× Logo Mobil

Tetovo Universität

Radio
Europajournal
Berichte Nord-Mazedonien
In Mazedonien ist die neue Regierung von Branko Crvenkovski jetzt etwa 100 Tage im Amt. Die Koalition von Sozialdemokraten und der aus der albanischen Freischärlerbewegung her-vorgegangenen Partei DUI hat ein schweres Erbe zu bewältigen. Denn die bürgerkriegsähn-lichen Gefechte im vergangenen Jahr zwischen Albanern und Mazedoniern brachten das Land an den Rande des Abgrunds und konnten nur durch das massive Eingreifen von NATO und EU beendet werden. Doch das Mißtrauen ist noch immer groß, die Staatskassen sind weit-gehend leer und die Regierung hatte bisher alle Hände voll zu tun, um mit Streikbewegungen fertig zu werden. Daß es in Mazedonien aber auch Zeichen der Hoffnung gibt, zeigt etwa in Tetovo die vom Westen finanzierte Südosteuropa Universität. An dieser neuen Universität lernen bereits 2300 Studenten vorwiegend Albaner, doch die Zahl der Mazedonier und anderer Volksgruppen nimmt ständig zu. Unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz hat die Universität besucht und folgendes Porträt vom Studienbetrieb gezeichnet:

Text:

Die Kämpfe um die Stadt Tetovo im Westen Mazedoniens aber auch in anderen Regionen des Landes führten die Albaner auch mit dem Ziel, im staatlichen Bildungssystem die Gleichstel-lung mit den Mazedoniern zu erreichen. Dominierende und staatliche Unterrichtssprache war Mazedonisch. Die sogenannte albanische Universität in Tetovo, mit viel Einsatz von Bevöl-kerung und Diaspora finanziert, bot keinen ausreichenden Zugang zu höherer Bildung. Die Ausstattung glich eher einem schlecht eingerichteten Gymnasium in Österreich vor zehn Jahren und das Niveau erreichte keinen europäischen Standard. Mazedonien erkannte die Universität ebenso wenig an wie der Westen. Doch während der Kämpfe wurde in Tetovo auch an einem Zeichen der Hoffnung gebaut. Vom Westen finanziert errichtete eine öster-reichische Firma aus Fertigteilhäusern eine Universität. Zwar mußte der Bau kriegsbedingt immer wieder unterbrochen werden, doch Ende November 2001, wenige Monate nach dem Friedensschluß, konnte auch die sogenannte Südosteuropa-Universität mit dem Lehrbetrieb beginnen.

Eines der Ziele, die mit dieser Universität erreicht werden soll, formuliert die albanische Stu-dentin Edmira Mechmeti so

3)„Die Albaner in Mazedonien werden völlig integriert sein, eine Diskriminierung wird es nicht mehr geben , sie werden die gleichen Chancen wie die Mazedonier haben und ihrer Stärke entsprechend vertreten sein; diese und andere Maßnahmen werden Mazedonien als ganzem helfen, sich als ein Land der Mazedonier, der Albaner und anderer Völker, in die euroatlantischen Gemeinschaften zu integrieren.“

Edmira ist 23 Jahre alt und kommt täglich aus Skopje mit dem Bus der Universität nach Tetovo. Sie studiert Jus; zu ihren Berufsplänen sagt Edmira:

1) „Ich möchte Anwalt für internationales Recht werden; daher studiere ich Jus und daher habe ich diese Universität gewählt, denn sie bieten viel mehr Entwicklungsmöglichkeiten als die Universität in Skopje auch für eine bessere Aufnahme an ausländischen Universitäten.“

Politisch aktiv ist die Studentin in der Partei DUI, die aus der Freischärlerbewegung UCK hervorgangenen ist. Doch Edmira Mechmeti kämpft nicht nur für die albanische Sache, sondern auch für die Emanzipation der Albanerinnen in ihrer eigenen männerorientierten Gesellschaft. Auch dazu dient die Universität. Von den insgesamt 2300 Studenten ist fast die Hälfte weiblich; junge Albanerinnen sehen somit in dieser Universität auch eine Chance für ihren gesellschaftlichen Aufstieg. Doch die Universität hat nicht nur den Zweck als Kader-schmiede für eine künftige albanische Elite zu dienen. Bildung und Ausbildung sollen die albanische aber auch die gesamte Gesellschaft Mazedoniens verändern, wie die 31-jährige Professorin Teuta Arifi betont:

2)„Die Universität und die höhere Bildung sind wichtig; sie werden es uns ermöglichen, eine neue politische Elite und eine neue Bürgergesellschaft zu entwickeln, die eindeutig offener und moderner sein und sich hauptsächlich an den europäischen Werten orientieren wird.“

Arifi ist seit zwölf Jahren die erste Albanerin im mazedonischen Parlament; sie gehört der Partei DUI an. Gleichzeitig ist sie an der Fakultät für Lehrerausbildung tätig. Sie liest gerade über Samuel Huntingtons Buch „Der Zusammenstoß der Kulturen“. Doch eine Erklärung für den Konflikt in Mazedonien bieten ihrer Ansicht nach Huntingtons Thesen nicht:

1) „Ich würde nicht sagen, daß die Thesen von Samuel Huntington der Lage in Mazedonien sehr entsprechen; denn grundsätzlich spricht er vom starken Zusammenprall zweier Zivil-isationen wie der des Westens und des Islam. Die Gründe für den Konflikt in Mazedonien waren jedoch hauptsächlich politisch; Mazedonier und Albaner gehören zur selben Zivil-isation und das ist die westeuropäische Zivilisation. Die Identität der Albaner ist stärker ein nationale als eine religiöse Identität.“

Diese These stützt das tagtägliche Campusleben. Denn die Universität zieht auch immer mehr Nicht-Albaner an. Im Jahre 2001 waren von 900 Studenten nur 11 Mazedonier und 42 Ange-hörige der türkischen Minderheit. Heuer hat sich diese Zahl unter den 1300 Erstsemestrigen bereits auf 15 Prozent erhöht. Zu deren Zusammensetzung sagt der Rektor Alajdin Abazi

„Dieses Jahr hatten wir bereits 180 Bewerbungen von Nicht-Albanern, vor allem Mazedonier, aber auch mehr als 40 Türken.“

Grund für diese Anziehungskraft über alle Nationalitätsgrenzen hinweg ist die weit bessere Ausstattung im Vergleich zu den zwei staatlichen Universitäten und ein mit 2,5 Millionen Euro beachtliches Budget. Für mazedonische Verhältnisse beachtlich ist auch die Studienge-bühr von 900 Euro pro Jahr, doch werden auch Stipendien vergeben. Insgesamt werden fünf Fächer angeboten, darunter Jus, sowie Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften. Mit mehr als 700 Studenten ist Wirtschaftswissenschaften das beliebteste Studienfach. Neben diesen Fächern werden auch Computerkurse und Sprachkurse für Französisch, Deutsch und Englisch angeboten, wobei an der Fakultät für Lehrerausbildung auch Fremdsprachenlehrer herangebildet werden. Englisch ist neben Mazedonisch und Albanisch eine der drei Unter-richtssprachen, die von den knapp 150 Professoren verwendet wird. Sie stammen aus Maze-donien, aus dem Kosovo aber auch aus Europa und den USA. Mazedonisch und Albanisch müssen alle Studenten ebenso beherrschen wie Englisch. Das heißt, daß auch nicht-alba-nische Studenten Albanisch lernen müssen, eine Verpflichtung, die vor allem für Mazedonier ein Novum darstellt. Doch der Zustrom der Studenten hält an und das gemeinsame Lernen fördert auch den nationalen Ausgleich. Zum Klima unter den Studenten sagt der 20-jährige Agron Sulejmani:

„Das Klima ist wirklich sehr gut, weil bislang hat es keine Probleme gegeben und jeder will mit einem Albaner oder Mazedonier studieren und lernen. Hier gibt es keine Kriege. Wir sind nur hier um zu lernen. Bis jetzt geht es wirklich sehr gut.“

Sulejmani hat fünf Jahre in Deutschland gelebt und studiert nun Germanistik in Tetovo. Er sieht die Universität als Beispiel für ein künftiges Mazedonien:

„Hier ist die Basis Mazedoniens. Ohne diese Basis könnte ein Mazedonien mit Albanern und Mazedoniern nicht existieren. Das ist der erste Schritt in unsere neue Zukunft.“

Doch bis es wirklich so weit ist, werden noch viele Studenten diese Universität absolvieren müssen, denn die Wunden, die die Kämpfe geschlagen haben, sitzen tief.
Facebook Facebook