Mein Belgrad

Sonstige / Sonstiges / Buch Kapitel zu Belgrad / 2014-06-30 17:00:00

Einleitung

Zwischen Le Corbusier und Momo Kapor

Detail

Vom schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier (1887-1965) ist folgende Beschreibung Belgrads überliefert, die sich auch auf der Internetseite der Fremdenverkehrs-Organisation der serbischen Hauptstadt wiederfindet: "Belgrad ist die hässlichste Stadt der Welt am schönsten Ort der Welt." Als ich am 14. Februar des Jahres 2000 spätabends mit dem Auto über die menschenleere Autobahn aus Agram kommend zum ersten Mal in Belgrad eintraf, hätte ich der Feststellung des berühmten Architekten wohl weitgehend zugestimmt. Nach wie vor war der serbische Autokrat Slobodan Milosevic an der Macht, und die gegen ihn verhängten, jahrelangen Sanktionen hatten auch in der Stadt ihre Spuren hinterlassen. Auf den Straßen blühte der Schmuggel von Benzin und Zigaretten, streunende Hunde bevölkerten auch die Innenstadt und Stromversorgung und Müllabfuhr funktionierten mehr schlecht als recht. Zu den wenigen westlichen Elementen der Stadt zählten die Filialen der US-Schnellimbisskette MacDonalds, denn die aus Wien gewohnte Vielfalt an Markenartikeln gab es ebenso wenig wie Einkaufszentren. Hoffnungslos veraltet war die technische Infrastruktur. Unser ORF-Büro, das auch als Wohnung diente, lag damals im Villenviertel Senjak; die Telefonanlage des Bezirks soll noch aus den 1930iger Jahren gestammt haben, sodass der Zugang zum Internet einem Glückspiel glich. Für jeden komplexeren Radio-Beitrag musste einen Tag im Voraus ein Studio bei Radio-Belgrad angemietet werden. Zum Glück fand ich bis Mitte April ein Büro im Stadtzentrum, das über eine eigene ISDN-Leitung verfügte, sowie eine neue Wohnung. Sie liegt nur wenige hundert Meter von der serbischen Regierung entfernt - zwischen der polnischen und der damals verwaisten Botschaft der USA, so dass ich – meiner Herkunft gemäß - gewissermaßen eine neutrale Zone bildete.

Der Kalemegdan als grüne Lunge und geschichtsträchtiger Ort
Mitte April des Jahres 2000 fiel das internationale Flugembargo und meine Frau Elisabeth und meine beiden Töchter Michaela und Immanuela besuchten mich zum ersten Mal in der serbischen Hauptstadt. Wegen der Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien und wegen des NATO-Krieges um den Kosovo, in dessen Verlauf auch Belgrad bombardiert worden war, hatte die Stadt damals das Image eines Kriegsgebiets. Nach Belgrad auf ein Wochenende zu fahren, erweckte damals wohl dieselben Assoziationen, die heute eine Reise nach Damaskus oder Bagdad hervorrufen würde. Daher war meinen drei Damen nach der Landung sichtlich nervös, eine Stimmung, die ich mildern konnte, in dem ich meiner Familie die positiven Seiten Belgrads zeigte, von denen der Architekt Le Corbusier ebenfalls spricht. Dazu zählte ein ausgiebiges Essen im Restaurant „Kalemegdanska terasa“. Auch fast 15 Jahre später schwärmen meine Frau und meine Töchter noch immer von Beef Tatare, das sie damals und natürlich auch noch später in diesem Restaurant unter anderem gegessen haben.

Abgesehen von der wohlschmeckenden serbischen Küche bieten das Restaurant und die Festungsanlage aus osmanischer und österreichischer Zeit einen wunderschönen Blick auf die Mündung von Donau und Save, die Belgrads geografische Lage so besonders macht. Am Kalemegdan steht auch das Wahrzeichen Belgrads, der Pobednik (Sieger). Die Statue steht auf einem 17 Meter hohen Sockel und zählt zu den bedeutendsten Werken des Bildhauers Ivan Meštrović. Er erhielt 1912 den Auftrag, ein Denkmal für den Sieg Serbiens im Balkankrieg zu gestalten, das auf der Terazije im Stadtzentrum aufgestellt werden sollte. Doch der Erste Weltkrieg vereitelte zunächst die Pläne. Die Aufstellung erfolgte dann erst 1928, allerdings nicht im Stadtzentrum. Denn die Statue hatte auch wegen ihrer Nacktheit eine ästhetische Kontroverse ausgelöst, die in Belgrad erbittert geführt wurde. Schließlich erfolgte die Aufstellung am Kalemegdan, wobei das Denkmal an den Sieg englischer, französischer und serbischer Soldaten und an die Niederlage Österreich-Ungarns erinnern soll.

Der Park auf der alten Festung, auf dem Kalemegdan, ist Belgrads schönster Park; vor 15 Jahren waren Verkaufsbunden mit Souvenirs praktisch nicht vorhanden, heute gibt es sie zu Hauf, wobei das Angebot vom Ruderleiber über die serbische Fahne bis hin zur traditionellen serbischen Kopfbedeckung Šajkača reicht und sich wohl eher an einheimische Touristen richtet. Der obere Teil der Mütze ähnelt dem Buchstaben V; diese Kopfbedeckung sollen die Flößer auf den Schiffen der Donau im 18. Jahrhundert getragen haben. Zu kaufen lohnt es sich ein Bündel Banknoten, das 500 Dinar, umgerechnet etwas mehr als vier Euro, kostet. Dazu zählt ein Geldschein mit folgendem „Wert“: 500 000 000 000. Der 500 Milliarden Dinar-Geldschein soll die Banknote mit dem größten nominellen Wert sein, der jemals ausgegeben wurde, weil die Hyperinflation zum Jahreswechsel 1993/94 auch die größte Hyperinflation gewesen sein dürfte, die die Welt bisher gesehen hat. Viele Belgrader erzählen noch heute, dass sie sich damals um ihren Lohn am Vormittag noch zwei Eier, am Nachmittag aber nur mehr ein Ei kaufen konnten.

Von unruhigen Zeiten ins ruhige Fahrwasser
Dieser Geldschein ist ein Symbol für die vielen Umbrüche, die Belgrad allein im 20. Jahrhundert überstanden hat – vom Ersten über den Zweiten Weltkrieg und die Ära des kommunistischen Diktators Josip Broz Tito bis hin zum Milosevic-Regime, dessen Sturz am fünften Oktober 2000 die demokratische Wende unter Zoran Djindjic einleitete. Dessen Ermordung am 12. März 2003 sowie die Unruhen im Zusammenhang mit den antiserbischen Ausschreitungen im Kosovo am 17.März 2004 und am Tag der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo am 17. Februar 2008 brachten Belgrad wiederum negativ in die Schlagzeilen der Weltpresse. Mir brachten alle drei Ereignisse nicht nur journalistische Großeinsätze; „brenzlig“ im wahrsten Sinne des Wortes wurde es 2008, weil sich der Zorn der serbischen Demonstranten an der US-Botschaft entlud. Die Botschaft, die damals auch gestürmt und In Brand gesteckt wurde ist von meiner Erdgeschoßwohnung nur durch eine schmale Gasse getrennt. Das Gebäude konnte ich von meinem Wohnzimmer aus gut filmen. Anderseits war vor allem am 17. März 2004 meine Wohnung voll von Tränengas, das die Polizei damals gegen die wütende Menge einsetzte, die buchstäblich auf Steinwurfweite von Botschaft und Wohnung entfernt stand. Seit dem Jahre 2008 haben politische Großdemonstrationen aber eher Seltenheitswert. Ausschreitungen gibt es beim Derby zwischen Roter Stern und Partisan Belgrad, doch das in keine Besonderheit Belgrads. Massive Krawalle gab es allerdings noch einmal bei der „Prideparade“ im Jahre 2010, denn Homosexuelle sind für extremistische serbische Gruppen sogar ein noch größeres Feindbild als die Kosovo-Albaner. Seit damals wurden derartige Veranstaltungen regelmäßig im Stadtzentrum verboten; das wirft zwar kein gutes Licht auf die Versammlungsfreiheit, doch die politische Elite weiß bei derartigen Beschlüssen die Mehrheit der Bevölkerung zweifellos auf ihrer Seite.

Trotz aller Probleme und Herausforderungen hat sich die serbische Hauptstadt seit der demokratischen Wende im Oktober des Jahres 2000 drastisch zu ihrem Besseren verändert und entwickelt. Für mich am wichtigsten ist natürlich die Verbesserung der technischen Infrastruktur. Waren wir vor 14 Jahren froh, einen Radiobeitrag via Internet überspielen zu können, schicken wir heute auf diese Weise praktisch auch alle TV-Beiträge nach Wien, und das Bestellen einer kostspieligen Satellitenleitung erfolgt nur mehr bei Liveeinstigen. Twitter und Facebook wird von den serbischen Politikern sogar intensiver genutzt als in Österreich, weil diesen sozialen Medien billig sind und jede Institution hat natürlich ihre Internetseite. Wlan-Verbindungen haben auch viele kleine Restaurants, bei denen man diese technische Errungenschaft auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Dazu zählt mein traditionelles Beißl, das „Znak Pitanja“ (Fragezeichen) in einer Seitenstraße der Fußgängerzone. Geboten wird in dem „Kafana“ traditionelle serbische Küche, die zum geflügelten Wort führte, dass die größte Herausforderung für Ausländer in Serbien daran besteht, ihr Gewicht zu halten. Am Abend spielen im Znak Pitanja Musikanten natürlich auch auf Bestellung der Gäste. Im „Fragezeichen“ traf ich mich nach meiner Ankunft in Belgrad zum ersten Mal mit einem Informanten; doch abgesehen von der Nostalgie bildet dieses Beißl einen architektonischen Kontrapunkt zu den vielen modern gestalteten Restaurants in Belgrad, und zur „Fressstraße“ Skadarlija, dem Belgrader Pendant zu Grinzing in Wien. Das Gebäude ist fast 200 Jahre alt und zählt zu den wenigen in Belgrad, die in diesem alten Stil noch vorhanden sind. Seinen ungewöhnlichen Namen erhielt das Beißl 1892 nach einem Streit des Eigentümers mit der Serbisch-Orthodoxen Kirche. Die Kirche, in der die Patriarchen inthronisiert werden, liegt auf der anderen Seite der Straße, und der Wirt wollte daher sein Lokal „Kod Saborna Crkva“ (frei übersetzt: „Beim Dom“) nennen. Dagegen protestierte die Kirche, die nicht wollte, dass ein Beißl diesen Namen trägt. Als Zwischenlösung brachte der Wirt daher ein Fragezeichen an, das rasch zum Namen wurde, den das Lokal bis heute trägt. Bis vor einigen Jahren hatte das „Fragezeichen“ noch einen viel schöneren Gastgarten, der leider dem Anbau weiterer überdachter Plätze zum Opfer fiel, weil natürlich auch immer mehr Touristen das „Znak Pitanja“ heimsuchen. Diesen Gastgarten nutzen wir einmal für einen Dreh über den mutmaßlichen bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Er hatte während seiner Flucht eine Satire über Bosnien geschrieben, das in einer „Kafana“ spielte. Um es ins Bild zu setzten engagierten wir vier serbische Schauspieler und filmten die Schlüsselszenen im Gastgarten des „Znak Pitanja“.

Museen, Silicon Valley statt Milosevic
Belgrad ist zweifellos eine Stadt, in der es sich lohnt, ein verlängertes Wochenende zu verbringen, selbst wenn man des Serbischen nicht mächtig ist, und daher die vielen Sprechtheater nicht nutzen kann. Abgesehen von den vielen Restaurants auch in der Form von verankerten Schiffen an den Flussufern, bemüht sich die Tourismusorganisation, die Stadt durch viele Festivals und Veranstaltungen attraktiv und international bekannt zu machen. 640.000 Touristen zählte die Stadt im Vorjahr; das etwa gleich große Wien verzeichnete dagegen im Vorjahr 5,8 Millionen Gästeankünfte. Der Vergleich mag unfair sein, er zeigt aber, dass Belgrad noch sehr viel Potential besitzt. Lohnend ist jedenfalls der Besuch des Tito-Mausoleums, in dem nun auch seine im Oktober 2013 verstorbene Witwe Jovanka Broz beigesetzt ist. Sehenswert ist auch das Museum des Genies Nikola Tesla; zwar verbrachte Tesla nur einen einzigen Tag seines Lebens in Belgrad, sein Nachlass wurde jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg nach Belgrad gebracht. Das Museum bietet beschränkte interaktive Möglichkeiten und einen brauchbaren Überblick über Teslas Wirken. Bescheiden wie überall in Serbien ist der Museumshop, so dass Touristen kaum in Versuchung geraten, mehr Geld als für die Eintrittskarte auszugeben.

Belgrad hat es noch nicht wirklich verstanden, sich im Städtetourismus klar zu positionieren, auch ein zündendes Motto für die Stadt fehlt bisher. Wirklich sehenswert ist das Luftfahrtmuseum am Flughafen, das sehr gut erhaltene Originale auch aus der Frühzeit der Luftfahrt in Serbien und aus dem Zweiten Weltkrieg bietet. Hinzu kommen die Relikte aus dem Kosovo-Krieg des Jahres 1999 sowie viele Exponate der zivilen Luftfahrt in Serbien. Leider gilt auch für dieses Museum das bereits erwähnte mangelnde Marketing-Verständnis der Museumsverwaltungen, doch wird der Besucher durch den Reichtum an Exponaten und die exzellente Fachkenntnis der Führer entschädigt. Zu besichtigen gibt es im Stadtzentrum gegenüber der Regierung noch eines von zwei im Kosovo-Krieg zerstörten Gebäuden, die noch nicht renoviert worden sind. Dazu zählt der ehemalige Generalstab, der nach wie vor eine Ruine ist. Dafür dürfte weniger der Wunsch verantwortlich sein, ein Mahnmal gegen die NATO-Aggression zu bewahren; vielmehr haben wohl bürokratischer Dschungel, Geldmangel und der Mangel an klaren Plänen dazu geführt, dass diese beiden Gebäude noch nicht abgerissen oder erneuert worden sind. Wie sehr sich das Image der Stadt geändert hat, wie sehr die Schatten der Vergangenheit verblasst sind, zeigte mir folgendes Erlebnis. Nach dem abendlichen Einkauf beim Greißler gegenüber meiner Wohnung wartete ich bei der Ampel auf die Grünphase. Plötzlich hielt ein Auto mit vier jungen Deutschen, die mich nach dem Weg zum „Silicon Valley“ fragten. Gemeint ist damit allerdings kein Zentrum für Hochtechnologie in Belgrad, sondern die Strahinjica-Bana-Straße im Zentrum. Die vielen Bars und Restaurants bevölkerten jedenfalls noch vor einigen Jahren viele junge Damen, die ihr Aussehen durch Schönheitschirurgen verändert haben, die internationales Ansehen genießen und in Belgrad weit billiger sind als etwas in Österreich. Daher nutzen auch viele Auslands-Serbinnen die Möglichkeit u einer Operation in Belgrad. Ob das Belgrader „Silicon Valley“ seinen Ruf noch gerecht wird, entzieht sich meiner Kenntnis, doch allein die Frage der jungen Deutschen zeigt, dass Belgrad heute nicht mehr mit Milosevic, Mladic und Karadzic, verbunden wird, sondern mit einem Nachtleben, das vor allem zu Silvester auch viele junge Slowenen anzieht. Berühmt sind einige Discotheken und Klubs, die ich auch deshalb noch nie betreten habe, weil die Gäste nicht meinem Alter entsprechen und ich keine Lokale mag, in denen ich mich nur schreiend unterhalten kann. So drehten wir für die Dokumentation „Mein Belgrad“ im Barrestaurant Frida über dem Ufer der Save, das auch viele Ausländer gerne bevölkern. Dabei maß mein Kameramann eine Lärmbelastung von bis zu 100 Dezibel, vor allem wenn die Band spielte, deren Musik gut aber ebenso laut ist, dass Gespräche am späten Abend nur schwer möglich sind.

Das neue Belgrad-Bild fördern, sollen auch Veranstaltungen. Dazu zählen der Stadt-Marathon, das Bier-Fest, das Donau-Fest auf der Festung sowie viele Sportveranstaltungen, wie etwa ein Weltcup im Wasserschi. Darüber hinaus bietet die Ada Ciganlija, die Belgrader Form des Wiener Gänselhäufels, auch Touristen die Möglichkeit zur Abkühlung. Ganz in der Nähe steht das neue Wahrzeichen, die erste neue Brücke seit fast 30 Jahren. Gebaut vor allem von einer österreichischen Firma ist die Schrägseilbrücken über die Save mit einer Hauptspannweite von 376 Metern, einer Überbaubreite von 45 m und einem 200 m hohen Pylon zurzeit die größte asymmetrische Schrägseilbrücke auf der Welt. Trotzdem ist der Stau zu Stoßzeiten nach wie vor groß, weil Belgrad keine U-Bahn hat. Geblieben sind auch die hohe Umweltbelastung durch den Straßenverkehr und die eher schlechte Qualität des Trinkwassers, Probleme mit denen viele anderen Städte in Reformstaaten zu kämpfen haben, die aber für Touristen zweitrangig sind. Ganz besonders drastisch verändert haben sich jedoch das Zentrum Belgrads und die Möglichkeiten zum Einkaufen. Die Fußgängerzone ist wieder zum Belgrader „Corso“ geworden, die mit ihren vielen Kaffees und Schanigärten ein mediterranes Flair vermittelt. Das bekannteste Einkaufszentrum der Stadt liegt allerdings in Neubelgrad; entstanden ist es um das ehemalige Hochhaus des Zentralkomitees des Bundes der jugoslawischen Kommunisten. Im Kosovo-Krieg mit Tomahawk cruise missiles bombardiert, hielt die Statik jedoch dem Beschuss stand. Während das Hochhaus eine Bank und Firmen beherbergt, wurde darum ein Einkaufszentrum gebaut, das in dieser Dimension ohne weiteres in Wien und anderen europäischen Großstädten stehen könnte. Viele Belgrad nutzen dieses Zentrum mit seinen Kinos und einer Kegelbahn zum Zeitvertreib, denn in Zeiten der Krise fehlt oft das Geld für teure Einkäufe.

„Belgrad am Wasser“
Belgrad ist das politische Zentrum Serbiens. Nach der Volkszählung des Jahres 2011 zählte die Stadt 1,6 Millionen Einwohner. Die Stadtbevölkerung wächst, aber nur wegen der Zuwanderung, sprich vor allem wegen der Binnenwanderung in Serbien. Während viele Dörfer und kleinere Gemeinden sterben, wanderten zwischen 2006 und 2011 85.000 Personen zu. Das Durchschnittsalter liegt bei 41 Jahren und Belgrad und Serbien zählen zu den Ländern mit der ältesten Bevölkerung weltweit. Serbien verliert pro Jahr durch Geburtenrückgang, höhere Sterberate und Auswanderung bis zu 35.000 Einwohner, das entspricht der Stadt Feldkirch in Österreich. Die Zwei-Millionen-Marke soll Belgrad jedenfalls frühestens im Jahre 2021 erreichen; die Stadt ist nach der Region Vojovinda die zweitgrößte von insgesamt sechs statistischen Regionen in Serbien. Sollte es nicht zu einer massiven regionalen Entwicklung kommen wird die Landflucht anhalten. Weiter gefördert werden könnte die sogenannte „Beogradisacija“ Serbien durch ein altes, gigantisches Entwicklungsprojekt, in das ein Investor aus Dubai nun drei Milliarden Euro stecken will. Das Projekt heißt „Belgrad am Wasser“ und sieht ein neues Geschäftszentrum für Südosteuropa vor. Geplant sind der Bau von etwa 1,5 Mio. m² Nutzfläche auf einer Gesamtfläche von 88 Hektar vor. Das Besondere daran ist, dass die neuen Bauten entlang des rechten Save-Ufers im Stadtzentrum entstehen sollen. Doch der aktuelle Belgrader Hauptbahnhof wirft Probleme auf. „Belgrad am Wasser“ soll an der Stelle entstehen, wo sich derzeit der Belgrader Hauptbahnhof mit allen Haupt- und Nebengleisen befindet. Das bedeutet, dass der Bahnhof umziehen muss. Schon seit 1977 wird ein neuer Hauptbahnhof in Belgrad in etwa zwei Kilometern Entfernung vom alten Bahnhof gebaut. Geldmangel und viele administrative Probleme haben bislang den Bau des neuen Bahnhofs verzögert. Nun soll dieser aus einem Kredit des kuwaitischen Fonds zur arabischen Wirtschaftsentwicklung im Wert von 25 Mio. EUR fertiggestellt und das Areal für den neuen Stadtteil frei gemacht werden. Das ambitionierte Stadterneuerungsvorhaben soll in fünf bis sechs Bauphasen umgesetzt werden. In der ersten Phase, die bereits im Herbst 2014 starten könnte, würden zunächst ein riesiges Einkaufszentrum und ein Turm entstehen. Das ganze Projekt soll nach Ansicht der Investoren in fünf bis sieben Jahren umsetzbar sein. Geplant sind auch Hotels und Luxuswohnungen. Bereits stark entwickelt hat sich in den vergangenen Jahren Neubelgrad, und zwar zum Wirtschaftszentrum der Hauptstadt. Hier haben viele Firmen ihren Sitz, weil mehr Platz vorhanden und der Flughafen rascher zu erreichen ist. Somit liegt das wirtschaftliche Herz in Neubelgrad, das politische schlägt aber im alten Stadtzentrum.

Was ist mein Belgrad?
Serbien ist stark zentralisiert, und daher befinden sich auch alle wichtigen Behörden und Institutionen in der Hauptstadt. Im Dreieck zwischen Rathaus, Präsidentenpalast und dem nunmehr serbischen Parlament spielten sich die entscheidenden Ereignisse ab, die am 5. Oktober 2000 zum Sturm auf das Parlament und in weiterer Folge zum Sturz von Slobodan Milosevic führten. Der Park zwischen Rathaus und Präsidentenpalast wurde vor einigen Jahren ebenso erneuert wie die Pflasterung in einer der zentralen Straßen im Zentrum, der Ulica Kralja Milana, der König Milan Straße. Bei der Neugestaltung vergaß die Stadt auf eine sinnvolle Lösung für die Müllabfuhr. In dieser auch von Touristen bevölkerten Straße müssen die Bewohner regelmäßig ihren Müll an den Straßenrand stellen, weil es keine eingebauten Container gibt, und ein längeres Halten in dieser stark befahrenen Straße unmöglich ist. In der Kralja Milana, die wie so viele andere Straßen auch je nach politischem Regime bereits mehrere Namen trug, liegt das Büro des ORF. Von hier aus betreue ich mit Hilfe meiner Mitarbeiter das gesamte ehemalige Jugoslawien und Albanien, das sind acht Länder. Zwei Jahre zählte auch Bulgarien zu meinen Zielländern, 2014 war ich im ersten Halbjahr noch dazu weitgehend in der Ukraine. Das Büro hat zwei ständige Mitarbeiter, die mir bei der Planung aller Dienstreisen und bei allen Tätigkeiten helfen, die zum Büroalltag gehören. Länger als ich zur Mannschaft zählen das Drehteam in Serbien und mein Cutter, mit dem ich die Beiträge schneide und der auch das TV-Archiv verwaltet. Hinzu kommen noch eine Putzfrau und unser Fahrer, die alle nicht angestellt aber trotzdem langjährige Mitarbeiter sind. Insbesondere unsere Putzfrau Nena entspricht nicht dem Bild, das viele serbische Putzfrauen vermitteln, die in Österreich arbeiten. Nena ist ein Flüchtling des Bosnien-Krieges, hatte in ihrer Heimat einen ganz anderen Beruf, ist gebildet und interessiert, und mit ihr kann man über serbische Geschichte ebenso sprechen wie über Dostojewskij. In Belgrad beginnt mein Arbeitsalltag damit, dass mir ein privater Zeitungsausträger alle serbischen Tageszeitungen um sechs Uhr früh in die Wohnung bringt. Auch er beliefert mich bereits seit 15 Jahren. Um 0900 bin ich dann in der Regel im Büro, das nur fünf Gehminuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Das Balkan-Büro hat kein eigenes Auto und mein Fahrer fährt hauptberuflich Taxi und mich auf alle Dienstreisen außerhalb Serbiens, die nicht mit dem Flugzeug machbar sind. In den Zeiten des Milosevic-Regimes gab es keinen internationalen Zahlungsverkehr, daher kam ich regelmäßig mit viel Bargeld (DM) nach Belgrad. Ein verlässlicher Fahrer war daher besonders wichtig; wichtig ist er aber auch deshalb, weil ich auf Dienstreisen das Auto als Büro nutze, und bei nächtlichen Fahrten nach anstrengenden Drehtagen nicht auch noch hinter dem Lenkrad sitzen will. In all „meinen“ Ländern (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Albanien) nutze ich stets lokale Drehteams und Produzenten. Hat man sie ein Mal gefunden haben diese Mitarbeiter den enormen Vorteil, dass sie ihre Länder alle viel besser kennen als Teams, die von außen kommen. Bereits vor dem Einsatz in der Ukraine war ich im Durchschnitt pro Jahr fast 180 Tage auf Dienstreise. Belgrad ist somit die Zentrale von der ich den Balkan aus bearbeite. Fast 15 Jahre lebe und arbeite ich in dieser Stadt, doch meine Heimat liegt bei meiner Familie, die mich und meine vielen „Fehlstunden“ bisher tapfer ertragen hat. Die Serben sind ein kontaktfreudiges und gastfreundliches Volk, und Belgrad bietet viele Möglichkeiten. Wegen seiner Geschichte ist Belgrad sicherlich keine Liebe auf den ersten Blick. Doch für die Stadt gilt das Wort des serbischen Schriftstellers, Malers und Schauspielers Momo Kapor ( 1937 -2010): "Belgrad ist das Low-Budget-New York."



Das originellste Museum:
Das Luftfahrtmuseum (Muzej Vazduhoplovstva)
Hier findet man eine fantastische Ansammlung an Flugzeugen und Ausstellungsstücken von der Pionierzeit der serbischen Luftfahrt über den Zweiten Weltkrieg bis hin zum Kosovo-Krieg. Dazu zählen die abgeschossene F-16C und die Überreste des „unsichtbaren“ Stealth-Bombers, des einzigen Modells, das außerhalb der USA zu besichtigen ist. Das Museum liegt 18 Kilometer vom Stadtzentrumentfernt am Flughafen Belgrad nur wenige Hundert Meter von der Abflughalle entfernt. Öffnungszeiten: Montag: 0900 – 1600, Dienstag bis Sonntag: 0900 – 1830. http://www.muzejvazduhoplovstva.org.rs
Kontakt: 381 (011) 2670-992, kontakt@muzejvazduhoplovstva.org.rs, airmuseum@gmail.com
Aerodrom "Nikola Tesla" Beograd p.f. 35; 11271 Beograd-Surčin, Srbija

Der schönste Park
Kalemegdan
Der Kalemegdan; er ist das wichtigste historische Denkmal und gleichzeitig der schönste Park Belgrads. Der Name stammt aus dem Türkischen, wobei das Wort „Kale“ Festung und das Wort „Megdan“ bedeutet Kampf oder Schlacht. Der Park liegt auf der Festung Belgrads, beherbergt das Militärmuseum der Stadt sowie viele Stände, in der Touristen Andenken und Souvenirs kaufen können. Die Festung bietet einen wunderschönen Blick über die Mündung von Donau und Save sowie nach Zemun, das alte Semlin, die ehemalige Reichsgrenze zwischen Serbien und der K.und K. Monarchie. Außerdem gibt es am Kalemegdan eines der schönst gelegenen Restaurants der Stadt (Kalemegdanska terasa), das oft für Hochzeiten und Empfänge genutzt wird. Am Kalemegdan steht auch das Wahrzeichen der Stadt, der „Pobednik“ (Sieger).
http://www.beograd.rs/cms/view.php?id=301327

Das (subjetkiv) beste Esslokal:
Lorenzo Kakalamba
In Belgrad soll es etwa 3500 Restaurants und kleine Esslokale geben, so dass es schwer fällt, auch subjektiv das Beste zu nennen. Das originellste Restaurant ist für mich Lorenzo Kakalamba auf jeden Fall, und zwar wegen seiner Einrichtung. Das Restaurant bietet eine Mischung aus der Küche von Pirot und Florenz, aber auch traditionelle serbische Gerichte werden natürlich angeboten. Hinzu kommt eine große Auswahl guter serbischer Weine. Lorenzo Kakalamba liegt etwas außerhalb traditioneller touristischer Routen ist aber mit dem Taxi vom Zentrum in wenigen Minuten zu erreichen. Öffnungszeiten: täglich von 12-23 Uhr.
Adresse: Cvijićeva 110, 11000 Beograd
Reservierungen +381 (0) 11 32 95 351, (+381) 064 80 87 806 http://www.lk.rs

Der beste Markt:
Kalenic Pijaca
„Kalenic Pijaca“ (пијаца Каленић), der Kalenic Markt, ist eine Sehenswürdigkeit, weil er einen Eindruck in das tägliche Leben der Belgrader vermittelt. Hier kaufen die Bewohner der serbischen Hauptstadt täglich Gemüse, Obst und Grünzeug. Doch der Markt bietet nicht nur Lebensmittel, sondern trägt auch Züge eines Flohmarktes, wo es von Fischen fürs Aquarium über alte Bücher und Textilien alles Mögliche zu kaufen gibt. Kalenic Pijaca liegt im kleinsten Belgrader Stadtbezirk Vracar. Er Markt besteht seit dem Jahre 1926. Er liegt an der Ecke zwischen Njegos- und Maxsim Gorki-Straße. Einen Blick über die (überdachten) Buden ermöglicht der angrenzende Parkplatz. Touristen sind hier kaum zu finden.
http://www.bgpijace.rs/market.php?id=167

Österreicher in Belgrad
Moritz Eis
Wer Lust auf ein gutes Eis und ausgefallene Sortenkombinationen hat, sollte bei Moritz Eis in der Fußgängerzone im Herzen Belgrads vorbeischauen. Der Name des Geschäfts ist in deutscher Sprache angeschrieben, weil damit auch deutsche Qualität vermittelt werden soll, denn Produkte aus Deutschland genießen unter den Serben einen sehr guten Ruf. Das Geschäft gehört dem Oberösterreicher Moritz Fried, der sich in Belgrad mit seinem Eis rasch einen guten Namen gemacht hat.
Ulica Vuka Karadžića 9, Belgrad +381 60 5544455, Öffnungszeiten: 10 bis 230 Uhr
www.facebook.com/MoritzEis http://www.moritzeis.com/

Mein Geheimtipp
Die Bäckerei Trpkovic
Diese Bäckerei (Пекара Трпковић) ist ein Familienbetrieb, der im Jahre 1905 gegründet wurde. Hier wird nach Ansicht vieler Belgrader das beste Burek der Stadt gemacht. 300 Gramm Burek mit einem Joghurt kosten umgerechnet etwas weniger als einen Euro. Diese Portion wird sehr gerne als Frühstück gegessen; sie ist eine Kalorienbombe, so dass sich damit auch wenig betuchte Belgrader ihren Magen für einen halben Tag füllen können. Neben Burek bietet Trpkovic einen großen Reichtum an Gebäck und Backwaren, und vor dem kleinen Geschäft im Stadtzentrum stehen Käufer oft Schlange. Mehr als einhundert Kilogramm Burek, vorwiegend mit Weißkäse und weniger mit Fleisch verkauft allein diese Filiale pro Tag. Die Bäckerei Trpovic ermöglicht einen Einblick in die Essensgewohnheiten der Belgrader, jenseits von Restaurants sowie den gut bekannten serbischen Fleischspeisen.
Adresse: Slavija, Ulica (Straße) Nemanjina 32
www.pekaratrpkovic.rs
https://de.foursquare.com/v/pekara-trpkovi%C4%87/4d4ab5a383eda1cd6047b5b1