Die Abstimmung mit den Füßen in Bosnien und Herzegowina

Bosnien / Fernsehen / ZiB2 / 2018-10-04 22:00

Einleitung

„Abstimmung mit den Füßen“ nannte man im Volksmund die massive Auswanderungswelle, die vor fast 30 Jahren das kommunistische Ostdeutschland erschütterte und dann zum Fall der Berliner Mauer führte. Eine derartige Abstimmung mit den Füßen findet auch am Balkan, etwa in Bosnien und Herzegowina statt, wo am Sonntag allgemeine Wahlen stattfinden. Der etwa vier Millionen Einwohner zählende Staat der Bosniaken, Serben und Kroaten ist nicht nur ein enorm kompliziertes Staatswesen

Detail

„Abstimmung mit den Füßen“ nannte man im Volksmund die massive Auswanderungswelle, die vor fast 30 Jahren das kommunistische Ostdeutschland erschütterte und dann zum Fall der Berliner Mauer führte. Eine derartige Abstimmung mit den Füßen findet auch am Balkan, etwa in Bosnien und Herzegowina statt, wo am Sonntag allgemeine Wahlen stattfinden. Der etwa vier Millionen Einwohner zählende Staat der Bosniaken, Serben und Kroaten ist nicht nur ein enorm kompliziertes Staatswesen, sondern die Politiker der drei Völker finden auch fast 25 Jahre nach Kriegsende noch immer keinen gemeinsamen Nenner. Die Annäherung an die EU verläuft im Schneckentempo, die Zukunft ist ungewiss und immer mehr Bewohner wandern aus, weil in der EU der Facharbeitermangel groß ist, und Arbeitsgenehmigungen in der Slowakei oder Kroatien leicht zu bekommen sind. Diese Entwicklung spüren nun auch Firmen aus Österreich, die wegen des Kostendrucks in Europa in Bosnien und Herzegowina produzieren.

Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Bosnien und Herzegowina

Insert1: Markus Strasser-Stückl, Österreichischer Unternehmer In Derventa

 

Insert2: Mitarbeiterin einer Vermittlungsagentur in Banja Luka

Insert3: Mladen Ivanic, Serbischen Mitglied im bosnischen Staatspräsidium

Gesamtlänge: 2’34  

Derventa liegt im Grenzgebiet zu Kroatien, in der Nähe der Autobahn Agram-Belgrad. Die soziale Lage ist hier weit besser als im Landesdurchschnitt. Dazu trägt diese Firma aus Österreich bei; sie fertigt elektronische Schlösser für Skilifte und Kabelsätze für die Autoindustrie. Die 420 Mitarbeiter verdienen zwischen 300 und 800 Euro im Monat, das sind gute Löhne für bosnische Verhältnisse. Trotzdem spürt auch diese Firma die große Nachfrage nach Facharbeitern in der EU:        

"In der letzten Zeit, das letzte halbe Jahr, merkt man aber dann, dass der Zug nach Europa, Sprich Deutschland, Österreich, so stark wird, dass uns leider Gottes dann doch sehr gut ausgebildete Arbeitskräfte verlassen, einfach auch wegen des Lohns."

Private Arbeitsvermittler gibt es im ganzen Land, auch in Banja Luka, der Landeshauptstadt des serbischen Teilstaates; sie werben gezielt im Auftrag ausländischer Firmen. Diese Agentur ist auf die Vermittlung in die Slowakei, nach Kroatien und Deutschland spezialisiert; obwohl alles legal ist, wollte die Mitarbeiterin ihr Gesicht vor der Kamera nicht zeigen:

"Deutschland bietet den höchsten Stundenlohn, das sind etwa zehn Euro netto. Die Voraussetzung dafür ist, dass der Arbeitnehmer über mehr als nur Grundkenntnisse der deutschen Sprache verfügt und einen EU-Pass hat, wie etwa die meisten Kroaten hier. In der Slowakei und Kroatien liegt der Stundenlohn bei drei bis sechs Euro. Ein EU-Pass ist nicht erforderlich. In allen drei Ländern trägt der Arbeitgeber die Reise- und Wohnungskosten. "

Die massive Abwanderung ist auch Wahlkampfthema. Im serbischen Teilstaat regiert seit 12 Jahren Milorad Dodik, der wiederholt mit der Abspaltung vom bosnischen Gesamtstaat gedroht hat. Nun hofft die Opposition, Dodik am Sonntag schlagen zu können, schließlich sei die Abstimmung mit den Füßen Zeichen der massiven Unzufriedenheit:

„Etwa 60.000 Personen verlassen pro Jahr das Land. Das zeigt, dass wir hier keine wirtschaftliche Entwicklung haben: Ein Motiv ist auch der pessimistische Blick in die Zukunft, weil die Menschen nicht sicher sind, wohin in Bosnien die Reise geht. Die einzige Chance das zu stoppen, ist eine völlig Änderung der Politik; statt der Konflikte müssen wir Kompromisse machen und Optimismus verbreiten.

Dieser Optimismus fehlt bisher. Zwar hat sich spät aber doch auch in Bosnien die Infrastruktur verbessert; doch ein politisches Licht am Ende des Tunnels ist für den Staat der Bosniaken, Serben und Kroaten noch immer nicht in Sicht.