20250813 Kleine Zeitung Hannibal ante Portas? Wehrschütz
Die Geschichte lehrt, dass Hannibal nie vor den Toren Roms auftauche, und Karthago schließlich den Krieg gegen Rom verlor. Weit unklarer ist dagegen, was für den 15. August in Alaska geplant ist. Das beginnt mit der Unsicherheit, ob es nur ein Treffen zwischen Trump und Putin sein wird, ob es wirklich stattfindet, oder ob dann in Alaska oder erst später es auch zu einem Treffen mit Selenskij kommen wird. Noch unklarer sind konkrete Inhalte; offensichtlich herrscht Unklarheit bereits darüber, was Trumps Sondergesandter Steve Witkoff in Moskau mit Putin besprochen und welche - wenn überhaupt – Angebote dabei gemacht wurden. Witkoff ist kein Kenner der ukrainischen Gegebenheiten; insofern sind Befürchtungen vor Missverständnissen und diplomatischen Schachzügen des russischen Präsidenten nicht unbegründet. Denn abgesehen von Treffen in Alaska kann Putin es bereits als Erfolg verbuchen, dass nun niemand mehr über das Ende der Frist angedrohter US-Sanktionen, sondern vor allem über den Gipfel spricht. Dass dem Russen das Treffen wichtig ist, dafür könnte das deutliche Nachlassen von Drohnen- und Raketenangriffen auf Kiew durchaus ein Indiz sein.
Im Gegensatz zum bekannten Ende der punischen Kriege ist auch unklar, welche konkreten Themen und Positionen in Alaska diskutiert werden könnten. Trump sprach schwammig von einem Gebietstausch; Putin davon, dass die Frontlinie im Süden am status quo eingefroren werden könnte, wenn Kiew seine Truppen aus den etwa 20 Prozent des Oblasts von Donezk zurückzieht, die ukrainischen Truppen noch halten. Volodimir Selenskji schloss einen derartigen Rückzug aus, denn die ukrainische Verfassung verbiete die Aufgabe des eigenen Staatsgebietes; doch ohne US-Hilfe sind derartige Worte wohl eher Schall und Rauch; diese Einschätzung stützt die Entwicklung an der Front, die für die Ukraine nicht rosig aussieht. Die Europäer fordern eine Teilnahme Selenskjis in Alaska, lehnten einen Gebietstausch ab und formulierten wieder einmal die Forderung nach Wahrung der territorialen Integrität der Ukraine, die auf absehbare Zeit völlig unrealistisch ist.
Was könnte nun das Ergebnis von Alaska sein. Erstens: Trump und Putin scheiden im Zorn, die USA verhängen Sanktion mit ungewissem Erfolg, der Krieg geht weiter, Trump verliert das Interesse am Thema Ukraine.
Zweitens: Trump und Putin erzielen eine Annäherung; USA und Russland verhandeln weiter, etwa bei einer nächsten Runde in Istanbul oder Moskau; der Krieg geht weiter, Moskau hat Zeit gewonnen, um weitere Geländegewinne zu erzielen und am Kriegsschauplatz Fakten zu schaffen.
Drittens: Trump und Putin einigen sich auf einen umfassenden Plan zum Kriegsende, der aber noch in wesentlichen Punkten ausgearbeitet werden muss, etwa was die Waffenstillstandslinie oder Sicherheitsfragen betrifft (Stichwort Sicherheitszusagen für die Ukraine).
Vor allem im Falle von Punkt Drei, aber auch bei Punkt Zwei kommen die Europäer ins Spiel. Sie haben eine beachtliches Potential zur Sabotage einer möglichen Vereinbarung zwischen den USA und Russland; so liegen etwa 200 der 300 Milliarden eingefrorener Gelder in europäischen Banken, und auch die Sanktionen kann die EU bestehen lassen. In diesem Fall könnte Trump mit dem völligen Rückzug aus der Ukraine reagieren, sprich auch die Zusammenarbeit der Geheimdienste wird eingestellt und Starlink wird abgeschaltet. In diesem Sinne hat Vizepräsident J.D. Vance bereits die Einstellung finanzieller Unterstützungen der Ukraine durch die USA angekündigt. Die Europäer könnten dann den Krieg insbesondere durch Waffenkäufe in den USA weiter finanzieren, wenn die USA genügend Waffen selbst produzieren, und wenn die Stimmbürger diese Politik mittelfristig mittragen. Denn die Rüstungsindustrie in Europa ist dazu derzeit nicht in der Lage.
Während die Römer sich für die punischen Kriege rüsteten, haben die Europäer sich jedenfalls nie für eine mögliche Friedenslösung für die Ukraine gerüstet, zu groß waren unter anderem die inhaltlichen Gegensätze in der EU. Staat dessen bestand und besteht der Minimalkonsens in der EU darin, die Ukraine zu finanzieren und unrealistische Forderungen zu stellen. „Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, schrieb der preußische General Carl von Clausewitz. Politik zu machen, versuchen im Westen offenbar nur die USA, während die Europäer wie vor 30 Jahren im ehemaligen Jugoslawien ein jämmerliches Bild abgeben.