Interview mit dem serbischen Präsidenten Alexander Vucic

Serbien / Radio / FJ7 / 2018-10-17 07:00

Einleitung

Bundespräsident Alexander Van der Bellen kommt heute nach Belgrad. Auf dem Programm seines ersten Besuchstages steht vor allem ein Treffen mit dem serbischen Präsidenten Alexander Vucic. Mit ihm und dem kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci hat Van der Bellen auch beim Europäischen Forum in Alpbach im Sommer gesprochen, vor allem über den Kosovo. Die damals aufkeimende Optimismus,

Detail

Bundespräsident Alexander Van der Bellen kommt heute nach Belgrad. Auf dem Programm seines ersten Besuchstages steht vor allem ein Treffen mit dem serbischen Präsidenten Alexander Vucic. Mit ihm und dem kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci hat Van der Bellen auch beim Europäischen Forum in Alpbach im Sommer gesprochen, vor allem über den Kosovo. Die damals aufkeimende Optimismus, ein Gebietstausch könnte den Kosovo-Konflikt nun zügig lösen, ist wieder verflogen. Uneinheitlich ist dazu auch die Position der EU, denn fünf Mitgliedsstaaten haben noch nicht einmal die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt. Über den Konflikt und mögliche Grenzänderungen hat unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz ein Exklusivinterview für den ORF mit Alexander Vucic in Belgrad geführt; hier sein Bericht:

Der serbische Präsident Alexander Vucic gilt als ein Befürworter einer Grenzkorrektur oder einer Art Gebietstausch, um den Konflikt zwischen Belgrad und Pristina dauerhaft zu lösen. Spekuliert wurde wiederholt, dass kompakt besiedelte Albaner-Gebiete in Südserbien gegen kompakt besiedelte Serben-Gebiete im Norden des Kosovo abgetauscht werden könnten. Dieser Vorschlag stieß bei der Mehrheit der Albaner-Führung im Kosovo ebenso auf Ablehnung wie in Deutschland. Abwartend positiv reagierten dagegen USA und EU. Konkrete Gebiete nannte Alexander Vucic auch im ORF-Interview nicht, doch seine Haltung zur Grundidee formulierte er so; Alexander Vucic:

"Wenn man von einer Festlegung der Grenze spricht, die in einzelnen europäischen Kreisen scharf verurteilt wurde, dann stelle ich nur fest, dass wir wissen wollen, wo die Grenzen zwischen Belgrad und Pristina liegen. Denn wo ist heute diese Grenze? Dort, wo sie Berlin und Wien sehen, oder dort wo sie Madrid und Athen sehen, dort, wo sie Washington sieht, oder dort, wo die Grenze für Peking, Rom oder Moskau liegt. Stellt man die Frage so, dann wird völlig klar, dass man eine Kompromisslösung braucht. Ich glaube, dass man ein breites Feld zulassen muss für Gespräche vor allem zwischen Serben und Albanern, die an einer Lösung interessiert sind. Sollten wir je dazu kommen, denn wir sind derzeit sehr weit davon entfernt, so sollte man das unterstützen. Vor 30 und 20 Jahren hat man Grenzen geändert und jetzt stört es, wenn jemand sagt, laßt uns die Grenzen festlegen."

Der offizielle Dialog zwischen Belgrad und Pristina unter Federführung von Brüssel dauert bereits fünf Jahre und liegt de facto seit mehr als einem Jahr auf Eis. Wie sieht es aber mit informellen Gesprächen aus? Darauf antwortet Alexander Vucic so:  

"In informellen Gesprächen sprechen wir über alles, jeder präsentiert seine Ideen. In informellen Gesprächen redet man über die Zukunft, bleibt man nicht in der Vergangenheit, spricht darüber, was erreicht werden muss. Denn viel wichtiger als die Grenze ist ein Gesamtpaket. Dazu zählen der europäische Weg Serbiens, die Sicherheit der Bewohner im Kosovo, die Fragen des Eigentums, der Rückkehr von Flüchtlingen und Vertriebenen, der serbischen Firmen, der Schulen und Krankenhäuser, der Klöster; das sind viele Fragen, die es zu lösen gilt, ehe wir zur Frage der Grenze kommen. Ich fürchte, dass heute nur wenige Personen in der Region und weltweit irgendetwas lösen wollen. Alle warten auf bessere Zeiten, die aber nicht kommen werden; das ist nur eine Ausrede und eine Rechtfertigung für Untätigkeit. Das ist am leichtesten, doch ich bin gegen leichte Lösungen."

Der Status quo zwischen Pristina und Belgrad ist somit keine Option? Alexander Vucic:

"Der Status quo ist eine große Gefahr für uns alle. Ich bin absolut gegen einen eingefrorenen Konflikt; daher ist es besser, dass wir auch noch die nächsten zehn Jahre weiterverhandeln wenn nötig, denn einmal wird eine Vereinbarung erzielt werden, als dass wir auf bessere Zeiten warten, denn ein eingefrorener Konflikt wird zu nichts Gutem führen."