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Serbiens verlorene Provinz und die Mühen des Aufbaus

Zeitung
Berichte Kosovo
Bereits die Reise von Belgrad in den Kosovo zeigt, wie weit diese überwiegend von Albanern bewohnte Provinz politisch und damit auch räumlich von der serbischen Hauptstadt entfernt ist. Flüge gibt es keine, und wegen der Anschläge albanischer Freischärler ist der Weg über Südserbien versperrt; so bleibt nur die Fahrt über die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien, denn die Straßen sind besser als auf der Route über Kosovska Mitrovica, der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt. Unmittelbar vor dem mazedonischen Grenz-balken hebt ein Beamter eine Gebühr von fünf DM ein, angeblich für die Desinfektion des Autos, in Wahrheit jedoch eine fast schon originelle Form der Devisenbeschaffung. Denn die Desinfektion besteht darin, daß das Auto durch eine etwa 10 Zentimeter tiefe Wanne fährt, die mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit gefüllt ist. Ob und in welchem Ausmaß in dieser abge-standenen Brühe auch Desinfektionsmittel enthalten sind ist unklar. Als Desinfektion des Autos kann das kurze Bad der vier Reifen und des Unterbodens jedenfalls kaum bezeichnet werden.

Nach etwa sieben Stunden Autofahrt ist das erste Zwischenziel erreicht, die Grenze Maze-doniens zum Kosovo. Dort heißt es Umsteigen, denn kein Serbe ist bereit, mit seinem Auto und serbischem Kennzeichen in die Albaner-Provinz zu fahren. Dieser Umstand hat die Kräfte des Marktes beflügelt; so warten am Grenzübergang stets genügend mazedonische oder kosovarische Albaner, die als Taxifahrer arbeiten, gebrochen serbisch oder deutsch sprechen und den Reisenden nach Pristina bringen. Die Taxigebühr für diese 70 Kilometer lange Strecke liegt zwischen 70 und 100 DM. Nach insgesamt neun Stunden Reisezeit, ist die kosovarische „Metropole“ Pristina erreicht. Der tägliche Flug von Wien nach Pristina dauert dagegen etwa 90 Minuten. Dieses Verkehrsmittel hat auch der Franziskaner, Pater Ulrich Zankanella, gewählt, der in Wien die Missionszentrale seines Ordens für Mittel- und Ost-europa leitet. Unser gemeinsames Ziel ist die 151.000 Einwohner zählende Stadt Gjakove, serbisch Djakovica, im Western des Kosovo an der Grenze zu Albanien. Dort leben drei Franziskaner und fünf geistliche Schwestern in einem Kloster. Nach weiteren zwei Stunden Autofahrt ist auch dieses Ziel erreicht.

Im Kosovo ist die katholische Kirche, die Kirche einer Minderheit. Von den geschätzten 1,9 Millionen Kosovaren sind nur etwa 60.000 katholisch, das entspricht etwa drei Prozent der Bevölkerung; sie werden von 35 Priestern betreut. Die Hälfte dieser Katholiken lebt im Raum Gjakovo. Trotz ihrer Minderheitenposition haben die katholische Kirche und vor allem der Franziskaner Orden eine bedeutende geistige und kulturelle Rolle über Konfessionsgrenzen hinaus gespielt. Der Architekt des im 14. Jahrhundert erbauten Serbisch-Orthodoxen Klosters von Decani war Franziskaner. Der aus dem Kosovo stammende Franziskaner Stefan Gjecovi war es, der zu Beginn dieses Jahrhunderts den „Kanuni i Leke Dukagjinit“ verfaßte, einen Kodex, der die Regeln für die Blutrache zum ersten Mal in schriftlicher Form festhielt. Damit sollte wenigsten rechtliche Klarheit geschaffen werden, wenn schon die Blutrache nicht zu beseitigen war und vor allem in Albanien noch immer vorhanden ist.

18 Monate nach Kriegsende verfolgen die Franziskaner im Kosovo zwei konkrete Projekte. In Pristina soll ein Haus erworben und zu einer „Insel des Friedens“ umgestaltet werden. Ziel ist es, den Dialog zwischen Albanern, Serben und allen anderen Gruppen im Kosovo ebenso zu unterstützen, wie die Frauen des Kosovo, die vor allem die Last des Wiederaufbaus zu tragen haben. Daher werden sich an diesem Projekt auch Nonnen der Eggenberger Schulschwestern beteiligen. Zweitens bauen die Franziskaner im Dorf Vogovo, sechs Kilometer von Gjakove entfernt, ein Volksschule. Der Bau hat bisher etwa zwei Millionen Schilling gekostet. Was noch fehlt ist die Inneneinrichtung der Schule wie Bänke, Stühle und Tafeln. Auch dazu sollen die albanischen Gemeinden einen Beitrag leisten, die bereits den Grund zur Verfügung gestellt haben. Auch die Schule selbst und die Lehrer werden von der Kosovo-Verwaltung bezahlt. Ab Herbst sollen etwa 240 Kinder die Volksschule besuchen. Hinter dem Schulbau in Vogovo stehen zwei klare Überlegungen. Erstens wird nun der Schulweg der Kinder von sechs auf maximal zwei Kilometer verkürzt; dies ist nicht unwichtig, denn die Straße an der Grenze zu Albanien wird auch von Schmugglern, Drogen- und Mädchenhändlern benutzt. Zweitens liegt die Schule in einem Gebiet, das von 60 Prozent Katholiken und 40 Prozent Muslimen bewohnt wird. Durch eine gemeinsame Schule soll auch das Miteinander der bei-den Religionen gefördert werden.

Wie belastet das Klima durch die Ära Milosevic und den Kosovo-Krieg ist zeigt ein Besuch im serbisch-orthodoxen Kloster Decani, das im italienischen Sektor der Friedenstruppe KFOR liegt. Einige hundert Meter vor dem Kloster steht ein italienischer Wachposten und unmittel-bar vor den Klostermauern parken italienische Panzer, die die Anlage vor Vandalenakten albanischer Extremisten schützen, die erst Anfang Februar im Kosovo wieder eine orthodoxe Kirche gesprengt haben. Denn die Orthodoxie gilt als Symbol und Bastion des Serbentums, ein Bild das die Kirche zu Beginn der 90-iger Jahre selbst mitprägte, ehe sie sich mehrheitlich von Slobodan Milosevic abwandte, weil sie erkannte, daß dessen Politik in den Untergang führen muß. Die Schändung der Kirchen ist somit ebenso wie der gesamte Kosovo-Konflikt primär politisch (national) und nicht religiös motiviert, ein Umstand, der auch den Einfluß der Kirchen beim Versuch einer Aussöhnung beschränkt. So verurteilenswert die Vandalenakte albanischer Extremisten sind, darf doch nicht vergessen werden, daß serbische Truppen während des Krieges nach Angaben der islamischen Gemeinschaft mehr als 200 Moscheen und die Häuser von 300 Imamen zerstört haben. Allein aus dem Gebiet von Gjakove werden 1.000 Albaner vermißt, von weiteren 300 ist namentlich bekannt, daß sie in serbischen Ge-fängnissen sitzen.

Unter diesen Umständen ist an Aussöhnung oder Rückkehr vertriebener Serben nach Gjakove natürlich nicht zu denken. Auch in Gjakove wird jeder Ausländer gewarnt, öffentlich serbisch zu sprechen. Auf dem Bazar ist das auch gar nicht notwendig; Deutsch gilt hier quasi als erste Fremdsprache; denn viele Albaner haben vor allem in Deutschland und der Schweiz als Gast-arbeiter jahrelang gearbeitet. Die allseits verbreiteten Sattelitenantennen sorgen via RTL, VOX, ARD und andere deutsche Sender dafür, daß die Sprache nicht in Vergessenheit gerät.

Ohne Diaspora könnte die Stadt kaum überleben, denn die meisten größeren Betriebe sind verrotten und die Produktion steht still. Handel und Schmuggel bestimmen denn auch das Stadtbild. Der Bazar zeichnet sich vor allem durch sein enormes Angebot an CDs in Form billiger Raubkopien und sein breites Sortiment an geschmuggelten Zigaretten aus, ein Zeichen dafür, daß die albanische Grenze nur wenige Kilometer entfernt ist.

Im Gemeinderat von Gjakove verfügt die LDK, die Partei des gemäßigten Schriftstellers Ibrahim Rugova, seit den Lokalwahlen vor vier Monaten über die absolute Mehrheit. Am Aufbau der Verwaltung als sogenannter Administrator beteiligt ist auch der Deutsche Klaus Marte, der bereits 18 Monate in der Stadt verbracht hat. Marte hat eine Schlüsselfunktion inne, denn er muß das Budget genehmigen. Auf der Gehaltsliste der Stadt Gjakove, die etwa so viele Einwohner wie Salzburg hat, stehen derzeit 192 Mitarbeiter, von denen etwa die Hälfte auch tatsächlich arbeiten dürfte. 50 Prozent des Jahresbudgets von umgerechnet 11 Millionen Schilling sind durch Gehälter gebunden. Mit dem Rest sollen Schulen, Müll, Verkehr, Wasserversorgung und das Gesundheitswesen finanziert werden. Schwierig ist es auch, geeignetes Personal zu finden; denn der albanische Spitzenbeamte von Gjakove be-kommt 4.400 Schilling im Monat; eine Reinigungsfrau bei der UNO-Verwaltung UNMIK verdient dagegen nach Martes Angaben 7.000 Schilling im Monat und damit auch mehr als Polizisten und Zöllner. Diese Unterschiede entspringen unterschiedlichen Gehaltsschemata, nur ein Zeichen dafür, daß die Abstimmung zwischen diesen Organisationen durchaus ver-besserungsfähig ist. Verbesserungswürdig ist auch die Zahlungsmoral der Einwohner von Gjakove. Nach Martes Angaben bezahlt nur jeder Zehnte seine Rechnungen für Müll, Wasser und Strom. Um so größer ist dagegen die Baulust der Albaner, die durch Bauvorschriften bisher kaum zu regulieren war. Das illegale Bauen zählt nicht nur zu den großen Problemen in Gjakove. So soll in Pristina erst vor wenigen Monaten jener albanische Beamte erschossen worden sein, der das Pech hatte, die erste Abrißgenehmigung zu unterschreiben. Nun soll zur Durchführung derartiger Verfahren die Friedenstruppe KFOR als Begleitschutz herangezogen werden, eine Aufgabe, die die KFOR nur widerstrebend wahrnimmt. Auf die Frage, ob in Gjakove der Abriß eines illegal errichteten Hauses ohne KFOR-Bedeckung möglich ist, antwortet Administrator Klaus Marte knapp: „Ich glaube nicht, nach den Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben.“
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