× Logo Mobil

Interview Blerim Shala

Radio
Früh Journal
Berichte Serbien
Der Machtwechsel in Belgrad beeinflußt zwangsläufig auch die weitere Entwicklung des Kosovo. Während unter Slobodan Milosevic klar war, daß es keine Rückkehr der Provinz unter die Oberhoheit Belgrads geben wird, sieht die Lage nun doch etwas anders aus. Zumindest befürchten die Kosovo-Albaner, daß sie das Opfer einer Vereinbarung zwischen dem Westen und dem demokratisch gewählten jugoslawischen Präsidenten Vojislav Kostunica werden könnten. Denn ob Milosevic oder Kostunica, eine Unterordnung unter Belgrad ist für praktisch alle Albaner undenkbar. Zu den Intellektuellen der Kosovaren, zählt auch Blerim Shala, der Herausgeber von Zeri, der drittgrößten albanischen Tageszeitung in Pristina. Blerim Shala gehörte auch zur Delegation der Kosovo-Albaner bei den Friedensverhandlungen in Rambouillet, die am Widerstand der Serben scheiterten und in weiterer Folge zur NATO-Intervention führten. Mit Blerim Shala hat unser Jugoslawien-Korrespondet Christian Wehrschütz in Pristina und die Lage im Kosovo und über die Zukunft der Region gesprochen; hier sein Bericht:

Der Herausgeber der Tageszeitung Zeri, Blerim Shala, bewertet die Gemeinderatswahlen im Kosovo als ersten Schritt zur Bildung demokratischer Institutionen im Kosovo. Shala hofft, daß bis zum Sommer auch Parlaments-wahlen stattfinden werden. Denn ohne demokratische gewählte Vertreter im Kosovo könne es auch keine Verhandlungen mit Jugoslawien geben. Die Abhaltung der serbischen Parlamentswahl am 23. Dezember auch im Kosovo lehnt Blerim Shala ab, weil:

„Die Durchführung dieser Wahlen würde den endgültigen Status des Kosovo präjudizieren. Hinzu kommen noch politische Gründe; im Kosovo gibt es 500 bis 600 Massengräber, der Prozeß der Aussöhnung hat noch nicht be-gonnen; keine einziger serbischer Kriegsverbrecher wurde an den Haag ausgeliefert. Die Abhaltung der serbi-schen Parlamentswahl im Kosovo wäre daher eine falsche Entscheidung. Außerdem haben die Serben hier die Lokalwahlen boykottiert, weil nicht genügend Sicherheit gegeben sei. Dann kann diese Sicherheit, nur wenige Monate später, auch für die serbischen Parlamentswahlen nicht bestehen.“

Blerim Shala ist nicht der Ansicht, daß nach dem Machtwechsel in Belgrad und dem Sieg von Ibrahim Rugova bei den Lokalwahlen im Kosovo eine Einigung leichter zu erzielen sein wird:

„Die Ansicht ist nicht richtig, daß eine Lösung der Kosovo-Frage nun sehr leicht möglich sein wird, weil die Gemäßigten in Belgrad und im Kosovo an der Macht sind. In einer derart grundlegenden Frage, wie es der end-gültige Status des Kosovo ist, kann Rugova nicht allein entscheiden. Er muß sehr starke Unterstützung jener Führer haben, die aus der UCK kommen.“

Trotzdem ist der Journalist Blerim Shala der Ansicht, daß mit dem Machtwechsel in Belgrad eine neue Dynamik entstanden ist, was den endgültigen Status des Kosovo betrifft:

„Ich bin nicht sicher, daß der Westen zu all diesem politischen, finanziellen, militärischen und moralischem Engagement bereit ist, um schließlich in zehn Jahren zu sehen, was passieren wird. Ich bin auch nicht sicher, ob der Westen weiß, wie er das Problem des Kosovo und Montenegros lösen kann, ohne deren Unabhängigkeit zu unterstützen. Aber zum ersten Mal seit dem Ausbruch der jugoslawischen Krise 1991 kann der Westen eine aktive Rolle spielen, denn bislang hat er immer nur auf Milosevic reagiert. Außerdem ist zum ersten Mal in diesem Jahrhundert die serbische militärische Überlegenheit nicht mehr entscheidend für die Lösung einer politischen Krise im Kosovo und in Montenegro.“

Eine Unabhängigkeit des Kosovo und Montenegros betrachtet Shala nicht als Grundlage für neue Konflikte mit Serbien, denn:

„Wir sind uns bewußt, daß Kosovo, Monetenegro und Serbien irgendwie gemeinsam existieren müssen. Doch der Prozeß der Selbstbestimmung muß vollendet werden, um den Prozeß Wirtschaftsunion oder irgendeiner anderen Union zwischen Serbien, Kosovo und Montenegro beginnen zu können.“

Doch selbst wenn dieses Ziel erreicht sei, gebe es für den Westen keine Exitstrategie, so Blerim Shala:

„Der Westen muß ständig hier sein, das ist eine Frage der Stabilität Europas aber auch der Kosten. Es ist viel billiger für den Westen Truppen hier zu haben und Frieden zu schaffen als Hunderttausende Asylbewerber in Deutschland oder Österreich zu akzeptieren. Es ist viel billiger, wenn die Albaner hier friedlich mit anderen

zusammenleben, wenn Truppen hier sind, als Asylbewerber im Ausland unterzubringen. Die militärische Über-legenheit der NATO und die Investitionen der EU werden viel bessere Voraussetzungen für die gesamte Region schaffen, um das Hauptziel zu erreichen, das in langfristiger Stabilität besteht.“

Facebook Facebook