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Reportage aus Zepa

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Berichte Bosnien
3‘35 In Bosnien und Herzegowina finden am Sonntag allgemeine Wahlen statt. Da der Staat der muslimischen Bosniaken, der Serben und der Kroaten sehr kompliziert aufgebaut ist, werden auch sehr viele Institutionen auf einmal gewählt. Es sind dies das drei Personen zählende Staatspräsidium, der Präsident des serbischen Teilstaates, dessen Parlament sowie das Parlament und die zehn Kantone der Bosnisch-Kroatischen Föderation, des zweiten Teilstaates in diesem Land. Dieses komplizierte Staatswesen wurde 1995 vom Westen mit dem Friedensvertrag von Dayton geschaffen; es ist anfällig für politische Blockaden, und auch daher ist das Land am Balkan Schlusslicht auf dem Weg Richtung EU. Die Bürger stimmen daher seit Jahren mit den Füßen ab. Mehr als 500.000 der etwa 3,5 Millionen Einwohner haben Bosnien und Herzegowina seit der Volkszählung vor zehn Jahren verlassen; unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz hat in Bosnien eine Gemeinde besucht, die ein besonders drastisches Beispiel für diese Ab- und Auswanderung bildet, hier sein Bericht: Zepa liegt ganz im Osten Bosniens. Die Gemeinde gehört zum serbischen Teilstaat des Landes. Die Einwohner sind aber alle muslimische Bosnjaken, die sich halten konnten, obwohl auch diese Schutzzone von UNO-Soldaten im Sommer 1995 nicht verteidigt wurde. Das Gebiet ist waldreich, trotzdem gibt es keine nennenswerte Holzverarbeitung. Mangelware sind auch daher Arbeitsplätze, und die Abwanderung ist enorm. Die Grundschule von Zepa zählt nur mehr einen Schüler. Den zehnjährigen Adil unterrichtet die Lehrerin Vanja; sie kommt täglich aus der 50 Kilometer entfernten Stadt Rogatica mit dem Auto, hält drei Stunden Unterricht und fährt wieder zurück. Interview durfte sie keines geben. Adil wohnt etwa 15 Gehminuten entfernt in einem kleinen Haus. Ist es nicht langweilig ohne Klassenkameraden? Adil verneint: 13'2 - Alleinsein ein Problem - 22'9 "Mir gefällt das, ich spiele allein, niemand streitet mit mir." Die 13-jährige Schwester geht in Sarajewo zur Schule, der Vater ist im Wald, um Brennholz für den Winter zu schneiden. Im Haus wohnt noch Adils fünfjähriger Bruder Admir. Den Haushalt führt die 32-jährige Elma, die Mutter der Kinder; unterstützt wird sie von ihrer Schwiegermutter. Die Familie lebt von der Landwirtschaft, erzählt Elma: 1'35'5 - Selbstversorger - 1'57'5 "Wir haben eine Kuh und halten 50 Schafe; deren Fleisch verkaufen wir im Sommer. Die Erträge heben wir für den Winter auf, damit wir bis zum Frühling überleben. Mein Mann ist arbeitslos gemeldet, meine Schwiegermutter hat keine Pension, wir leben von Zuschüssen." Adil soll in Zepa die Grundschule abschließen, Admir noch die Vorschule besuchen, dann aber will die Familie nach Sarajewo ziehen, betont Elma: 4'54'3 - Mutter geht auch - 4'42'3 "Ich kann nicht hierbleiben, weil mein Kind zu klein ist. In ein Internat will ich ihn nicht geben und auch sonst niemandem. Auch mein Mann geht mit, nur meine Schwiegermutter bleibt. In Sarajewo werden wir Arbeit suchen." Bessere Zeiten erlebt hat hier noch der Gemeindevorsteher von Zepa. Nesim Cocalic führt mich durch seinen Ort, in dem nur mehr 150 Familien leben, die in Zepa und den umliegenden Dörfern zu Haus sind; es gibt weder Arzt noch Apotheke oder Lebensmittelgeschäft. Vor einer Ruine bleibt Nesim Cocalic stehen: 2'09'2 - Vor dem Krieg - 2'39'5 "Vor dem Krieg lebten hier zwischen fünf- und sechstausend Familien. Viele arbeiteten in der Landwirtschaft, andere in Geschäften, die es in jedem Dorf gab. Hier gab es auch ein Hotel; in der Nachbargemeinde gab es eine Fabrik, die Kleidung herstellte, da arbeiteten etwa 50 Frauen." Was könnte die Abwanderung stoppen? Nesim Cocalic: 2'47'5 - Fabrik für Pellets - 3'23'5 "Es wäre gut für uns, würde hier eine Fabrik für Pellets eröffnet werden; Holz gibt es genug; viele Wälder sind in Privatbesitz; auch die größere Gemeinde Rogatica und der serbische Teilstaat haben viel Wald." Als Nesim Cocalic in Zepa zur Schule ging hatte er 850 Mitschüler. Nun steht die Schule vor der Schließung – auch, weil in Bosnien und Herzegowina Politiker aller drei Volksgruppen immer wieder nationalistische Vorurteile schüren, statt Probleme zu lösen und ihr Land zu entwickeln.
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