20250703 MiJ Interview mit Landwirtschaftsminister Koval Wehrsch Mo
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In der Ukraine ist die Landwirtschaft derzeit der wichtigste Wirtschaftsfaktor; mehr als17 Prozent der Wirtschaftsleistung entfallen auf den Agrarsektor. Anderseits leidet gerade auch die Landwirtschaft massiv unter dem russischen Krieg; nach Angaben des Ministeriums in Kiew wurden allein 30.000 Traktoren gestohlen, zerstört, gesprengt oder verbrannt. Ein Fünftel der landwirtschaftlichen Fläche steht unter russischer Besatzung. Ein schwieriges Thema wird der Agrarsektor auch bei den Beitrittsverhandlungen mit der EU sein. In Kiew hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz mit Landwirtschaftsminister Vitalij Koval gesprochen; hier sein Bericht:
Die Landwirtschaft ist das Fundament der ukrainischen Wirtschaft; und nicht nur das; der Agrarsektor in der Ukraine ist auch viel wichtiger als in der Europäischen Union, und daher von entscheidender Bedeutung für das wirtschaftliche Überleben der Ukraine. Die Landwirtschaft liegt sinnbildlich gesprochen aber auch zwischen Hammer und Amboss. Der Hammer sind massive russische Zerstörungen, der Amboss der Widerstand der Bauern in der EU gegen ukrainische Importe. Dem entgegnet Landwirtschaftsminister Vitalij Koval mit dem Beispiel Zucker:
11’27 Koval (37)
„Die EU importierte im Vorjahr 2024 960.000 Tonnen Zucker. Das heißt, ob es die Ukraine auf der Landkarte des Zuckerbusiness der EU gibt oder nicht, die EU wird eine bestimmte Menge importieren. Was ist Zucker in der Ukraine? Die Samen werden in der EU gekauft. Diesel für Traktoren und Mähdrescher, die Saatmaschinen werden in der EU gekauft und in die Ukraine gebracht. Düngemittel wurden in der EU gekauft, Pflanzenschutzmittel ebenso. 80 Prozent der Kosten für die Zuckerrübe, die wir anbauen, sind europäische Komponenten.“
Außerdem sei die Ukraine gemessen an den gesamten Agrarimporten der EU nur ein kleiner Fisch, sagt Vitalij Koval:
11’27 Koval (38)
„Die EU importiert für 195 Milliarden Euro pro Jahr Agrarprodukte. Davon stammen 13 Milliarden aus der Ukraine. Das sind also insgesamt 6,7 %. Wir sind nicht der erste und nicht der zweite Exporteur. Gleichzeitig exportiert die EU Agrarprodukte im Wert von 230 Milliarden Euro. Daher muss man das Ganze betrachten, wer wir für die EU sind. Und wir sind ein großer Absatzmarkt und ein stabiler Partner, der die Lebensmittelpreise stabilisiert.“
Bei den Beitrittsverhandlungen mit der EU wird die Landwirtschaft trotzdem ein sehr wichtiges Thema sein. Denn es geht auch um die Standards, die ukrainische Agrarproduzenten erfüllen müssen; dazu sagt Vitalij Koval:
18:15 (38)
„Es gibt 22 Standards. Zum Beispiel, wie viele Hühner wie viel Platz in einem Käfig haben müssen. In der Ukraine sind das 460 Quadratzentimeter pro Tier. Ich könnte mich in einigen Angaben irren, aber zur Veranschaulichung. In Europa sind es 720. Also das Tierwohl, also wie viele Tiere wir in einem Raum halten. Das sind die Produktionsstandards, die wir an die europäischen anpassen müssen. Wir haben bereits viel erreicht. Wir haben sieben Standards bereits implementiert.“
Trotzdem – und nicht nur wegen des Krieges – wird der Weg in die EU langwierig und steinig sein.