabteilung von Save Ukraine
Gesamtlänge: 4‘15
Irpin ist de facto eine Vorstadt von Kiew. Unmittelbar nach Kriegsbeginn im Februar 2022 fanden hier massive Kämpfe statt. Nach dem Rückzug der Russen begann sofort der Wiederaufbau; darüber hinaus steht hier eines von zwei Zentren von „Save Ukraine“; die Wurzeln der Organisation liegen in der Evakuierung von Frauen und Kindern aus umkämpften Gebieten; in Irpin steht die umfassende Betreuung von Kindern und Müttern Vordergrund. Der Leiter des Zentrums, Jewhen, zeigt mit zunächst die Arbeit mit behinderten Kindern und sagt dann:
1:45 Jewhen (Irpin)
„Im zweiten Stock haben wir ein Zentrum für Familien mit Kindern in schwierigen Lebensumständen. Das sind Familien, bei denen etwa wegen Alkoholismus das Risiko besteht, dass das Kind der Familie entzogen wird. Gründe dafür können auch das Versagen der Eltern in ihren Funktionen sein. Wir arbeiten hier daran, Familien in eine stabile Situation zu überführen, damit die Kinder bei den Eltern bleiben können und nicht in Pflegheime kommen.“
Save Ukraine bietet hier Kurse für Kinder, Unterricht, Nachhilfe, Englisch-Stunden und damit verbunden ein Ambiente an, das den Kriegsalltag in den Hintergrund drängt. Zur leichteren Kontaktaufnahm trägt auch ein kurzes Tischtennisspiel bei. Trotzdem sind aber viele andere Kinder noch einsilbiger bei ihren Antworten; Jarik treffe ich in der Pause vor der Informatikstunde; sein Berufswunsch überrascht mich:
0:16
„Ich will Bildhauer werden. Ich forme sehr schön.“
Die Evakuierung aus der Frontstadt fand erst im Dezember statt:
1‘0:5
„Eine Nacht war sehr laut. Alle Fenster leuchteten, ich möchte mich nicht einmal daran erinnern.“
Erprobte Therapieformen sollen den Kindern helfen, schlimme Erlebnisse zu verarbeiten. Doch es geht um weit mehr als um den Beschuss. Kinder fürchten um ihre Väter, die an der Front sind. Die familiären Belastungen schildert mir diese Mutter:
0:07 Maria (Irpin)
„Meine Kinder nehmen an Kursen und psychologischen Sitzungen teil. Sie sind sechs und drei Jahre alt. Mein Jüngster war noch nicht einmal zwei, als wir an frühen Entwicklungsprogrammen teilnahmen. Mein Mann ist Soldat, die Kinder und ich vermissen ihn sehr; deshalb sind die Kurse mit dem Psychologen wichtig für die Entwicklung der Kinder.“
Doch massiv ist auch die Belastung für die Mutter:
2:40 Maria (Irpin)
„Erstens war die gesamte Schwangerschaft von Angst geprägt. Daher war es sehr schwer, mir ging es sehr schlecht. Mein Mann ging in den Krieg, als der Jüngste einen Monat alt war. Das heißt, ich war praktisch allein mit zwei kleinen Kindern. Ohne Hilfe, die Großmütter waren sehr weit weg, sie konnten nicht kommen. Es war sehr schwer, moralisch und physisch; deshalb sage ich, das Zentrum hat uns psychologisch sehr geholfen.“
Dieses Beispiel zeigt, wie bedeutsam die Schwerpunktsetzung in Irpin ist, die mir die Leiterin der Rechtsabteilung von Save Ukraine, anschaulich beschreibt:
9’34 Miroslava Chartchenko,
„In Irpin liegt der Fokus eindeutig auf den Familien von Soldaten, denn wir verstehen, wie schwierig es ist, dass diese Frauen hier für ihre Kinder und für sich selbst kämpfen müssen, während ihre Männer unser Land verteidigen. Deshalb versuchen wir, für diese Menschen einen offenen Raum zu schaffen. Hierher können sie kommen und für eine Weile ihr Kind unter der Aufsicht unserer Fachleute lassen und sich diese Zeit für sich selbst nehmen. Selbst etwas so Einfaches wie zum Friseur oder zur Kosmetikerin zu gehen – das ist in unseren Zeiten ein Luxus, wenn man 24 Stunden am Tag mit einem kleinen Kind zusammen ist und keinen Ort hat, um es dort zu lassen.“
All diese Beispiele zeigen, wie schwierig der Kriegsalltag zu meistern ist, und wie lange die seelischen Folgen dieses Krieges noch nachwirken werden, selbst wenn die Waffen schon lange schweigen werden.