Reportage von der Balkanroute aus Bosnien

Bosnien / Radio / MiJ / 2018-09-29 12:00

Einleitung

Auch in Salzburg hat die bei ihrem Gipfeltreffen keine einheitliche Linie in der Frage der Migration finden können. Umstritten bleiben die Aufteilung der Migranten und sogar die Stärkung der EU-Polizeibehörde FRONTEX, die für den Schutz der Außengrenzen der EU zuständig ist. Während die europäischen Staaten streiten, nimmt die Belastung der Staaten des ehemaligen Jugoslawien durch die neue Balkan-Route deutlich zu. So registrierte allein Bosnien und Herzegowina in den ersten sieben Monaten dieses Jahres etwa 12.000 Migranten, das ist zehn Mal mehr als im gesamten Jahr davor.

Detail

Auch in Salzburg hat die bei ihrem Gipfeltreffen keine einheitliche Linie in der Frage der Migration finden können. Umstritten bleiben die Aufteilung der Migranten und sogar die Stärkung der EU-Polizeibehörde FRONTEX, die für den Schutz der Außengrenzen der EU zuständig ist. Während die europäischen Staaten streiten, nimmt die Belastung der Staaten des ehemaligen Jugoslawien durch die neue Balkan-Route deutlich zu. So registrierte allein Bosnien und Herzegowina in den ersten sieben Monaten dieses Jahres etwa 12.000 Migranten, das ist zehn Mal mehr als im gesamten Jahr davor. Die mit Abstand größte Gruppe bilden Bürger aus Pakistan. Nach Angaben der EU befanden sich im September etwa 4.000 Migranten noch in Bosnien; einen Schwerpunkt bildet die 40.000 Einwohner zählende Gemeinde Velika Kladusa, die nur wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt ist; aus Velika Kladusa berichtet unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz:

Anfang Juli wurden auf dem Parkplatz bei einer ehemaligen Fabrik in der Gemeinde Velika Kladusa eine Zeltstadt aufgestellt. Die mehr als 40 Zelte sollten offensichtlich die Basis für ein größeres Aufnahmelager für Migranten und Flüchtlinge bilden. Mehr als zwei Monate später herrscht weiter gähnende Leere, nagt bereits der Zahn der Zeit an den Zelten, einige sind sogar zusammengefallen. Gerüchte besagen, dass den Anschluss von Wasser und Strom die Gemeinde verweigert; doch der Vorsitzende des Gemeinderates von Velika Kladusa, Fikret Basic, weist jede Verantwortung zurück:

 

"Das zuständige Ministerium hat die Infrastruktur für diese Zeltstadt zu gewährleisten, das ist bisher nicht geschehen. Andererseits hat das Ministerium die Aufstellung der Zelte ohne Zustimmung der Gemeinde genehmigt. Der Gemeinderat ist klar gegen die Unterbringung der Migranten in Velika Kladusa; wir fordern ihre Aufteilung auf alle Gemeinden des Landes. Velika Kladusa hat bereits 175.000 Euro aus dem Budget bereitgestellt, damit unsere kommunalen Betriebe Dienstleistungen für die Migranten erbringen können, von der Wasser- und Stromversorgung bis hin zur Behandlung in der Ambulanz.“

Somit hausen die Migranten weiter im Aufnahmelager am Stadtrand in behelfsmäßigen Zelten, die auf nackter Erde stehen. Warum nicht wenigstens die besseren Zelte hier gebracht wurden, bleibt unklar. Verpflegt werden die etwa 250 Personen vom Roten Kreuz; finanziert wird die Versorgung von der UNO, konkret von der Internationalen Organisation für Migration. Ihr regionaler Vertreter, Vladimir Mitkovski, macht sich ebenfalls Sorgen wegen der kommenden kalten Jahreszeit:

"Wir appellieren regelmäßig an die Behörden, einen anderen Ort für die Unterbringung zu finden, damit man nicht unvorbereitet ist, wenn der Winter kommt. Man ist schon sehr spät dran; wir als internationale Organisation können nur warten, bis eine Entscheidung fällt. Logistisch sind wir bereit dafür, was die Infrastruktur und die Unterbringung betriff."

Das Lager bewohnen überwiegend Männer; es dominieren Migranten aus Pakistan und Nordafrika. Familien bringt das IMO etwa 60 Kilometer entfernt in einem angemieteten Hotel unter, das 400 Personen Platz bietet. Derzeit sind etwa 300 Personen hier; die Zahl schwankt; immer wieder gelingen Übertritte über die nur wenige Kilometer entfernte grüne Grenze zwischen Bosnien und Kroatien. Das nächste Ziel ist dann die Grenze zu Slowenien, die nur 80 Kilometer von Velika Kladusa entfernt ist. 6000 illegale Übertritte vereitelte die slowenische Grenzpolizei bis Mitte September; im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 1.200. In Laibach schildert der Vertreter der Grenzpolizei, Peter Skrbis, das Verhaltensmuster der Migranten so:

"Fast immer wird die Grenze zu Fuß überquert. Man versteckt sich im Wald vor der Polizei und versucht dann über die Grenze zu kommen. In Velika Kladusa und Bihac, sucht man Schlepper oder wird von ihnen angesprochen. Diese Schlepper helfen ihnen und beraten sie, wie die Grenze zu passieren ist. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Ausländer über Navigationssysteme verfügt und daher genau weiß, wie die Grenze zu überschreiten ist.“

Slowenien ist weiterhin vor allem Transitland; denn die Migranten, die Velika Kladusa erreicht haben, wollen weiter nach Italien und in andere Länder der EU aber jedenfalls nicht im ehemaligen Jugoslawien bleiben.