Leben in Montenegro auf dem Weg zur Präsidentenwahl

Montenegro / Radio / FJ7 / 2018-04-12 07:00

Einleitung

In Montenegro wird am Sonntag der Präsident neu gewählt. Um das Amt bewerben sich sieben Kandidaten; klarer Favorit ist Milo Djukanovic; der 56-jährige war bereits mehrfach Ministerpräsident und Staatspräsident und prägt die Geschicke des 650.000 Einwohner zählenden Landes seit dem Zerfall des kommunistischen Jugoslawien vor 27 Jahren. Im Vorjahr trat Montenegro der NATO bei und die Beitrittsverhandlungen

Detail

In Montenegro wird am Sonntag der Präsident neu gewählt. Um das Amt bewerben sich sieben Kandidaten; klarer Favorit ist Milo Djukanovic; der 56-jährige war bereits mehrfach Ministerpräsident und Staatspräsident und prägt die Geschicke des 650.000 Einwohner zählenden Landes seit dem Zerfall des kommunistischen Jugoslawien vor 27 Jahren. Im Vorjahr trat Montenegro der NATO bei und die Beitrittsverhandlungen mit der EU hofft die Regierung in den nächsten fünf Jahren abschließen zu können. Wirtschaftlich steht das Land dank stark steigender Tourismus-Zahlen gar nicht so schlecht da; zu den Problemen zählen aber die Arbeitslosigkeit, die Korruption und die mangelnde demokratische Entwicklung, die durch die Kleinheit des Landes und die Schwäche der Opposition erschwert werden. Über die Lage in Montenegro und seinen Weg Richtung EU hat unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz in der Hauptstadt Podgorica den folgenden Beitrag gestaltet:

Der Ort Danilovgrad liegt eine halbe Autostunde von Podgorica entfernt, im fruchtbaren Tal, das die Zeta durchfließt. In diesem Tal lebt der Gemüsebauer Veselin Jovovic; der 60-jährige produziert mit seinen zwei Söhnen, seiner Tochter und seiner Frau eintausend Tonnen Salat, Kartoffel, Tomaten, Kraut und Kräuter pro Jahr. Der Betrieb blüht; Montenegro ist kein Selbstversorger; hinzu kommt die steigende Nachfrage durch steigende Tourismuszahlen. Veselin Jovovic ist auch ein Vorzeigebetrieb, was die Nutzung von EU-Förderungen betrifft, die die montenegrinische Landwirtschaft auf die EU vorbereiten soll; so kaufte der Betrieb im Vorjahr einen Traktor und mehrere Anhänger um 17.000 Euro. Nach der Vorfinanzierung erhielt der Betrieb 8.500 Euro durch EU-Förderungen zurück. Jovovic will weiter expandieren und ist ein klarer Befürworter des EU-Beitritts:

„Das ist der einzig mögliche Weg für uns; wir verstehen, dass wir diese Standards erfüllen müssen. Was aber die Qualität meiner Produkte betrifft, so habe ich keine Angst, dass ich diese Erzeugnisse nicht auch in Wien verkaufen könnte. Wir haben eine sehr gute Meinung von der EU; es sieht so aus, dass wir hinten sind, doch wir holen auf.“

Nicht berauschend ist das Tempo der Beitrittsverhandlungen; nach mehr als fünf Jahren sind nur drei Kapitel von 33 vorläufig geschlossen; das liegt am komplizierten Procedere aber auch an mangelnden administrativen Kapazitäten in Montenegro. Zwar befürwortet eine große Mehrheit den EU-Beitritt, trotzdem ist er für viele Bürger noch kein Faktor im täglichen Leben; ein Beispiel dafür ist die 28-jährige Jelena Jovanovic:

„Für mich als Erwachsene ist das nicht wichtig; vielleicht wird das meinen Kindern nützen und das Leben erleichtern, doch ich glaube nicht, dass der EU-Beitritt für mich etwas verändern oder mir helfen wird.“

Jelena lebt mit ihren zwei Kleinkindern und ihrem Mann Velisa in einem Eigenheim in einem Vorort von Podgorica. Der 31-jährige Velisa ist Alleinverdiener mit drei Jobs; er ist Sportjournalist bei einem Privatsender, Pressesprecher des Basketballverbandes und arbeitet noch für ein Internetportal; zum Lebensstandard seiner Familie sagt Velisa:

„Wir haben etwa 1.000 Euro, und wir bemühen uns nicht, zu sparen. Wir gehen auch aus und kaufen unseren Kindern Spielzeug; somit verbrauchen wir mehrheitlich pro Monat all das, was ich verdiene.“

Der Kindergarten für Sohn und Tochter kostet 80 Euro im Monat; die Betriebskosten für das Haus betragen 200 Euro im Monat. Die Familie kann sich auch einen Urlaub pro Jahr leisten. Doch der offizielle Durchschnittslohn liegt in Montenegro bei nur 500 Euro und im alpinen Norden des Landes ist die soziale Lage noch schwieriger, eine Region, die nun ebenfalls mit EU-Hilfe nachhaltig entwickelt werden soll.