Kirchen im Kriegsgebiet und die Rolle der UOKMP

Ukraine / Fernsehen / Orientierung / 2018-01-16 12:00

Einleitung

Vor dem Krieg in der Ostukraine waren die Kreise von Donezk und Lugansk von enormer religiöser Vielfalt geprägt. So zählte das sogenannte Donezbecken etwa 1.800 religiöse Organisationen; dazu gehörten die traditionellen orthodoxen Kirchen des Moskauer und des Kiewer Patriarchats, die mit Rom unierte Griechisch-katholische Kirche, die Römisch-katholische Kirche aber auch viele protestantische Glaubensgemeinschaften. Der Krieg hat diese Vielfalt zerstört, buchstäblich durch Beschuss, aber auch die Massenflucht oder politischem Druck. Eine zusätzliche Rolle spielen bei der religiösen Lage in den Kriegsgebieten auch die Kirchen-Konflikte in der gesamten Ukraine; so unterstützt die politische Führung in Kiew eindeutig die orthodoxe Kirche des Kiew Patriarchats bei ihrem Streben nach

Detail

Vor dem Krieg in der Ostukraine waren die Kreise von Donezk und Lugansk von enormer religiöser Vielfalt geprägt. So zählte das sogenannte Donezbecken etwa 1.800 religiöse Organisationen; dazu gehörten die traditionellen orthodoxen Kirchen des Moskauer und des Kiewer Patriarchats, die mit Rom unierte Griechisch-katholische Kirche, die Römisch-katholische Kirche aber auch viele protestantische Glaubensgemeinschaften. Der Krieg hat diese Vielfalt zerstört, buchstäblich durch Beschuss, aber auch die Massenflucht oder politischem Druck. Eine zusätzliche Rolle spielen bei der religiösen Lage in den Kriegsgebieten auch die Kirchen-Konflikte in der gesamten Ukraine; so unterstützt die politische Führung in Kiew eindeutig die orthodoxe Kirche des Kiew Patriarchats bei ihrem Streben nach Autokephalie; die zahlenmäßig größte Kirche ist aber die Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, die zwar große Autonomie genießt, von ukrainischen Nationalisten aber als fünfte Kolonne Moskaus angesehen wird. Anderseits ist das Moskauer Patriarchat die einige Kirche, die in nennenswerter Zahl auf beiden Seiten der Frontlinie vertreten ist. Über die religiöse Lage im Kriegsgebiet hat unser Korrespondent Christian Wehrschütz bereits am Vorabend der Kämpfe einen Beitrag für die „Orientierung“ gestaltet; dieser neue Beitrag ist nicht nur eine Spurensuche, sondern er zeigt auch, unter welchen Bedingungen nun Seelsorge in der Ostukraine stattzufinden hat:

Kiew kämpft um Autokephalie des Kiewer Patriarchats Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus der UkraineInsert1: Vater Michajlo, Griechisch-katholische Kirche in Donezk Insert2: Claudio Gugerotti, Apostolischer Nuntius in der UkraineInsert3: Vater Nikolaj, Römisch-katholischer Priester in Donezk Insert4: Igor Koslowskij, Ukrainischer Religionshistoriker Insert5: Mileti Schapowalow, Pressesprecher der Diözese von Severodonezk Insert6: Mikola Danilewitsch, Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer PatriarchatsInsert7: Mikola Danilewitsch, Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer PatriarchatsInsert8: Alexander Sajez, Institut für religiöse Freiheiten in Kiew Gesamtlänge: 7‘56Der Krieg in der Ostukraine verschonte weder Kirchen, Klöster und andere, den Menschen heilige Orte. Dieser Friedhof liegt beim lange schwer umkämpften Flughafen von Donezk – Totenruhe war hier ein Fremdwort. Der Krieg trieb auch hunderttausende in die Flucht; die Rebellengebiete verließen natürlich auch Ukrainer, die nicht unter prorussischer Herrschaft leben wollten. Dazu zählten viele Gläubige der mit Rom unierten Griechisch-katholischen Kirche, eine Trägerin der ukrainischen Identität; bereits vor dem Krieg war sie nur eine kleine Minderheit in der Ostukraine; nunmehr sind von sieben Kirchen in Donezk nur noch zwei geöffnet; gebetet wird in ukrainischer Sprache, die aus den Schulen praktisch verschwunden ist; wie groß ist der politische Druck der prorussischen Machthaber auf diese bekennend ukrainische Kirche?"Die örtliche Regierung will nicht, dass man ihr schadet. Wenn diese Absicht nicht besteht, und die Menschen ausschließlich auf pastoralem Feld arbeiten, wenn man das als Geistlicher tut, dann erlaubt sie das, und dann gibt es keine Hindernisse, das auch zu tun."Auch der Aderlass der römisch-katholischen Kirche war enorm; die in Donezk lebenden polnischen Ukrainer wurden von Warschau evakuiert, die internationalen Studenten katholischen Glaubens verließen die Stadt zu Kriegsbeginn; von 300 Gläubigen sind nur 100 geblieben; gut besucht ist die Kirche nur an Festtagen; dazu zählt der Besuch des Nuntius aus Kiew; Claudio Gugerotti ist der einzige Botschafter, der die Rebellengebiete besucht, vor allem um den Gläubigen beider katholischen Kirchen Mut zu machen, und um ihnen zu zeigen, dass sie nicht vergessen sind: "Die Kirchen werden toleriert und dürfen überleben. Doch sie müssen bei allen Aspekten des religiösen Lebens um Erlaubnis fragen. Das Wichtigste, das sehr oft gefragt wird, betrifft alle Einzelheiten des Lebens der Gemeinde, wer kommt, wer geht, wann die Gottesdienste stattfinden, wann der Priester reist. Das gesamte Leben der Gemeinde muss dem Büro für kirchliche Angelegenheiten gemeldet werden."Vater Nikolaj lebt seit mehr als 20 Jahren in Donezk; auch am Höhepunkte des Krieges vor drei Jahren verließ er die Stadt nicht; die Folgen des Krieges sind vielfältig und nicht nur materieller Natur: "Der Krieg sät Hass. Wo es Krieg gibt, gibt es Aggression; Menschen sterben, den Hunger gar nicht gerechnet; all das belastet das menschliche Herz und tötet nicht nur den Geist, sondern auch die Seele. Meine Aufgabe besteht darin, dass die Menschen ihre Seele und die Werte nicht verlieren, die uns der Glaube gibt. Natürlich ist es schwer, die zu lieben, die töten oder schießen; darüber ist es schwer, den Menschen zu sprechen."Ein Zeichen gegen den drohenden Krieg setzten Gläubige verschiedener Konfessionen ab März 2014 durch einen sogenannten Gebetsmarathon in Donezk; er dauerte bis Anfang August, doch die Gebete um Frieden wurden nicht erhört; tragisch gestaltete sich das Schicksal einiger Teilnehmer; Igor Koslowski, ein angesehener Religionshistoriker, war fast zwei Jahre in Geißelhaft der Rebellen; erst Ende des Vorjahres kam er bei einem großen Gefangenenaustausch frei; zur zeitweise menschenunwürdigen Behandlung wollte er keine Details nennen; wohl aber nahm er in Kiew zur religiösen Lage in Donezk Stellung: „Mit Kriegsbeginn im Frühsommer 2014 kam es zu schrecklichen Ereignissen. Kirchen und Gebetshäuser wurden zerstört, ausgeraubt, viele Gebäude übernahmen die Besatzer, Teilnehmer am Gebetsmarathon und andere Gläubige wurden verfolgt, einige sogar getötet. Diese Politik änderte sich unter internationalem Druck schrittweise zu Beginn des Jahres 2015; da wurde den religiösen Organisationen gesagt, dass sie tätig sein können, aber nur im Stillen. Die größte Freiheit fühlt die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats."   Diese Kirche des Moskauer Patriarchats führt nicht nur die drei bedeutendsten Klöster der Ukraine wie zum Beispiel das Höhlenkloster von Svjatigorsk; diese Kirche ist auch bei weitem die größte der Ukraine, und zwar auf beiden Seiten der Frontlinie; sie durchtrennt etwa die Diözese von Severodonezk; die Stadt selbst und 140 Pfarreien liegen auf Ukrainisch-kontrolliertem Gebiet, 31 Pfarreien liegen auf dem Territorium, das prorussische Rebellen kontrollieren. Die Tatsache stellt die Geistlichen vor erhebliche logistische Herausforderungen: "Früher dauerte die Fahrt in die Stadt Stachanow etwa zwei Stunden; jetzt müssen wir entweder über den nächsten Kontrollposten auf dem Gebiet des Oblast von Donezk fahren, wo die Warteschlange immer sehr lang ist und die Kontrollen sehr streng sind. Oder aber wir fahren zum Übergang Stanica Lugansk, wo man aber nur zu Fuß auf die andere Seite gelangen kann."Diese nennenswerte Präsenz auf beiden Seiten der Barrikaden zwingt diese orthodoxe Kirche auch zu einem sehr heiklen politischen Balanceakt; er ist umso schwieriger, weil trotz großer Autonomie vom Moskauer Patriarchat viele ukrainische Nationalisten in dieser Kirche einen verlängerten Arm Russlands sehen; in Kiew wird dieser Vorwurf zurückgewiesen, und darauf mit politischer Enthaltsamkeit reagiert:   „Wir sind bestrebt, uns nicht in die Politik einzumischen; wir haben zu Beginn des Konflikts unsere Geistliche angewiesen, nicht auf die Barrikaden zu steigen, und keine politische Führung zu unterstützen. Dazu ein Beispiel aus dem Jahre 2014 aus der Ostukraine; da rief einer unserer Priester bei der Messe auf, die Ukraine zu unterstützen, und hielt eine patriotische Rede. Darauf ging am Ende der Messe kein einziger Gläubiger zum Priester, um das Kreuz zu küssen, wie das vorgeschrieben ist. Dieser Priester musste dann versetzt werden. Wir sind nur pastoral tätig, um die Menschen nicht zu spalten."Die Präsenz auf beiden Seiten hat aber auch Vorteile, und zwar auch für Kiew: "Zu unseren großen Erfolgen zählt, dass wir trotz vielfacher Kritik, die Fähigkeit zum Dialog mit beiden Seiten bewahrt haben. Daher spielte unsere Kirche auch eine Vermittlerrolle beim Gefangenenaustausch, der jüngst stattgefunden hat. Bereits im Sommer haben unsere Priester in Gefängnissen auf nicht von der Ukraine kontrolliertem Gebiet unsere gefangenen Soldaten besucht. Außerdem besuchten wir Gefangenen auf ukrainischer Seite. All das geschah ohne Öffentlichkeit, aber die Autorität der Kirche spielte eine wichtige Rolle."Durch einen Friedensmarsch demonstrierte die Orthodoxie des Moskauer Patriarchats im Sommer 2016 ihre Verankerung in der ukrainischen Bevölkerung; andere Konfessionen nahmen nicht daran teil; trotzdem besteht eine beschränkte Zusammenarbeit, auch beim Streben nach Frieden: "Die Kirchen werden eine wichtige Rolle spielen müssen, damit es schrittweise zu einer Aussöhnung zwischen den Bewohnern beider Seiten kommt. Nur die Kirchen werden die Herzen der Menschen beeinflussen können, das können die Politiker nicht. Diese grundlegende Rolle der Kirchen wird noch kommen, wenn es um die Reintegration der Bewohner des Donbass in die ukrainische Gesellschaft gehen wird."Doch das ist Zukunftsmusik; derzeit werden die Gräben auf beiden Seiten eher noch tiefer, nicht nur wegen der langen Wartezeiten an den nur fünf Übergängen. Verweist ist in Donezk auch der Platz am dem der Gebetsmarathon vor fast vier Jahren begann. Auch die Gebete an anderen Orten wurden bisher nicht erhört, und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht.