25 Jahre nach Zerfall von Jugoslawien

Kroatien / Fernsehen / TVThek / 2016-06-29 05:00

Einleitung

Am 25. Juni 1991 – und damit heute vor 25 Jahren vollzog Slowenien auch offiziell seinen Austritt aus Jugoslawien und feierte seine Unabhängigkeit. Einen Tag später begann der sogenannte 10-Tage-Krieg der jugoslawischen Volksarmee, der etwa 80 Tote forderte. Anfang Oktober zog die Volksarmee schließlich aus Slowenien ab. Weit blutiger sollten die weiteren Zerfallskriege in Kroatien und Bosnien und Herzegowina werden, wobei der Zerfall Jugoslawiens im Grunde erst mit dem Kosovo-Krieg der NATO im Jahre 1999 und der Unabhängigkeitserklärung

Detail

Am 25. Juni 1991 – und damit heute vor 25 Jahren vollzog Slowenien auch offiziell seinen Austritt aus Jugoslawien und feierte seine Unabhängigkeit. Einen Tag später begann der sogenannte 10-Tage-Krieg der jugoslawischen Volksarmee, der etwa 80 Tote forderte. Anfang Oktober zog die Volksarmee schließlich aus Slowenien ab. Weit blutiger sollten die weiteren Zerfallskriege in Kroatien und Bosnien und Herzegowina werden, wobei der Zerfall Jugoslawiens im Grunde erst mit dem Kosovo-Krieg der NATO im Jahre 1999 und der Unabhängigkeitserklärung Montenegros vor zehn Jahren endete. Ein wichtiger und heute noch lebender Zeitzeuge der Schlüsselereignisse des Zerfalls ist der 1934 geborene Kroate Stipe Mesic. Er war 1991 der letzte Vorsitzende des Staatspräsidiums des kommunistischen Jugoslawien. Nach dem Tod des kroatischen Staatsgründers Franjo Tudjman im Dezember 1999 wurde Stipe Mesic zum zweiten Präsidenten des unabhängigen Kroatien gewählt; seine zweite Amtszeit endete im Februar 2010. In Agram hat unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz mit Sipe Mesic über Gründe und Hintergründe des blutigen Zerfalls des kommunistischen Jugoslawien gesprochen:



Am 4. Mai 1980 starb der jugoslawische Diktator Josip Broz Tito. Sein Staatsbegräbnis vier Tage später in Belgrad war das bedeutendste Gipfeltreffen der Weltpolitik in diesem Jahr. Denn als Führer der Blockfreien-Bewegung im Kalten Krieg hatte das kommunistische Jugoslawien eine internationale Bedeutung, die es später nie wieder erlangen sollte. Unklar war aber bereits damals, was Titos Tod für die Zukunft Jugoslawiens bedeuten würde:



"Ich wusste, dass eine Ära zu Ende gegangen war und nichts mehr so sein würde, wie es war. Doch ist sah nicht voraus, wie sich die Lage entwickeln würde. Aber ich wusste, dass Tito der integrative Faktor war, der Jugoslawien zusammengehalten hatte. Dieser Faktor fehlt nun.



Titos Mausoleum, das Haus der Blumen in Belgrad, zieht noch immer viele Besucher an. Zwischen Titos Tod im Jahre 1980 und dem Beginn des blutigen Zerfalls seines Vielvölkerstaates vergingen immerhin mehr als zehn Jahre. Warum gelang es in dieser Zeit nicht, Jugoslawien neu zu gestalten oder wenigstens einem friedlichen Zerfall den Weg zu ebnen:



"Der Hauptgrund, dass es nicht zu einer friedlichen Lösung kam, war, dass es in Jugoslawien nicht gelang zu einem neuen politischen Vertrag zu kommen. In Jugoslawien gab es drei integrative Faktoren, Tito, die kommunistische Partei und die Armee, die Tito und der Partei diente. Tito war weg, die Partei zerfiel und die Armee suchte einen neuen Geldgeber; der stärkste war Slobodan Milosevic, der in Serbien an die Macht gekommen war. Er wollte keine politische Vereinbarung. Als ich Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums wurde, schlug ich folgenden Beschluss vor: die Teilrepubliken sollten ihre Selbständigkeit erklären und sofort eine Konföderation bilden, die drei bis fünf Jahre dauern sollte. Dann sollten wir weitersehen, aber alle Wege sollten nach Europa führen. Doch Milosevic wollte keinerlei Vereinbarung. Er wollte auf den Ruinen Jugoslawiens ein ethnisch reines Großserbien schaffen. Dieser Plan war nur durch Krieg zu erreichen, und so entschloss er sich zum Krieg."



In Slowenien dauerte der Krieg nur zehn Tage und forderte nur 80 Tote. Im Oktober 1991 zog die Jugoslawische Volksarmee ab; warum ließ Slobodan Milosevic, der doch vorgab, für den Erhalt von Jugoslawien zu kämpfen, die Slowenen so rasch ziehen?



"Für Milosevic war Slowenien nicht wirklich wichtig. In Slowenien gab es keine autochthone serbische Bevölkerung, daher sollte es so rasch wie möglich seiner Wege gehen. Milosevic wollte das, von dem er glaubte, dass es zu Serbien gehörte; das waren Teile Kroatiens mit Gemeinden mit serbischer Mehrheitsbevölkerung. Zweitens wollte er 63 Prozent des Territoriums von Bosnien und Herzegowina, aber gesäubert von Bosniaken und Kroaten. So sagte Borislav Jovic im jugoslawischen Staatspräsidium, dieses Territorium war und ist serbisch und muss serbisch bleiben."



Doch ein Stück von Bosnien wollte auch Franjo Tudjman, der Vater des unabhängigen Kroatien. Tudjman und Milosevic vereinbarten die Teilung von Bosnien und Herzegowina. Welche Verantwortung tragen beide für den blutigen Zerfall von Jugoslawien?



„Die größte Schuld trägt sicher Slobodan Milosevic, weil er sich zum Krieg entschlossen hatte. Kroatien wurde der Krieg aufgezwungen; doch Tudjmans Fehler war seine Annahme, dass die Welt Milosevic in seiner Politik gegenüber Bosnien und Herzegowina unterstützen würde, und dass man daher die kroatischen Interessen in diesem Land schützen müsse. So schuf Milosevic in Bosnien und Herzegowina die „Republika Srpska“ und Tudjman schuf die „Kroatische Republik Herzeg-Bosna“. Das wurde als Verteidigung von Bosnien und Herzegowina dargestellt. Doch meiner Ansicht nach hätte eine derartige Verteidigung nur darin bestehen können, in dem Kroaten, Bosniaken und Serben gemeinsam diesen Staat verteidigt hätte, die ein ungeteiltes Bosnien und Herzegowina wollten.“



Hätte die internationale Gemeinschaft den blutigen Zerfall von Jugoslawien verhindern können?



"Die Welt war zu wenig geschlossen und organisiert, um ausreichend Druck auf Slobodan Milosevic auszuüben, um ihn vom Krieg abzubringen. Denn als die sogenannte Baumstammrevolution in Kroatien begann, als aufständische Serben einen Teil des Territoriums mit Hilfe der jugoslawischen Armee besetzten, war klar, dass Milosevic zum Krieg entschlossen war. Man hätte Milosevic zu einer neuen politischen Vereinbarung zwingen müssen, doch daran war die Welt nicht interessiert."



Nicht nur das; die EU war in der Frage der Anerkennung von Slowenien und Kroatien 1991 tief gespalten. Die Frontstellungen zweier Weltkriege waren unübersehbar. Deutschland unter Außenminister Hans-Dietrich Genscher war für die Anerkennung. Sein erstes Treffen mit Stipe Mesic kam auf höchst interessante Weise zustande:



"Ein befreundeter slowenischer Geschäftsmann hatte gute Kontakte zum deutschen Außenminister Hans-Dietrich Genscher. So fuhr ich Anfang Herbst 1991 inkognito nach Bonn. Das Treffen mit Genscher sollte maximal 30 Minuten dauern, dauerte aber dann vier Stunden. Meine grundlegende These war, dass Jugoslawien in dieser Form nicht weiter bestehen könne, es kein neues Modell gäbe, der Krieg aber gestoppt werden müsse. Doch dafür gäbe es keine politischen Kräfte. Daher sei es wichtig, das Recht der Republiken auf Unabhängigkeit so rasch wie möglich anzuerkennen; dieses Recht sei in der Verfassung von 1974 verbrieft, das Milosevic nicht akzeptieren wolle. Ich glaube dieses Gespräch war ausschlaggebend. Denn bei einem zweiten Gespräch fragte mich Genscher, wer wird euch anerkennen. Ich antwortete: Ungarn und Deutschland. Doch Genscher antwortete - übereilt nichts. Zunächst soll euch jemand anerkennen, der im Zweiten Weltkrieg neutral war wie etwa Island. Ich habe mit Island bereits gesprochen, es wird euch anerkennen. Zweitens wird das der Vatikan tun. Nach Agram zurückgekehrt sprach ich mit Präsident Franjo Tudjman. Er schickte Außenminister Zvonimir Separovic nach Island; ich fuhr in den Vatikan und traf mich mit Kardinal Sodano, der mir sagte, dass uns der Vatikan nach Island anerkennen werde.“



Weit weniger erfolgreich waren Mesics Besuche in vielen anderen Städten, in denen über das Schicksal von Jugoslawien mitentschieden wurde.



"Ich war nicht nur in Bonn, sondern auch in Paris, London, New York und Washington, und forderte als Vorsitzender des jugoslawischen Staatspräsidiums eine Intervention der UNO vor dem Ausbruch des Krieges. Ich argumentierte, dass selbst eine nur symbolische Entsendung von Blauhelmen an die Grenzen zwischen Kroatien und Serbien und Bosnien und Herzegowina und Serbien dazu führen würde, dass Milosevic keinen Krieg gegen die UNO führen wird. Doch in der UNO sagte man mir, wir können nicht intervenieren, solange es keinen Konflikt gibt. Erst dann können wir den Konflikt stoppen. Somit brauchte die UNO eine Reform, um präventiv handeln zu können. Jetzt kann das die UNO nicht."



Ein weiterer wesentlicher Faktor im jugoslawischen Drama sei die gravierende Unkenntnis der internationalen Akteure gewesen:



"Europa und die Welt, die USA, die UNO und die EU haben alle die Lage in Jugoslawien falsch eingeschätzt. Nehmen Sie nur den Embargo-Beschluss, mit dem Kroatien und Slowenien verboten wurde, Waffen zu kaufen. Dem sich verteidigenden Kroatien wurde verboten, Waffen zu kaufen, während Serbien Waffenfabriken und die Waffenlager der Armee hatte. Ein derartiger Beschluss zeigt die völlige Unkenntnis der Lage. So mussten wir auf dem Schwarzmarkt Waffen kaufen, unsere Armee bilden und auf die Herausforderungen des Krieges antworten."



25 Jahre nach dem Beginn des Zerfalls haben nur Slowenien und Kroatien die Integration in EU und NATO erreicht. Die anderen Nachfolgestaaten von Jugoslawien haben noch einen weiten Weg vor sich, und die Folgen des Zerfalls sind noch lange nicht überwunden. In der Krise ist seit Jahren aber auch die EU, ebenfalls ein Zusammenschluss vieler Völker. Kann sie etwas aus dem Zerfall des jugoslawischen Vielvölkerstaates lernen?



"Sicherlich kann die EU daraus lernen. Die EU muss vor allem ihre institutionellen Fragen lösen. Zweitens braucht die EU eine gemeinsame Geldpolitik und eine gemeinsame Fiskalpolitik. Am wichtigsten ist aber, dass sich die EU verpflichten muss, die Staaten Südosteuropas zu rasch wie möglich aufzunehmen. Denn die EU ist der elitärste wirtschaftliche und politische Klub, den es heute auf der Welt gibt. Doch Europa kann nur vereint zwischen den anderen großen Spielern auf der Weltbühne bestehen. Sollte sich Europa aufspalten, ist es kein Spieler mehr. Europa muss vor allem wegen seiner Wirtschaftskraft vereint bleiben; wenn es sein menschliches Potential gemeinsam nutzt, ist Europa ein großer Spieler. Doch noch wichtiger ist, dass ein vereintes Europa Krieg als politisches Mittel ausschließt."