20240928 Kleine Zeitung Was blieb vom Siegesplan Wehrschütz Kommentar
Sind oder waren diese vier Punkte tatsächlich Teil des Plans, dann ist das Ergebnis des Selesnkij Besuches in den USA wohl eher enttäuschend, jedenfalls ab er weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Dazu zählen die fehlende Zusage für Sicherheitsgarantien ebenso wie die nicht erfolgte Freigabe für Angriffe auf Ziele im russischen Staatsgebiet. In gewisser Weise muss Kiew somit den Krieg auch weiter mit „angezogener Handbremse“ führen, bleibt außerdem fraglich, wie rasch die von den USA nun zugesagte Waffen- und Finanzhilfe tatsächlich wirksam werden wird. Außerdem stellt sich die Frage, warum die USA erst jetzt die Ausbildung von weiteren Piloten für das Kampfflugzeug F-16 zugesagt haben. Diese Ausbildung – sofern sie nicht bereits im geheimen erfolgt – wird auf jeden Fall ein Jahr dauern.
Zweitens wird der Krieg nun immer stärker vom Wahlkampf in den USA erfasst, und da haben sich Selenskij und sein Team durch undiplomatische Äußerung den Unwillen der Republikaner zugezogen, die dem ukrainischen Präsidenten eine Einmischung in den Wahlkampf zugunsten der Demokraten vorgeworfen haben. Wer immer Anfang November gewinnen wird, die US-Hilfe für die Ukraine dürfte zurückgehen, so die allgemeine Einschätzung westlicher Diplomaten.
Drittens haben britische Politiker und auch die NATO eingeräumt, dass weder die Produktion von Waffen noch die zusammengeschmolzenen Bestände ausreichen, um den Bedarf der Ukraine für die Kriegsführung zu decken! So titelte etwa der amerikanische Sender „cnbc“: „The U.S. and Europe are running out of weapons” – sprich, in den USA und Europa werden die Waffen knapp. Somit bleibt offen, was von der von Joe Biden angekündigten großen Konferenz zur Unterstützung der Ukraine zu erwarten ist, die für Oktober geplant ist. Denn der Westen, insbesondere Europa, hat nicht auf Kriegsproduktion umgestellt, was Russland schon lange getan hat, das auch auf relevante Hilfe durch China, Nordkorea und den Iran zählen kann.
Der Ausblick für die Ukraine ist somit alles andere als rosig, auch was die Lage an der Front betrifft. Die Angriffe auf russisches Territorium mit der Stoßrichtung in den Raum Kursk haben zwar die Kampfmoral der ukrainischen Bevölkerung (vorläufig?) erhöht; entlastet wurde auch andere Abschnitte der mehr als 1000 Kilometer langen Front, doch der russische Vormarsch im Donbass wurde nicht gestoppt. Dort fallen auch wichtige Kohleminen unter russische Kontrolle und abzuwarten bleibt, wie massive sich russische Angriffe auf die kritische Infrastruktur im Herbst und Winter auch auf die Wirtschaft der Ukraine auswirken werden.
Somit ergibt sich folgendes Fazit nach Selenskijs USA-Besuch: die westliche Hilfe erfolgt weiter nach dem Motto „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, eine Trendwende am Kriegsschauplatz zugunsten der Ukraine ist nicht in Sicht, zu Verhandlungen sind offenbar derzeit weder Moskau noch Kiew bereit, und die EU-Mitglieder bleiben uneins in der Frage, wie der Krieg beendet werden könnte. Hauptleidtragender ist weiter die Bevölkerung der Ukraine, deren Soldaten fallen, Zivilisten streben, und massive Zerstörungen weitergehen.