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Interview mit Denis Puschilin in Donezk

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Berichte Ukraine

Mit dem Amtsantritt von Volodimir Selenskij als Präsident der Ukraine und mit dem erdrutschartigen Sieg seiner Partei bei der Parlamentswahl waren auch Hoffnungen für einen Frieden in der Ostukraine verbunden. Erste Schritte in diese Richtung gibt es. So wird derzeit im Raum der Rebellenhochburg von Lugansk die Brücke wieder aufgebaut, die im Krieg zerstört wurde. Für die Zivilbevölkerung würde es damit leichter werden, diesen Übergang zu Fuß zu queren, derzeit vor allem für alte Menschen und Familien mit Kleinkindern eine große Belastung. Doch die Feuerpause an der etwa 500 Kilometer langen Frontlinie hält weiter nicht, und auch bei den Friedensgesprächen in Minsk ist derzeit kein wirklicher Fortschritt erkennbar. In der prorussischen Rebellenhochburg Donezk hat unser Ukraine Korrespondent Christian Wehrschütz mit Denis Puschilin, dem Führer der prorussischen Rebellen über seine Einschätzung der Lage gesprochen; hier sein Bericht:

Hoffnungen auf eine rasche Friedenslösung in der Ostukraine nach dem Machtwechsel in Kiew waren von Anbeginn unrealistisch, sollten sie denn überhaupt gehegt worden sein. Denn der Krieg dauert bereits mehr als fünf Jahre, und eine Friedenslösung hängt nicht nur von den Konfliktparteien, sondern auch von den Beziehungen zwischen Washington und Moskau ab, ohne dessen massive Hilfe die zwei Rebellengebiete nicht überleben könnten. Unter dem abgewählten ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko war eine Änderung des status quo nicht zu erwarten, zu sehr setzte Poroschenko auf radikale nationalistische Kräfte. Sie haben in Kiew nun an Einfluss verloren, doch aus der Sicht von Denis Puschilin, des Führers der prorussischen Kräfte in Donezk, hat sich an der Frontlinie bisher die Lage nicht gebessert. Denis Puschilin:  

"Was den Beschuss betrifft, so finden er praktisch jeden Tag statt, und zwar auch mit Waffen die nach der Vereinbarung von Minsk verboten sind, mit Panzern und schwerer Artillerie. Konnte man das zunächst noch der Tatsache zuschreiben, dass die Regierung noch nicht gebildet war und noch keine klare Ordnung im Parlament herrschte, so gibt es jetzt für den ukrainischen Präsidenten keine Hindernisse mehr, entsprechend seiner Erklärungen im Wahlkampf auch zu handeln. und wirklich einem Frieden zu zustreben. Doch in der Vorwoche brannte nach einem Beschuss ein Haus; die Retter wurden beschossen als sie das Feuer löschten; zwei wurden mittelschwer verletzt, doch einem jungen Retter wurde der Arm weggerissen. Das ist die wahre Lage, was den Waffenstillstand betrifft."

Doch natürlich halten auch die prorussischen Kräfte die Feuerpause nicht ein; aber schuld daran ist jedes Mal die jeweils andere Konfliktpartei, eine Rhetorik an der sich seit fünf Jahren nichts geändert hat. Keine Fortschritte sieht Puschilin auch bei der Umsetzung des Friedensplans in Minsk, zu der Kiew weiterhin nicht bereit sei. Doch zeigt nicht gerade der Wiederaufbau der Brücke beim Kontrollposten Stanica Luganska, dass der ukrainische Präsident Volodimir Selenskij bestrebt ist, die Lage der Zivilbevölkerung zu verbessern? Denis Puschilin ist skeptisch:

"Stanica Luganska wird als Super-Erfolg dargestellt. Doch das ist eines von drei Pilotprojekten, das schon vor sehr langer Zeit hätte umgesetzt werden müssen. Doch auch dort sind noch nicht alle Fragen gelöst; sollte es tatsächlich dazu kommen, dann ist das ein Plus für die Zivilbevölkerung. Doch bei den anderen zwei geplanten Pilotprojekten hat sich die Lage nicht verbessert. Daher so ist es leider."

Faktum ist, dass sich die Ukraine und die Rebellengebiete von Donezk und Lugansk immer weiter auseinanderentwickeln je länger der Krieg dauert. In Donezk und Lugansk wird die Rolle Russlands mit jedem Tag größer. Nicht zu vergessen ist, dass der Krieg auf beiden Seiten viele Opfer gefordert und Wunden geschlagen hat. Wirtschaftlich überleben die Gebiete auch durch den Verkauf von Kohle und anderer Rohstoffe über Russland sogar in die Staaten der EU. Als eine wirtschaftliche und finanzielle Drehscheibe dient dabei die abtrünnige georgische Region Südossetien, die Russland als Staat anerkannt hat. Südossetien wiederum hat Donezk und Lugansk anerkannt, was finanzielle und wirtschaftliche Beziehungen ermöglicht. Jüngst war eine hochranginge Delegation aus Donezk sogar in Syrien. Auch dabei dürfte es um wirtschaftliche Zusammenarbeit gegangen sein.

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