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Reportage von der Krim vor dem Referendum

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Berichte Ukraine
Auf der Halbinsel Krim tobt vor dem Referendum am kommenden Sonntag eine massive Propagandaschlacht für den Anschluss an Russland. Die pro-russischen Kräfte werben aber nicht nur mit nationalen Parolen um die Stimmen der russischen Bevölkerungsmehrheit auf der Krim, sondern auch damit, dass die Bewohner unter Moskau viel besser leben werden als jetzt unter der Regierung in Kiew. Erhofft werden massive Investitionen in die Infrastruktur, neue Arbeitsplätze und soziale Sicherheit. Gegner der Abspaltung von der Ukraine kommen in den Medien praktisch nicht zu Wort, ukrainische Medien sind auf der Krim immer weniger zu empfangen, während die Städte der Krim mit prorussischen Parolen vollgepflastert sind.

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz von der Krim

Insert1: Oleg Vladimirowitsch Osadtschij, Bürgermeister von Kertsch

Gesamtlänge: 2‘33

Kertsch ist die östlichste Stadt der Halbinsel; sie trennt nur eine schmale Meerenge von Russland. 80 Prozent der 150.000 Einwohner sind Russen; abgesehen von ukrainischer Post und Telekom und dem Wappen am Rathaus ist hier nichts Ukrainisches zu entdecken. Derzeit besteht zu Russland nur eine Fähren-Verbindung; der Bürgermeister hofft, dass die Brücke nach dem Anschluss endlich gebaut wird, die die Krim mit dem russischen Festland verbinden soll:

„Wir haben drei Fähren, die Autos und Personen befördern, weil viele Menschen Verwandte auf der jeweils anderen Seite haben. Heute müssen viele Autos einen Umweg von 450 Kilometern nach Russland machen, weil die Kapazitäten der Fähren nicht ausreichen. Doch die Krim ist hier nur sieben Kilometer von Russland entfernt."

Der Hafen zeigt, dass die Stadt schon viel bessere Zeiten gesehen hat. Stillstand und Verfall prägen das Bild. Die Wende soll nun der Anschluss bringen:

"Ich bin für Russland. Die Löhne werden höher sein, während die Ukraine Pensionen kürzen will, dass unsere alten Frauen mit weniger als 50 Euro auskommen müssen. Arbeitende Leute haben 120 Euro Monatslohn, das ist bereits das Existenzminimum. Wie sollen Menschen leben, die eine Familie haben, das reicht nicht."

Jeder Dritte Bewohner ist Pensionist. Die Krise zeigt diese Schlange vor einer Bank. Bürger warten, um 100 US-Dollar an Erspartem abheben zu können; mehr gibt die Bank pro Tag nicht heraus, um einen Run zu verhindern. Die Propaganda auf der gesamten Krim verheißt ein besseres Leben unter Russland; beim Lenin-Denkmal in Simferopol kleben Plakate, die Treibstoffpreise zwischen der Ukraine und Russland vergleichen. Kritische Stimmen sind selten, doch es gibt sie:

"Jedes Jahr kommen meine Verwandten aus St. Petersburg, um ihre Zähne richten zu lassen; sie sagen, dass es in der Ukraine billiger ist als in Russland. Das ist ein kleines Beispiel; ziehen Sie daraus selbst Ihre Schlüsse. "

Doch eine kritische Debatte über Für und Wider gibt es nicht. Und es waren auch nur wenige, die heute für die Ukraine in Simferopol auf die Straßen gingen. Die alles beherrschende Parole für das Referendum lautet: „Heimat – Mutter ruft! – Grüß Dich Russland.“

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