Die religiöse Neuordnung der Ukraine nach der Bulle

Ukraine / Fernsehen / Orientierung / 2019-02-02 13:00

Einleitung

Seit dem Orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Jänner, ist die Orthodoxe Christenheit um eine weitere selbständige Kirche reicher – die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche. Ihr verlieh an diesem Tag im Phanar in Istanbul der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, die Autokephalie, sprich die kanonische Selbständigkeit. Damit verbunden sind aber massive kirchliche Spannungen in der Ukraine und den orthodoxen Kirchen der ganzen Welt. Einerseits stößt die Entscheidung durch Konstantinopel auf massiven Widerstand in Moskau aber auch orthodoxer Kirchen in anderen Ländern. Andererseits geht es nun in der Ukraine um massive Änderungen orthodoxer Kräfteverhältnisse. Vorbedingung der Verleihung der Bulle durch Patriarch Bartholomäus war ein Vereinigungskonzil in Kiew, bei dem sich zwei

Detail

Seit dem Orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Jänner, ist die Orthodoxe Christenheit um eine weitere selbständige Kirche reicher – die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche. Ihr verlieh an diesem Tag im Phanar in Istanbul der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, die Autokephalie, sprich die kanonische Selbständigkeit. Damit verbunden sind aber massive kirchliche Spannungen in der Ukraine und den orthodoxen Kirchen der ganzen Welt. Einerseits stößt die Entscheidung durch Konstantinopel auf massiven Widerstand in Moskau aber auch orthodoxer Kirchen in anderen Ländern. Andererseits geht es nun in der Ukraine um massive Änderungen orthodoxer Kräfteverhältnisse. Vorbedingung der Verleihung der Bulle durch Patriarch Bartholomäus war ein Vereinigungskonzil in Kiew, bei dem sich zwei Kirchen zusammenschlossen, die Autokephale Kirche der Ukraine und die orthodoxe Kirche des Kiewer Patriachats. Zum Oberhaupt dieser Ukrainisch-Orthodoxen Kirche wurde der 40 jährige Epifanij Dumenko gewählt, der nun den Titel Metropolit von Kiew führt. Von der Kirche des Moskauer Patriarchats nahmen nur zwei der 90 Bischöfe am Vereinigungskonzil teil, allerdings sind mehr als 100 Pfarren bereits übergetreten. Hinzu kommt, dass das Moskauer Patriarchat seine religiöse Autonomie durch die ukrainische Politik bedroht sieht, während die neue Kirche sich erst registrieren und intern ordnen muss. In der Ukraine besteht somit nach wie vor eine Kirchenspaltung, die zu massiven Konflikten auch unter den Gläubigen führen könnte. Eine Bestandsaufnahme der Lage hat unser Ukraine-Korrespondent Christian Wehrschütz vorgenommen:

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der Ukraine

Inserts: Kamera: Wasilij Rud, Alexander Alexejew, Korhan Tokatli

Schnitt: Jaroslaw Sawitzkij

Insert1: Mikola Jorga, Mitglied der Pfarre der Heiligen Katharina in Kiew

Insert2: Alja Schandra, Angehörige der Pfarre der Heiligen Katharina in Kiew

Insert3: Bartholomäus, Ökumenischer Patriarch

Insert4: Epifanij (Dumenko), Metropolit von Kiew

Insert5: Epifanij (Dumenko), Metropolit von Kiew

Insert6: Mikola Danilewitsch, Ukrainisch-Orhtodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats

Insert7: Igor Koslowskij, Ukrainischer Religionswissenschaftler

Insert8: Petro Poroschenko, Ukrainischer Präsident

 

Gesamtlänge: 8’15

Die Ukraine hat eine enorme religiöse Vielfalt. Etwa 1.500 kirchliche Organisationen sind registriert; die klar führende Rolle spielt bisher die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, die etwa 12.000 Pfarren zählt. Zur neuen Ukrainisch-Orthodoxen Kirche traten bisher nur zwei Bischöfe und etwas mehr als 100 Pfarren über. Diesen Schritt vollzog in Kiew vor einer Woche die in diesem Haus untergebrachte Pfarre der Heiligen Katharina. Debattiert wurde seit Dezember auf friedliche und zivilisierte Weise. Die geplante Abstimmung wurde eine Woche vorher angekündigt. Schließlich stimmten 65 Personen für den sofortigen Übertritt bei einer Gegenstimme und zwei Enthaltungen. Die vom Gesetz vorgesehene Zweidrittelmehrheit für den Übertritt wurde somit erreicht:

„Das ist die Möglichkeit, die eigene ukrainische Kirche im eigenen Land aufzubauen. Das heißt mehr Kontrolle darüber, wie die eigene Kirche sein soll. Das heißt auch, sich von der Kirche zu entfernen, die die Taten des russischen Aggressors unterstützt, was ebenfalls sehr wichtig ist. Das ist die Möglichkeit in eigener Würde zu wachsen.“

Warum stimmten Sie für den Übertritt?

 

„Für mich ist das eine natürliche Entscheidung, nachdem uns das Ökumenische Patriarchat die Autokephalie erteilt hat. Ich kenne hier alle persönlich; somit ist niemand gekommen von außen, um abzustimmen.“

In Istanbul, dem früheren Konstantinopel des oströmischen Reiches, wurde die Autokephalie am 6, Jänner, dem Tag des Orthodoxen Weihnachtsfestes, gewährt. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus, feierte mit einer Delegation hochrangiger ukrainischer Kirchenfürsten die Heilige Messe. Ebenfalls anwesend war Staatspräsident Petro Poroschenko. Bei der Messe betonte der Patriarch die historische Rolle Konstantinopels:

„Ihr wurdet in Christus geboren, doch die Taufe bekamt ihr im Jahre 988 von Konstantinopel. Wir wünschen, dass der kleine Jesus, der Frieden in die Welt brachte, Frieden auch in die Ukraine bringen wird. Ich werde immer für die Ukraine beten, wie ich das auch bis zum heutigen Tag getan habe.“

Gegen den massiven Widerstand aus Moskau und trotz der Ablehnung durch andere orthodoxe Kirche verlieh Bartholomäus dem Kiewer Metropoliten Epifanij die Bulle, mit der Konstantinopel die Autokephalie, die Selbständigkeit, der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche anerkannte. Sie ist ein Zusammenschluss aus zwei Ukrainisch-Orthodoxen Kirchen, der im Dezember bei einem Vereinigungssynod in Kiew erfolgte; dabei wurde Epifanij in einer Kampfabstimmung zum Metropoliten gewählt. Den Titel Patriarch gewährte Konstantinopel nicht, das in kanonischen Fragen weiter eine wichtige Rolle in Kiew spielen kann:

"Natürlich besteht das Recht der Berufung an Konstantinopel, davon haben ja auch wir Gebrauch gemacht. Wir sind zwar juristisch völlig unabhängig, doch auch künftig werden wird diese geistlichen Verbindungen mit unserer Mutter-Kirche fühlen. Sie hat kein Recht, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen, doch sollten komplizierte Fragen auftauchen, die wir selbst nicht lösen können, dann können wir uns an den Ökumenischen Patriarchen wenden."

Zuversichtlich ist Epifanij, dass verstärkt Pfarren übertreten werden:

"Künftig wird es viele Übertritte geben. Jede religiöse Gemeinde hat das Recht ihre Zugehörigkeit zu ändern, doch bisher gab es keine klare gesetzliche Regelung, wie diese Änderung zu erfolgen hat. Diese Frage hat der Staat nun geregelt, damit alles friedlich und freiwillig abläuft, und Konflikte vermieden werden können. Wir glauben, dass es auf der Basis dieser Gesetze keine Konflikte geben wird."

Friedlich war es nicht immer; vor allem in kleinen Gemeinden gab es in den 90iger Jahren handfeste Konflikte um das Kircheneigentum, das von Übertritten betroffen war. Daher fehlt es nicht an Aufrufen zur Mäßigung und das neue Gesetz, das Übertritte regelt, sieht die gemeinsame Nutzung von Kirchen durch verschiedene Konfessionen vor. Trotzdem beklagt das Moskauer Patriarchat Fälle versuchter illegaler Übernahme:

"Wir haben etwa 30 Fälle von versuchtem Kirchenraub gezählt. Das läuft so ab: der Vorsitzende eines Dorfes oder ein anderer Beamter überschreitet seine Kompetenzen, versammelt Leute, die dann dafür stimmen, dass eine Kirche in eine andere Jurisdiktion übertritt. Wir haben einen Fall im Kreis Lemberg, wo während der Heiligen Messe andere Leute, die nicht in die Kirchen gehen, dafür stimmten, dass die Gemeinde die Jurisdiktion ändert. In drei Fällen wurden ohne Abstimmung einfach die Dokumente geändert."

Der Krieg in der Ostukraine spielt eine zentrale Rolle im Kirchenkonflikt. Die Führung in Kiew wirft der Kirche des Moskauer Patriarchats vor, ein verlängerter Arm russischer Machtpolitik zu sein. Diese Anschuldigung weist diese Kirche zurück, die wiederum ihre religiöse Freiheit in der Ukraine gefährdet sieht. So beschloss das Parlament in Kiew Ende Dezember ein Gesetz, dass die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats zwingen soll, in ihrem Namen auf Russland hinzuweisen. Das Gesetz könnte verfassungswidrig sein, weil es in die kirchliche Autonomie eingreift:

Die Bezeichnung der Kirche und ihr Selbstverständnis zählen zum Recht der Kirche, in das sich der Staat nicht einmischen darf. Die Kirche kann sich an den Verfassungsgerichtshof wenden. Doch jetzt ist eine Situation mit höherer Gewalt gegeben, weil sich die Ukraine de facto im Kriegszustand befindet. Daher muss man klar kennzeichnen, wer ist wer, um Manipulationen zu vermeiden, damit die Menschen bewusst die eine oder die andere Gemeinschaft wählen. Daher wurden in das Gesetz dieser Punkt eingeführt, der verbunden ist mit dem Land des Aggressors."

Verbunden ist die Kirchenpolitik auch massiv mit der Wahl des ukrainischen Präsidenten, die am 31. März stattfinden. Amtsinhaber Petro Poroschenko hat sich massiv für Erteilung der Autokephalie eingesetzt. Sowohl in Istanbul als auch beim Synod in Kiew war er massiv präsent und trat als Redner auf:

„Für uns ist nichts unmöglich, wenn wir alle gemeinsam handeln als einige politische ukrainische Nation: das gilt für die Bulle, das Abkommen über die Assoziierung mit der EU, die Visa-Freiheit und die Unabhängigkeit von russischem Gas. So werden wir auch weiter streben nach Dingen, die auf den ersten Blick unerreichbar scheinen – und es wird Ergebnisse geben: der Sieg und der Friede werden kommen und die Ukraine, wird ein erfolgreiches Land, des Glücks und ein Mitglied von EU und NATO sein.“    

Landauf landab plakatiert Poroschenko nun die erreichte kirchliche Selbständigkeit, denn die soziale Lage der Bevölkerung ist weiterhin triste. Ob dieses Strategie zur Wiederwahl reicht ist offen. Den Ort des Vereinigungskonzils in der Sophien-Kathedrale bevölkern nun wieder Touristen. Sicher ist, dass bis zur Herstellung kirchlicher und kirchlicher Harmonie in der Ukraine noch viel Zeit vergehen wird.