Wahlkampffinale besonderer Art - der Mordfall Dragicevic

Bosnien / Radio / FJ7 / 2018-10-06 07:00

Einleitung

In Bosnien und Herzegowina wird am Sonntag gewählt. Gewählt werden im Staat der Bosniaken, Serben und Kroatien nicht nur das drei Personen zählende Staatspräsidium, sondern auch die die Parlamente und die Führung der Teilstaaten. Ein Wahlkampffinale der besonderen Art gab es gestern in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Teilstaates. Im Stadtzentrum versammelten sich Tausende Menschen, um dagegen zu protestieren, dass die Ermordung eines 21-jährigen Studenten noch immer nicht aufgeklärt ist. Kristallisationspunkt der Proteste ist der Vater des Toten, der seit Mitte März jeden Tag im Zentrum von Banja Luka eine Mahnwache hält. Er beschuldigt Polizei und politische Führung, den Mordfall vertuschen zu wollen. Der Volkszorn über die Behörden ist echt; nicht auszuschließen ist, dass dieser Mordfall auch den Ausgang der Wahl im serbischen Teilstaat beeinflussen wird. Aus Banja Luka berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Detail

In Bosnien und Herzegowina wird am Sonntag gewählt. Gewählt werden im Staat der Bosniaken, Serben und Kroatien nicht nur das drei Personen zählende Staatspräsidium, sondern auch die die Parlamente und die Führung der Teilstaaten. Ein Wahlkampffinale der besonderen Art gab es gestern in Banja Luka, der Hauptstadt des serbischen Teilstaates. Im Stadtzentrum versammelten sich Tausende Menschen, um dagegen zu protestieren, dass die Ermordung eines 21-jährigen Studenten noch immer nicht aufgeklärt ist. Kristallisationspunkt der Proteste ist der Vater des Toten, der seit Mitte März jeden Tag im Zentrum von Banja Luka eine Mahnwache hält. Er beschuldigt Polizei und politische Führung, den Mordfall vertuschen zu wollen. Der Volkszorn über die Behörden ist echt; nicht auszuschließen ist, dass dieser Mordfall auch den Ausgang der Wahl im serbischen Teilstaat beeinflussen wird. Aus Banja Luka berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Eine kleine Gedenkstätte im Zentrum mahnt die Bürger, das Schicksal von David Dragicevic nicht zu vergessen. Der Tod des 21-jährigen ist auch nach sieben Monaten nicht aufgeklärt. Sein Vater, Davor Dragicevic, hält jeden Tag Mahnwache und schwört:  

"Wenn nötig, bleibe ich hier auch bis an mein Lebensende, solange meinem Sohn nicht Wahrheit und Gerechtigkeit widerfahren sind."

Der Mann hielt bisher Wort, und Tausenden Bürger protestierten gestern wieder in Banja Luka. Der Vater will Polizei und Staatsanwaltschaft zwingen, den Tod seines Sohnes aufzuklären; doch der Schlachtruf „Gerechtigkeit für David“ verhallt bisher ungehört; Davor Dragicevic klagt an:  

„Gefleht und gebeten habe ich, gesucht habe ich Wahrheit und Gerechtigkeit. Doch hier gibt es weder ein Innenministerium, noch seriöse Institutionen und schon gar keinen seriösen Staat. Doch: jeden ereilt einmal sein Ende.“

David Dragicevic verschwand in den frühen Morgenstunden des 18. März. Nach Darstellung von Polizei und Justiz soll er in dieses Haus eingebrochen sein - nach einer Schlägerei und unter Drogeneinfluss. Als Beleg wurde das Video einer Überwachungskamera präsentiert, auf dem eine Person nur von hinten zu sehen ist. Wenig später soll David von einer Brücke in den seichten Kanal gestürzt oder gesprungen sein. David wog etwa 70 Kilogramm und war bekleidet. Selbst wenn im März der Wasserstand höher war, stellt sich die Frage, wie der Körper zur Fundstelle kam. Sie liegt etwa 1,5 Kilometer von der Brücke entfernt an der Mündung des Kanals in den Fluss Vrbas. Dort wurde David offiziell sechs Tage nach seinem Verschwinden gefunden.

Der Vater verdächtigt Polizei und Kriminelle, für den Mord verantwortlich zu sein; Beweise legte er bisher nicht vor; auf jeden Fall zeigen die Demonstrationen, dass die Unzufriedenheit mit Rechtsunsicherheit und Korruption groß ist. Die politische Führung unter Milorad Dodik verunglimpfte zunächst das Opfer, unterschätze die politische Sprengkraft des Falls; ob und wie sich das auswirkt, werden die Ergebnisse der Wahlen am Sonntag zeigen.