20260515 Europajournal Sarajewo Safari und Vucic Wehrschütz Mod
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11.000 Bewohner von Sarajewo starben im Bosnien-Krieg in den Jahren von 1992 bis 1995 durch das Feuer der serbischen Belagerer; sie beschossen die Stadt nicht nur mit Granatwerfern und Artillerie; im Einsatz waren auch Scharfschützen, Serben, Söldner aber auch Privatpersonen, die an der sogenannten „Sarajewo-Safari“ teilnehmen konnten. Mehrere hundert Personen, viele davon aus Italien aber nicht nur, sollen auch mit eigenen Waffen nach Sarajewo gebracht worden sein, um ihrer Mordlust frönen zu können. Je nach menschlichem Ziel gab es unterschiedliche Preise, die diese Wochenend-Mörder zu bezahlen hatten. Unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz hat von Laibach über Agram, bis nach Sarajewo und Mailand diesen Fall recherchiert; thematisiert wird dabei auch der Vorwurf einen kroatischen Journalisten, der amtierende serbische Präsident Alexander Vucic habe bei der sogenannten Sarajewo-Safari eine Rolle gespielt, was Vucic als bewusste Verleumdung wertet:
Direkt neben der österreichischen Botschaft in Sarajewo steht ein unscheinbares Gebäude; darin befindet sich ein kleines Museum, das den Kindern gewidmet ist, die während der Belagerung der Stadt von 1992 bis 1995 Opfer des serbischen Beschusses wurden. In dem Museum liegt in einer Lade ein kleines Projektil; abgefeuert von einem Scharfschützen löschte es das Leben von Irina aus, die im Oktober 1993 gerade ihren ersten Geburtstag gefeiert hatte. Ihre Mutter, Stana Cisic, schenke das Projektil dem Museum und erinnert sich:
02:36 Stana Cisic
„Es war gegen 17 Uhr. Wir waren bei meinem Mann; er spielte mit Irina. Ich hielt vor dem Eingang an, wo unsere Nachbarin wohnte, wir unterhielten uns ein wenig. Ich hielt diesen Ort für ziemlich geschützt, weil auf beiden Seiten Gebäude waren. Irina wollte, dass ich sie ein wenig herunterlasse, da sie mit einem Jahr bereits lief. Da hörte ich nur einen dumpfen Ton und sah, dass mein Kind die Kraft verliert.“
Ob Irina ein Opfer eines Schützen wurde, der an der bezahlten Menschenjagd teilnahm, die Sarajewo Safari genannt wird, ist unklar. Weitgehend geklärt ist, obwohl von Medien in Serbien in Bausch und Bogen bestritten, dass es diese sogenannte Safari gab. Einen klaren Hinweis darauf gab etwa vor dem Haager Tribunal im Jahre 2006 der ehemalige US-Marine und Feuerwehrmann in Sarajewo John Jordan; bei seiner Vernehmung als Zeuge sagte er:
0:33 John Jordan
„Ich habe keinen dieser sogenannten Touristen-Schützen schießen sehen. Ich habe nur beobachtet, wie sie geführt und um bekannte Scharfschützenpositionen herumgeführt wurden. Ich habe nie gesehen, wie einer tatsächlich schoss. Aber es war deutlich zu erkennen, dass die Person, die von ortskundigen Männern geführt wurde, sich dort überhaupt nicht auskannte. Ihre Kleidung und die Waffen, die sie trugen, ließen mich vermuten, dass es sich um diese Touristen-Schützen handelte. Auf diesen Ausdruck bin ich zum ersten Mal in Beirut gestoßen, wo wir dasselbe entlang der Grünen Linie beobachtet haben.“
Bleibt die Frage offen, warum das Jugoslawien-Kriegsverbrecher-Tribunal diese Sarajewo Safari nicht weiter verfolgte, zumal es noch mindestens einen geschützten Zeugen, einen Serben, gab, der in Den Haag ebenfalls die Existenz dieser morbiden Vorfälle bestätigte. Ein serbischer Kriegsgefangener war es auch, dessen Verhör den bosnischen Geheimdienst auf die Spur der Safari brachte; demnach bildeten die relative Mehrheit der Schützen Italiener, die bereits im ehemaligen Jugoslawien die größte Gruppe an Jägern aus dem Ausland stellte. Mailand ist denn auch der Ort, wo die Staatanwaltschaft gegen mögliche Schützen aus Italien ermittelt; angestoßen hat diese Ermittlungen der Journalist Ezio Gavazzeni, der ein Buch über die Sarajewo Safari geschrieben hat; einvernommen wurden in Mailand bisher fünf Italiener, sagte mir Ezio Gavazzeni:
12:54 Ezio Gavazzeni
„Dieser fünfte Beschuldigte ist ein Unternehmer aus Brianza, sehr reich, und seine Geschichte wird in meinem Buch erzählt, das ist einer der Beschuldigten, die aus meiner Untersuchung stammen. Die Staatsanwaltschaft beschäftigt sich im Moment damit, die verschiedenen Verdächtigen zu verhören und die Ermittlungen laufen noch, also können wir noch nicht sagen, wie diese Sache enden wird. Die Stadt Sarajevo beteiligt sich in der Person des Bürgermeisters als Nebenkläger im Strafverfahren. Sie hat meine zwei Anwälte als Verteidiger der Stadt Sarajevo eingesetzt. Das ist sehr wichtig, weil es uns erlaubt, als Ermittlungsteam aktiv an der Untersuchung teilzunehmen.“
Seit 30 Jahren befasst sich der kroatische Journalist Domagoj Margetic mit diesem Thema; in Sarajewo präsentierte er Ende April sein Buch mit dem Titel: „Plati i Pucaj!“ – auf Deutsch „Zahl und Schieß!“ Margetic ist der einzige aller meiner Quellen, die den amtierenden serbischen Präsidenten Alexander Vucic explizit beschuldigt, an der Safari teilgenommen zu haben. Bei der Präsentation des Buches antworte Domagoj Margetic auf meine entsprechende Frage so:
01:35 Domagoj Margetic: (Buch)
„Es gibt einen Zeugen der ausgesagt hat, dass er Aleksandar Vučić gesehen hat nicht nur dass er Fremde führt, nicht nur dass er ausländische Jäger zu Positionen auf Grbavica oder auf dem jüdischen Friedhof führt, sondern dass er persönlich auf Zivilisten in Sarajevo schießt, persönlich aus einem Scharfschützengewehr schießt.“
Dieser vermeintliche Zeuge, der auch im Buch vorkommt, heißt Alexander Licanin; dieser trat mit Margetic in einer Sendung Balkan Rules auf; auf die Frage des Moderators, ob er selbst Vucic gesehen habe, musste er verneinen, behauptete aber – ohne Namen nennen zu können – dass andere Kämpfer ihn gesehen hätten. Somit ist Licanin kein wirklicher Zeuge; umstritten sind auch Dokumente, die Margetic in seinem Buch präsentiert; er behauptet ihre Echtheit durch einen Graphologen überprüft zu haben, ein anderer Gutachter hält sie für gefälscht. Unstrittig ist, dass Vucic Mitglied einer paramilitärischen Einheit war, die Sarajewo belagerte, und von der Serbisch-Radikalen Partei gebildete wurde, die damals Vojislav Seselj führte. Dies bestätigte Seselj selbst in einer seiner Aussagen vor dem Haager Tribunal. Unklar ist die Rolle, die der damals 22- oder 23-jährige Vucic unter anderem am Jüdischen Friedhof über der Stadt Sarajewo spielte. Von dort feuerten serbische Scharfschützen in die Stadt, und dort treffe ich Edin Subasic, den ehemaligen Mitarbeiter des bosnischen Geheimdienstes, der 1993 zum ersten Mal von der morbiden Safari erfuhr; zur Rolle von Vucic sagt Edin Subasic:
32:32 Edin Subasic – Rolle Vucic
„Was bisher dokumentiert ist, ist, dass Vučić Mitglied dieser Einheit war, dass er sich auf dem jüdischen Friedhof aufhielt, dass er dabei bewaffnet war, also es ist auch eine Aufnahme erschienen, auf der er weder Regenschirm noch Kamerastativ trägt, sondern tatsächlich ein Gewehr auf der Schulter und das sind unbestreitbare Tatsachen, also es handelt sich um keinerlei Montage, das haben wir geklärt. Wie wichtig er war, könnten Zeugen und Dokumente aufdecken, die das Gericht als relevant akzeptieren würde, beziehungsweise nach Begutachtung und Bestätigung ihrer Authentizität.“
Doch die Qualität des Videos ist schlecht, und ebenso schlecht und kurz ist Vucic im Bild, so dass ich nicht wirklich klären konnte, was er über die Schulter an einem Riemen trägt. Sprechen konnte ich auch mit einem Slowenen, der im ehemaligen Jugoslawien Agent des Geheimdienstes war, und während des Krieges für die USA in Sarajewo arbeitete; sein Tarnname lautet Pischgotnik; er hält eine Beteiligung von Vucic für äußerst unwahrscheinlich. Vucic selbst war bisher zu keiner umfassenden Stellungnahme bereit; nach der Präsentation des Buches bezeichnete er Domagoj Margetic wörtlich als Idiot; diesen Ausdruck verwendete auch Subasic, der Margetic vorwirft, mit gefälschten Dokumenten zu operieren, und durch seine Fixierung auf den serbischen Präsidenten der Aufklärung der Sarajewo Safari zu schaden, die mehr als überfällig ist.
00:36 (SUBAŠIĆ)
Dieser Fall führt dazu, dass er vor Gericht fallen wird mit Fälschungen, mit denen Sie operieren.“
00:41 (MARGETIĆ)
Ja, ja, solche wie Sie, solche wie Sie, 30 Jahre, 30 Jahre auf Befehl von Strukturen, und Sie sind ein politischer Aktivist, Sie sind kein Geheimdienstler. Ich habe keinen Grund, Sie, der lügt, zu kontaktieren. Sie, der Vučić herauszieht, der Mann sagt also öffentlich, Vučić hat nicht an der Safari teilgenommen. Entfernen Sie sich von meinem Stand. Entfernen Sie sich sofort von meinem Stand.
02:31 (SUBAŠIĆ)
Du bist ein psychiatrischer Fall
02:39 (SUBAŠIĆ)
Du bist ein Idiot.