Gemischte Bilanz nach zehn Jahren Unabhängigkeit

Kosovo / Fernsehen / ZiB2 / 2018-02-16 22:00

Einleitung

Morgen, vor zehn Jahren, Am 17. Februar 2008 erklärte der albanisch dominierte Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien. Während die albanische Mehrheitsbevölkerung in Pristina und anderen Städten jubelten, reagierten die Kosovo-Serben geschockt. Serbien bekräftigte, die Abspaltung niemals anzuerkennen und im Stadtzentrum von Belgrad kam es zu Demonstrationen und Plünderungen von Geschäften. Zehn Jahre später ist die Gesamtlage viel ruhiger und nüchterner.

Detail

Morgen, vor zehn Jahren, Am 17. Februar 2008 erklärte der albanisch dominierte Kosovo seine Unabhängigkeit von Serbien. Während die albanische Mehrheitsbevölkerung in Pristina und anderen Städten jubelten, reagierten die Kosovo-Serben geschockt. Serbien bekräftigte, die Abspaltung niemals anzuerkennen und im Stadtzentrum von Belgrad kam es zu Demonstrationen und Plünderungen von Geschäften. Zehn Jahre später ist die Gesamtlage viel ruhiger und nüchterner. Die Serben des Kosovo haben weitgehende Bewegungsfreiheit, das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheit entspannt sich, und auch die Integration des serbisch dominierten Nordens in den kosovarischen Staat macht Fortschritte. Das ist ein Ergebnis der Verhandlungen zwischen Pristina und Belgrad, die seit sieben Jahren in Brüssel unter Vermittlung der EU stattfinden; doch Serbien und weitere fünf EU-Mitglieder erkennen die Unabhängigkeit des Kosovo weiter nicht an; dieser Umstand, aber auch die schleppenden Reformen im Kosovo, haben bei der Bevölkerung zu größer Ernüchterung geführt, denn viele Hoffnungen, die mit der Unabhängigkeit verbunden waren, wurden nicht erfüllt:

Christian Wehrschütz aus dem Kosovo

Insert1: Bardhyl Salihu, Geschäftsführer in Pristina

Insert2: Enver Hoxhaj, Stellvertretender Ministerpräsident des Kosovo

Insert3 Kustrim, albanischer Skiurlauber in Brezovica

Gesamtlänge: 3’03

Am 17. Februar 2008 herrschte Feierstimmung unter den Albanern; die Loslösung von Serbien war fast zehn Jahre nach dem NATO-Krieg nun auch offiziell verkündet worden. An den Jubel in Pristina erinnert sich auch noch Bardhyl Salihu gut, der damals 18 Jahre alt war. Nach seinem Studium in Wien und London kehrte er vor einigen Jahren zurück, um seinem Vater, einem Augenarzt, beim Aufbau dieses Geschäfts zu helfen. Die Rosarote Brille von damals, ist der Ernüchterung gewichen:

„Wir sind enttäuscht, dass es nur wenige ausländische Investitionen gibt, dass das Wirtschaftsklima weiter sehr schwierig ist, und dass das Rechtssystem nicht funktioniert.“

Das Frustrierendste sei aber die fehlende Visaliberalisierung. Der Kosovo ist der einzige Staat des Balkan, für den noch die Visapflicht in die EU gilt, formell weil das Parlament in Pristina das Grenzabkommen mit Montenegro noch nicht ratifiziert hat, das 2015 in Wien unterzeichnet worden ist. Weit hinter den Erwartungen blieb der Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität; dieses Faktum ist auch kein Ruhmesblatt für die EU-Justizmission, die seit 10 Jahren im Kosovo tätig ist. Andererseits galt es, einen eigenen Staat von Grund auf aufzubauen:


"Wir haben politische Institutionen aufgebaut auf zentraler Ebene; wir haben neue Gemeinden gegründet, wir haben eine neue Verfassung verabschiedet und auch umgesetzt; wir haben eine multiethnischen, demokratischen, säkularen Kosovo aufgebaut."

In der Tat – abgesehen vom serbisch dominierten Norden mit der geteilten Stadt Kosovoska Mitrovica - hat sich das Zusammenleben zwischen albanischer Mehrheit und serbischer Minderheit normalisiert. Ein Beweis dafür ist das Skigebiet Brezovica in der Serben-Enklave Stripce im Grenzgebiet zu Mazedonien. Selbst Belgrader und nicht nur Kosovo-Serben fahren hier Ski, 90 Prozent der Gäste sind aber Albaner:

„Ich wohne nur 20 Kilometer entfernt; am Wochenende komme ich oft mit Freunden oder meiner Familie hierher.“

Brezovica zeigt aber auch die Probleme des Kosovo mit Serbien auf; der Streit um Eigentumsrechte aus dem früheren Jugoslawien ist noch nicht beigelegt; auch daher fehlen ausländische Investoren, nicht nur in Brezovica, das eine touristische Goldgrube sein könnte. Andererseits ist der Grenzübergang Meradare im Nordosten des Kosovo ein Beispiel dafür, wie sehr sich das Verhältnis entspannt hat. Unmittelbar nebeneinander versehen hier albanische und serbische Zöllner und Grenzpolizisten ihren Dienst. Fahrer mit Kosovo-Kennzeichen müssen diese bei der Einreise nach Serbien zwar noch abmontieren, weil Belgrad die Unabhängigkeit des Kosovo weiter nicht anerkennt. Das wird sich wohl ändern müssen; ein EU-Beitritt Serbiens wird ohne Anerkennung nicht möglich sein.