20251006 ORFIII Serbien 25 Jahre nach Milosevic Wehrsch Mod
Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Belgrad
Insert1:Dragan, Bewohner Belgrads
Insert2: Vesna, Bewohnerin Belgrads
Insert3, Natascha, Bewohnerin Belgrads
Insert4: Srdjan Bogosavljevic
Insert5: Srdjan Bogosavljevic
Insert6: Goran Svilanovic, Außenminister von 2000 bis 2004
Insert7 Jadranka Kosor, ehemalige kroatische Ministerpräsidentin
Gesamtlänge: 7’11
Der Sturm auf das Bundesparlament in Belgrad begann am frühen Nachmittag des fünften Oktober. Die Polizei war nicht mehr bereit, sich mit aller Kraft dem Volkszorn entgegenzustellen, obwohl einige Tränengasgranaten geworfen wurden. 25 Jahre später ist die Erinnerung verblasst; bei einer Straßenbefragung verweigern viele Passanten einen Kommentar; zwei Studentinnen wissen nicht, wer Milosevic war; eine Frau bedauert seinen Sturz, während die übrigen drei befragten Erwachsenen bedauern, dass der Wandel nicht tiefgreifend genug war, der auf den fünften Oktober 2000 folgte; so sagt Dragan zum 5. Oktober 2000:
Dragan 0‘16
“Versuch demokratischer Änderungen! Es war ein erfolgloser Versuch; leider, daher sind wir jetzt dort, wo wir sind.“
Und Vesna, die vor 25 Jahren noch Studentin war, ergänzt
Vesna:1’55
„Ich habe den Eindruck, als wäre nichts geschehen – leider. Wahrscheinlich waren wir als Gesellschaft nicht reif für ernsthafte Änderungen, und die Folgen sieht man bis heute.“
Optimistischer ist Natascha:
Natascha: 3’29:
„Es gab große Änderungen, und wir hoffen, dass sie sich wiederholen.“
Ob, wann und wie es dazu kommt, ist fraglich, obwohl die von Studenten in Serbien getragenen Massenproteste gegen Präsident Alexander Vucic bereits 11 Monate andauern. Trotzdem ist die Grundstimmung heute eine andere als vor 25 Jahren:
Bogosavljevic
0:36 (Stimmung damals unterschiedlich und ähnlich)
„Wenn wir zurückblicken, ist ein Indikator, den wir abfragten, damals katastrophal schlecht gewesen. So dachten mehr als 70 Prozent der Menschen, dass sich das Land in eine sehr schlechte Richtung bewegt. Alle möglichen Emotionen haben sich dort aufgestaut, nicht nur das NATO-Bombardement, das ein Jahr zuvor stattfand, nicht nur die Kriege, die mit großer Beteiligung Serbiens stattfanden; Rekrutierungen, Flucht aus der Armee, nicht nur die Hyperinflation, die wir hatten.“
Vergleichbar ist die Inhomogenität, die die Opposition kennzeichnet; heute heißt der Gegner Alexander Vucic, der damals Koalitionspartner von Slobodan Milosevic war; er bildete vor 25 Jahren den gemeinsamen Nenner der Opposition:
„Die Homogenität dieser Masse war nicht vorhanden. So wurde Milosevic von jenen ebenso abgelehnt, die den Krieg befürworteten, ihm aber vorwarfen, nicht gesiegt zu haben. Gegen ihn waren auch die Kriegsgegner. Gegen Milosevic waren jene, die den Kosovo gehen lassen wollten, jene, die der Meinung waren, dass der Kosovo militärisch erobert werden sollte, und die Mehrheit, die denkt, dass Kosovo dorthin zurückgebracht werden sollte, wo er einmal war. Der Rest, etwa 30 Prozent, dachte, dass alles nicht so katastrophal ist; das war Milosevics eigentliches Kapital, mit dem er immer noch die eindeutig größte Partei war.“
Das gilt auch für Alexander Vucic und seiner Partei SNS; sie stützen sich ebenfalls auf eine ältere Wählerschaft aber auch darauf, dass die Studentenbewegung bisher mit keinen Führungsfiguren an die Öffentlichkeit getreten ist, die auch der politischen Opposition fehlen, die aber vor 25 Jahren mit Zoran Djindjic und Vojislav Kostunica vorhanden waren. Abgesehen von der dramatischen wirtschaftlichen und sozialen Lage stand die neue Führung unter massivem westlichem Druck im Zusammenhang mit der Frage des Kosovo und dem Haager Tribunal, wobei es nicht nur um die Auslieferung von Slobodan Milosevic ging:
28:14 (HAAG und Kosovo)
„Als erster Außenminister nach der Wende wurde die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal praktisch zu meinem Hauptjob. Einige Monate waren wir damit beschäftigt, das Land wieder in regionale und globale Organisationen zuführen, das war sechs Monate Arbeit. Danach, HAAG, HAAG, HAAG. …
21'11
„Natürlich gab es unter uns Spaltungen; sie entstanden um die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal. Ich habe mich bei dieser Entscheidung über die Auslieferung des Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien, des Präsidenten Serbiens, des Chefs des Generalstabs, engagiert. Das waren sehr sensible Themen …
Sollten Sie denken, dass die Menschen, die heute auf der Straße sind, das unterstützen, irren Sie sich, die Mehrheit der Stimmung in diesem Land ist gegen das, was wir getan haben.“
Denn eine Katharsis lösten die Urteile gegen Kriegsverbrecher in Serbien nicht aus; im Gegenteil, bei Heimkehrern ist in vielen Medien eine ausgeprägte Heroisierung festzustellen.
Hinzu kommt das Dauerthema Kosovo, eine weitere Erblast, die der Westen dem sich demokratisierenden Serbien hinterließ, weil er die Unabhängigkeit der Provinz nach dem NATO-Krieg nicht proklamierte. Doch ohne Lösung der Kosovo-Frage ist ein EU-Beitritt Serbiens wohl unmöglich, wobei der Marathon Richtung Brüssel dazu führt, dass die EU als Ziel für die Masse der Serben drastisch an Relevanz verliert. Dazu trägt der mangelnde Glaube bei, je in die EU aufgenommen zu werden; Jadranka Kosor war die Frau, die als Ministerpräsidentin Kroatien im Jahre 2013 in die EU führte, als bisher letztes Land des Balkan; Zweifel am Erweiterungswillen hegt auch sie:
Kosor 17’07 (Erweiterungsmüdigkeit und Korruption)
„Ich denke, dass die EU völlig desinteressiert am Erweiterungsprozess ist. Auf der anderen Seite hatten wir die längsten und schwierigsten Verhandlungen von allen Mitgliedstaaten der EU. Ich denke, dass alle Staaten, die der EU beitreten wollen, denselben Weg gehen müssen. Es gibt keine Abkürzungen. Sie müssen Reformen durchführen, sie müssen sich verändern, es muss ernsthaft gezeigt werden, dass der Rechtsstaat und die Rechtsstaatlichkeit respektiert werden. Diese Staaten müssen aufrichtig gegen die Korruption kämpfen und nicht nur verbal dagegen auftreten. Diese Staaten müssen sich von innen heraus verändern; eine unüberlegte Erweiterung würde die EU zum Einsturz bringen.“
An Bedeutung massiv gewonnen haben Russland und China, und so bleibt Serbien das einzige Land des Balkan, dem - allen Lippenbekenntnissen zum Trotz eine klare politische Westorientierung fehlt – auch bei der Opposition. Hinzu kommt,
dass weder Opposition noch Studenten bisher eine Führungsfigur noch ein Programm präsentiert haben, das über die Gegnerschaft zu Vucic hinausgeht; vor 25 Jahren reichte die Gegnerschaft zu Milosevic; die Lage war katastrophal, und mit Kostunica und Djindjic standen zwei Führungsfiguren zur Verfügung. Ihre Achse überdauerte Milosevics Sturz nur um wenige Wochen; im März 2003 wurde Zoran Djindjic in Belgrad ermordet, ein Attentat, das den Lauf der Geschichte Serbiens tiefgreifend verändert hat.