Massenhafte Arbeitsmigration aus der Ukraine

Ukraine / Radio / MiJ / 2018-12-20 12:00

Einleitung

„Abstimmung mit den Füßen“ nannte man 1989 die Massenflucht aus der DDR, die schließlich auch massiv zum Fall der Berliner Mauer beitrug. Eine derartige Abstimmung gibt es auch in der Ukraine; seit der Revolution vor fast fünf Jahren arbeiten mehr als zwei Millionen Ukrainer in Polen; die weit bessere Wirtschaftslage in Tschechien, der Slowakei und Ungarn wirkt ebenfalls anziehend. Allein in diesem Jahr verließen bereits 190.000 Ukrainer als Arbeitsmigranten ihr Land, kehren aber oft auch wieder nach einiger Zeit für einige Zeit zurück. Aus der Ukraine berichtet unser Korrespondent Christian Wehrschütz:

Detail

„Abstimmung mit den Füßen“ nannte man 1989 die Massenflucht aus der DDR, die schließlich auch massiv zum Fall der Berliner Mauer beitrug. Eine derartige Abstimmung gibt es auch in der Ukraine; seit der Revolution vor fast fünf Jahren arbeiten mehr als zwei Millionen Ukrainer in Polen; die weit bessere Wirtschaftslage in Tschechien, der Slowakei und Ungarn wirkt ebenfalls anziehend. Allein in diesem Jahr verließen bereits 190.000 Ukrainer als Arbeitsmigranten ihr Land, kehren aber oft auch wieder nach einiger Zeit für einige Zeit zurück. Aus der Ukraine berichtet unser Korrespondent Christian Wehrschütz:

Das Karpatenvorland zeigt das enorme Potential der Ukraine für Holzindustrie und Tourismus; beide Bereiche werden aber eher bescheiden genutzt, vor allem was die legale Nutzung der Wälder betrifft. Der Schmuggel etwa von Rundholz ist weit verbreitet, obwohl oder weil Präsident Petro Poroschenko seinen Export bereits vor einigen Jahren verboten hat. Erfolgreiche Beispiele gibt es aber im Tourismus. So boomen Hotels mit speziellem Sauna-Angebot zu den Feiertagen im Winter. Auch der Standard der Zimmer, Verpflegung und Service und sind gut; trotzdem ist auch der Tourismus ein Beispiel für die massive Arbeitsmigration; erst vor kurzem und aus privaten Gründen aus Ungarn zurückgekommen ist der 60-jährige Kellner Istvan; jetzt arbeitet er drei Tage pro Woche in einem Hotel etwa 80 Kilometer von der Kreishauptstadt Uschgorod entfernt; warum erläutert Istvan so:

"In Budapest habe ich als Kellner drei Mal so viel verdient wie hier. Ich habe in einem Restaurant auf einem Schiff gearbeitet, das am Donauufer vor Anker lag. Unterkunft und Verpflegung stellte der Arbeitgeber. Hier verdiene ich in drei Tagen, was meine Monatspension ausmacht; daher muss ich auch weiter arbeiten und das will ich auch. Nach 30 Jahren Arbeit hätte ich eine Pension von 50 bis 60 Euro, damit könnte ich gerade die Kosten für meine Wohnung decken, wenn ich sparsam lebe. "

Uschgorod, die ukrainische Kreishauptstadt, zählt etwa 100.000 Einwohner. Sie liegt wenige Kilometer von der ungarischen und der slowakischen Grenze entfernt. In Uschgorod fertigt seit 2009 ein ungarischer Betrieb für die Autoindustrie; er beschäftigt 600 Mitarbeiter, die im Durchschnitt 300 Euro netto verdienen; die Kostenschere zwischen Ungarn und der Ukraine erläutert der Eigentümer der Fabrik, Csaba Kamaras:

"Der Hauptgrund für die Verlegung war die Forderung des Kunden wegen der Arbeitskosten in Ungarn und in Europa." "Der Unterschied ist sehr groß; da gilt aber nicht nur für die Arbeitskosten, denn es geht hier nicht nur um die Lohnkosten, sondern wir erzeugen hier ein Produkt. Müsste ich in Ungarn produzieren, wären die Kosten fast doppelt so hoch."

Doch es sind nicht nur die Löhne, die Ukrainer ins Ausland ziehen; auch die ungewisse Zukunft ist es, und daher fehlt vielfach das Vertrauen in eine gesicherte und friedliche Perspektive in der Ukraine.