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20250313 ORFIII Mythos Kursk zur ukrainischen Niederlage 2025 Wehr Mod

Fernsehen
ORFIII
Berichte Ukraine

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine/Deutschland

Inserts: Roman Töppel, deutscher Militärhistoriker

Gesamtlänge: 6’53

Anfang August des Vorjahres begann die ukrainische Offensive im Landkreis Kursk. Russische Truppen wurden überrascht und zunächst gelang ein rascher Vorstoß, wobei das strategische Ziel und die militärische Sinnhaftigkeit des Angriffs von Beginn an umstritten war. Acht Monate später zeichnet sich das Ende der ukrainischen Kontrolle über russisches Staatsgebiet ab. Den Rückzug dokumentieren tagtäglich unter anderem ukrainische Chronisten des Krieges. Kiews Niederlage zeichnete sich ab, als es den Russen gelang, mit ihren Kampfdrohnen die Straßen zu beherrschen, die ukrainische Truppen im Landkreis Kursk mit Nachschub versorgten.
Die Kämpfe im Raum Kursk haben aus russischer Sicht eine besondere Bedeutung; das zeigen diese Museen in eindrucksvoller Weise; denn in der sowjetischen und russischen Geschichtsschreibung zählen die Kämpfe im Kursker Bogen im Sommer 1943 nach Moskau und Stalingrad zu den Entscheidungsschlachten des Zweiten Weltkrieges an der Ostfront. Zweifellos war diese Schlacht die größte, die die Weltgeschichte bisher gesehen hat:

4’11 - Töppel Dimensionen von Kursk – 4’33
„Als dann diese Schlacht am 5. Juli 1943 angefangen hat, haben sich also fast 3,5 Millionen Soldaten gegenüber gestanden an diesem ganzen Kursker Bogen und den Nachbarabschnitten. Dann waren es auf deutscher Seite über 3000 Panzer, auf sowjetische Seite 5000 Panzer, am Anfang, nur am Anfang. Und die Schlacht hat ja 50 Tage gedauert“

So eindrucksvoll die museale Aufbereitung der Schlacht ist, so klar ist für den Historiker auch, dass der sowjetische Sieg auch zur Mythenbildung genutzt wurde, nicht zuletzt um eigene, enorme Verluste zu rechtfertigen. Ein Beispiel dafür ist der Mythos der Panzerschlacht bei Prohorovka am 12. Juli 1943. Dabei sollen 400 deutsche Panzer zerstört und der Wehrmacht eine vernichtende Niederlage zugefügt worden sein, doch:

11’53 – Mythos 12. Juli Prohorovka – 12‘17
„Erstens sollten die deutschen Angriffskräfte an diesem Tag gar nicht weiter vorstoßen, die standen nämlich mit offenen Flanken vor der Ortschaft Prokhorovka und die sollten erstmal abwarten, bis die Nachbarn aufgeschlossen haben. Also es gab gar keine große Panzerbegegnungsschlacht. Zweitens können da schon gar keine 400 deutsche Panzer zerstört worden sein, weil an diesem Tag nur etwa 200 Panzer auf deutscher Seite dort an der Schlacht teilgenommen haben.“

Roman Töppel lebt in München; er ist der Spezialist unter den deutschen Militärhistorikern für die Schlacht im Kursker Bogen. 1976 in der ehemaligen DDR geboren wuchst er mit der sowjetischen Darstellung der Schlacht auf. Wie auch die Museen zeigen, ist der Große Vaterländische Krieg nach wie vor ein zentrales Element des russischen Nationalstolzes, untermauert auch mit Mythen, die nur eine sehr kurze Zeit nach dem Ende der Sowjetunion in Frage gestellt werden durften:

39’35 – Jelzin und die Öffnung und der Schock – 41’12
Also als Jelzin dann an die Macht kam und eben sehr viele Akten zugänglich wurden, und da haben auch russische Historiker, also nicht nur westliche Historiker, plötzlich eben sagen können, ja, es stimmt ja, was wir auch gesagt haben, dass das vieles Mythos ist, sondern sehr viele kritische russische Historiker haben auch angefangen, Bücher zu schreiben, haben gesagt, der Preis des Sieges war eines der ersten Bücher von Boris Sokolov. Der Preis des Sieges, der ist ja viel höher gewesen. Wir haben einen Preis bezahlt, der viel zu hoch gewesen ist. Es ist ja eigentlich ein Verbrechen Stalins an unserem Volk gewesen, dass wir, ein Verbrechen Stalins an diesem Volk gewesen, dass wir so einen riesigen Preis für diesen Sieg bezahlt haben … und das kratzt enorm natürlich an diesem Selbstwertgefühl des sowjetischen und dann später des russischen Volkes und viele wollen das eben nicht akzeptieren.

Und dazu zählt auch Vladimir Putin, der jüngst den Raum Kursk besuchte, nachdem sich die ukrainische Niederlage dort immer deutlicher abzeichnete:

41’13 – Putin und die Propaganda 41’54
„Und Putin bedient eben wieder dieses Narrativ, der sagt, nein, der Westen hat sich lange genug über uns lustig gemacht. Und das ist eigentlich, und diese Historiker, die kritischen Historiker, das sind eigentlich westliche Propagandisten, das sind Verräter, wir müssen zurück, wir sind eine der Supermächte und uns gehört eben der Platz, der uns eigentlich dann verloren gegangen ist durch diese, aus Putins Sicht, schreckliche Zeit unter Jelzin und so weiter, wo wir an den Westen verkauft wurden. Wir werden jetzt unser Selbstbewusstsein wieder herstellen und deswegen kommt man zurück zu diesen Mythen des großen Vaterländischen Krieges und sagt, das ist alles nur faschistische Propaganda gewesen, das sind Verräter gewesen, da sind auch russische Historiker, Kritische sind auch gefeuert worden, haben ihre Positionen verloren.“ … „Es ist eigentlich wieder ganz streng geworden. Es ist eigentlich kein freies Forschen über den Zweiten Weltkrieg mehr in Russland möglich unter Putin.“

So ist der Zweite Weltkrieg Teil jenes Informationskrieges, den auch Russland im Zusammenhang mit der Ukraine seit mehr als drei Jahren führt. Diesem Zweck dienen Ausstellungen erbeuteter Waffen ebenso wie Bilder:

42’57 – Tiger und Leopard – 43’42
„Das sind natürlich ganz wichtige Symbole, dass man, dass die Russen jetzt wieder zeigen können, seht her, es ist eigentlich wie im Großen Vaterländischen Krieg. Damals haben wir gegen die Faschisten gekämpft, mit deutsch, also gegen deutsche Panzer, gegen den Tigerpanzer. Heute kämpft wieder der Stolz der deutschen Armee, der Leopard, sogar mit Kreuzen auch noch auf den Fahrzeugen, kämpft wieder gegen uns. Damals waren es deutsche Faschisten, heute sind es ukrainische Nazis. Und so versucht man eben über diese Anklänge, es ist eigentlich nur eine Fortsetzung dessen, was eigentlich uns der Westen immer vernichten wollte, damals über die Ukraine. Durch diese Anklänge versucht man natürlich das russische Volk zu motivieren.“

So wurde die Museumslandschaft im Raum Kursk bereits um Militärtechnik ergänzt, die russischen Truppen von ihren ukrainischen Gegnern erbeutet haben. Weiter unerwähnt bleibt die enorme materielle Hilfe der USA, die wohl entscheidend dafür war, dass die Sowjetunion an der Ostfront als Sieger über Deutschland hervorgehen konnte.

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