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Serben-Rückkehr in den Kosovo

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Der Kosovo-Krieg der NATO beendete vor vier Jahren die Unterdrückung der Albaner durch das Milosevic-Regime. Dem Ende der serbischen Herrschaft folgte Flucht und Vertreibung von etwa 200.000 Kosovo-Serben. Sie flohen aus Angst vor Übergriffen, die die Friedenstrup-pe KFOR zunächst nicht verhindern konnte. Fast vier Jahre später ist nun das erste größere Projekt zur Rückkehr von Serben gestartet worden. Ausgewählt wurde das Dorf Novake im Raum Prizren. Umgeben von albanischen Dörfern haben die Serben von Novake sogar noch während des Krieges weitgehend friedlich mit den loka-len Albanern zusammengelebt. Dabei hat ein Umstand eine nicht unwesentliche Rolle gespielt, der im Kosovo nur äußerst behutsam erwähnt wird. Die Mehrheit der Nachbar-dörfer von Novake waren und sind von katholischen Albanern bewohnt, die im Kosovo eine religiöse Minderheit sind. Da sich auch das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und serbischer Orthodoxie schrittweise bessert, könnte diese Entwicklung auch genützt werden, um die Aussöhnung im Kosovo voranzutreiben.

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz

Insert1: Branko Gligorijevic, serbischer Rückkehrer

Insert2: Branko Gligorijevic, serbischer Rückkehrer

Insert3: Don Marijan, Priester in Velesa

Insert4: Don Marijan, Priester in Velesa

Insert5: Stanislav Hocevar Erzbischof von Belgrad

Insert6: Stanislav Hocevar Erzbischof von Belgrad

Das Dorf Novake in der Nähe von Prizren bot noch im vergangenen Jahr ein Bild, das aus den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien bestens bekannt ist:

Die 600 serbischen Bewohner verließen Novake unmittelbar nach Kriegsende Mitte Juni 1999. Die Friedenstruppe KFOR vermochte Zerstörungen und Plünderungen durch alba-nische Extremisten nicht zu verhindern. Doch nun blüht langsam neues Leben aus den Ruinen. Die ebenfalls nach Kriegsende zerstörte Schule ist das beste Beispiel. Sie ist be-reits wieder aufgebaut. In der Schule leben zunächst Vertreter von 60 serbischen Fami-lien, die derzeit von der KFOR versorgt werden. Insgesamt sollen bis Ende Juni 220 Serben zurückkehren, darunter auch 50 Kinder. Finanziert wird der Wiederaufbau von deutschen Hilfsorganisationen, durchgeführt wird er von einer lokalen albanischen Firma; aber auch die Serben schaffen sich erste Lebensgrundlagen:

„Wir haben etwa 40 Ha Land beackert und die Aussaat ist im Laufen. Wir haben etwa 1300 Obstbäume gepflanzt, 15 Ha Klee, 20 Ha Mais. Das ist unsere Frühjahrssaat. Das heißt, wir werden uns zurecht finden. Mit einiger Hilfe des Staates werden wir das meistern.“

Zum Zusammenleben mit den Albanern sagt der Serbe:

„Wir waren immer zur Zusammenarbeit bereit. Das hat sich am Ende auch darin gezeigt, dass wir einige albanische Dörfer geschützt haben, dass sie gut durch die Zeit des Krieges gekommen sind. Keinem wurde auch nur ein Haar gekrümmt, doch sie konnten dieses einzige Dorf nicht schützen. Wir haben ihnen vergeben, werden aber nicht vergessen.“

Diese Darstellung ist nur teilweise richtig. So töteten serbische Milizen und Soldaten im muslimisch-albanische Nachbardorf Terrnie mehr als 40 Albaner aller Alterstufen. Auch das ist ein Grund, warum der von der Friedenstruppe KFOR plakatierte multiethnische Kosovo so schwer zu erreichen ist. Zwischen dem katholischen-Albanerdorf Velesa und Novake waren die Kontakte vor dem Krieg am engsten. Die Dorfschule besuchten auch Serben und Albaner gingen auch in Novake zur Schule.

„Was die Rückkehr der Serben betrifft, so haben wir Christen und Albaner nichts dage-gen. Doch wenn man die Umgebung betrachtet, so gab es doch viele Opfer und viele Häuser wurden zerstört. Somit ist es klar, dass Kriegsverbrecher nicht zurückkehren dürfen. Doch wir haben nichts dagegen, dass Serben und Roma hier leben.“

Doch das Zusammenleben wird nicht leicht sein:

„Es sind noch viele Wunden zu heilen, damit auch die Wunden der Menschen geheilt werden, denn es gibt noch viele Vermisste. Wir selbst, die wir keine Opfer waren, können daher viel leichter sprechen. Doch zuerst müssen die Wunden geheilt werden und dann können wir über Aussöhnung sprechen.“

Don Marijan betreut in seiner Pfarre etwa 2.200 Katholiken, vorwiegend Albaner. Wie-tere 2.400 Schäfchen kann nicht betreuen, denn sie leben als Gastarbeiter im Ausland. Das Dorf Velesa selbst zählt 1050 Einwohner. Die Kirche ist ebenso reparaturbedürftig wie die gesamte Infrastruktur:

„Die Infrastruktur ist beschädigt und sehr schlecht; das betrifft die Wasserversorgung, den Müll und die Kanalisation und auch die Straßen sind in keinem guten Zustand. Der Arzt kommt nur zwei Mal pro Woche, doch wir haben eine Ambulanz und die Kranken-schwester betreut uns nicht nur während der Arbeitszeit. Doch das größte Problem ist, dass die Jugendlichen wegen der hohen Arbeitslosigkeit mehr und mehr ins Ausland gehen wollen und das wäre nicht der Fall, wenn es hier Arbeit gäbe.“

Die Bewohner von Velesa und auch viele andere Albaner erhoffen sich von ihrer Bereitschaft zur Aussöhnung mit den Serben auch materielle Hilfe des Westens. Denn nicht nur das Dorf Terrnie ist arm und lebt von seinen Gastarbeitern. So nimmt der Bürgermeister in seiner Greißlerei täglich etwa 50 Euro ein, und der Dorfschullehrer verdient 140 Euro, während ein Liter Milch immerhin 80 Cent kostet. Trotzdem gibt es allein in der Gemeinde Prizren mit etwa 90.000 Einwohnern angeblich 400 Euro-Milionäre und 30 bis 40 Bordelle. Doch der Aufbau von Ordnung und einem Klima, das ausländische Investoren anlockt ist ebenso mühsam wie die Aussöhnung. Einen Beitrag dazu wollen in Serbien auch die katholische Kirche und die Orthodoxie leisten:

„ Allein aus den historischen Tatsachen heraus können wir feststellen, dass dort wo katho-lische Albaner waren, es weniger Konflikte zwischen katholischen Albanern und orthodoxen Serben gab. Obwohl die Katholiken derselben Nation angehören, waren sie in allem doch toleranter und haben die Gemeinschaft mehr gefördert.“

Möglich wird eine gemeinsame Initiative, weil sich das Verhältnis zwischen serbischer Orthodoxie und katholischer Kirche langsam aber stetig entspannt. Medienpolitik, die Frage der Einführung von Militärgeistlichen, Religionsunterricht und der Rückgabe von Kircheneigentum sind Gebiete, auf denen bereits zusammengearbeitet wird. Jüngst fand auch das erste Treffen zwischen der Bischofskonferenz und dem Heiligen Synod statt, das nun jedes Jahr geplant ist. Gebildet wurde eine gemischte Kommission, die prakti-sche Probleme erörtern soll. Dazu zählten auch vertrauensbildende Maßnahmen im Kosovo:

„Jetzt wo sich die Lage einwenig beruhigt hat, besteht die Hauptaufgabe der Kirchen darin, bei ihren Gläubigen das tiefe, religiöse Gefühl zu wecken, damit die Gläubigen wissen, dass sie Propheten sein und zunächst einen Schritt auf den Nachbarn zu gehen müssen, dass sie verzeihen, was in der Vergangenheit war und ein neues Leben beginnen. Gerade wir hier müssen auch Europa helfen im Dialog zwischen Orthodoxie, Katholi-zismus und Islam Fortschritte zu machen, damit es zu einem neuen Einander-Kennen-lernen kommt und zu größerem Vertrauen; denn auf der Basis kann es auch zu stärkerer Zusammenarbeit kommen.“

Noch ist es im Kosovo nicht so weit; doch das Bewusstsein besteht, dass Orthodoxie und katholische Kirche auch hier und vielleicht auch konkret bei der Rückkehr der Serben in Novake eine aussöhnende Rolle spielen könnten. Das ist noch nicht viel; vielleicht ist es daher auch kein Zufall, dass gerade im Raum Novake viele Schildkröten zu finden sind; doch „ Auch der längste Weg, beginnt mit dem ersten Schritt.“

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