Migration als enormes Problem für Kroatien

Kroatien / Radio / MiJ / 2018-05-22 12:00

Einleitung

Fast fünf Jahre ist Kroatien nun Mitglied der EU; die Exporte in andere EU-Staaten haben spürbar zugenommen, gleiches gilt aber auch für die Abwanderung; Experten schätzen, dass seit dem Jahre 2014 mehr als 100.000 Bürger ausgewandert sind; Grund dafür sind nicht nur höhere Löhne im Ausland, sondern die politische Instabilität; seit dem EU-Beitritt vor fünf Jahren amtiert in Kroatien bereits die dritte Regierung; das wirkte sich negativ auch auf die Nutzung von EU-Förderungen aus; einige Regionen Kroatiens zählen zu Gebieten in der EU, die am unterentwickeltsten sind. Sie sind besonders stark von Ab- und

Detail

Fast fünf Jahre ist Kroatien nun Mitglied der EU; die Exporte in andere EU-Staaten haben spürbar zugenommen, gleiches gilt aber auch für die Abwanderung; Experten schätzen, dass seit dem Jahre 2014 mehr als 100.000 Bürger ausgewandert sind; Grund dafür sind nicht nur höhere Löhne im Ausland, sondern die politische Instabilität; seit dem EU-Beitritt vor fünf Jahren amtiert in Kroatien bereits die dritte Regierung; das wirkte sich negativ auch auf die Nutzung von EU-Förderungen aus; einige Regionen Kroatiens zählen zu Gebieten in der EU, die am unterentwickeltsten sind. Sie sind besonders stark von Ab- und Auswanderung betroffen; hinzu kommt die stark steigende Überalterung der kroatischen Bevölkerung; aus Kroatien berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Dvor liegt 100 Kilometer südlich von Agram im Grenzgebiet zu Bosnien. Das Zentrum der Gemeinde ist ein Kreisverkehr um den herum ein Bäcker, ein Fleischhauer und ein kleines Kaffee zu finden sind. Am Parkplatz neben dem Kreisverkehr verkauft ein Bauer Erdbeeren und Setzlinge. Das Gemeindeamt liegt in einem anderen Ortsteil; in unmittelbarer Nähe ein zerfallenes Gebäude, ein Haus mit Einschusslöchern noch aus dem Krieg und ein verwaister Spielplatz. Bereits 2011 waren 40 Prozent der Bewohner von Dvor älter als 65 Jahre; der Ort zählte damals       5600 Bewohner. Nach dem EU-Beitritt setzte 2014 eine Auswanderungswelle ein; mehr als 1000 Bürger verließen Dvor; durch EU-Projekte versucht die Gemeinde die Infrastruktur zu verbessern; insgesamt zählt Kroatien derzeit zu den Schlusslichtern, was die Nutzung von Förderungen betriff; dazu sagt der Bürgermeister von Dvor, Nikola Arbutina

"Das Problem liegt in den schwierigen und langen Verfahren. Wir haben Förderungen für die Erneuerung der Straßen, der Wasserleitung und des Kindergartens bekommen. Doch erst jetzt sind wir bei der Ausschreibung und erst im Herbst werden die Arbeiten beginnen. Förderungen für die ländliche Entwicklung haben auch unsere Bauern bekommen. Doch wir als Gemeinde sind auf diese schwierigen und langwierigen Verfahren nicht vorbereitet."

Nur spärlich genutzt wird der Waldreichtum; nur zwei derartige Betriebe gibt es, die zusammen etwa 50 Mitarbeiter zählen. Das Holz wird zugeschnitten und exportiert aber nicht weiterverarbeitet. Das Holz ist eine Chance von Dvor; andere schildert Bürgermeister Nikola Arbutina:

"Die Zukunft von Dvor liegt in der Landwirtschaft; wir haben hier fast 10.000 Schafe und Ziegen; sehr viele Menschen arbeiten in bäuerlichen Familienbetrieben und auch als Imker. Eine zweite Perspektive liegt im Tourismus, weil Natur und Fluß Una schön sind. In Dvor ist nicht alles schwarz; das Problem liegt darin, dass die Menschen kein Licht am Ende des Tunnels und damit keine Perspektive sehen; die Menschen sagen sich, wenn wir es schon nicht erreicht haben, so wollen wir doch eine besseres Zukunft für unsere Kinder."

Kroatien hat derzeit noch 4,2 Millionen Einwohner; ein Viertel davon lebt im Großraum Agram; 2011 waren es noch 4,4 Millionen. Die Folgen der Auswanderung spüre mittlerweile die gesamte kroatische Wirtschaft, sagte der Chefvolkswirt der Splitska Banka, Zdeslav Santic

"Als die wirtschaftliche Erholung vor zwei, drei Jahren einsetzte, spürte dieses Problem zuerst die Bauwirtschaft, dann der Tourismus und heute ist der Arbeitskräftemangel fast in allen Wirtschaftszweigen sichtbar. Allfällige größere ausländische Investitionen wie etwa für die Automobilindustrie, wären in Kroatien nur sehr schwer umsetzbar, weil die Arbeitskräfte fehlen. Dieses Problem betrifft nun sogar auch Klein- und Mittelbetriebe; in einigen Bereichen kam es deswegen bereits zum Aufschub von Investitionen.“

Während dadurch auch die Beiträge zu Arbeitslosen- und Sozialversicherung sinken wird Überalterung ein immer größeres Problem. Eine Trendwende ist nicht in Sicht, und zwar auch deshalb, weil Kroatien noch immer zu den wirtschaftlichen Schlusslichtern der EU zählt.