Das Leben vergewaltigter Frauen und ihrer Kinder in Bosnien

Bosnien / Radio / Europjajournal / 2018-05-25 18:20

Einleitung

Während des Krieges in Bosnien und Herzegowina wurden nach Angaben des Haager Tribunals mindestens 20.000 bosniakische Frauen durch Serben und Kroaten vergewaltigt. Seit mehr als zehn Jahren haben diese Frauen nun die Möglichkeit, den Status eines Kriegsopfers zu bekommen. Tatsächlich bekommen haben diesen Status bisher nur 800 Frauen, die damit auch eine Art Kriegsopferrente von 250 Euro im Monat erhalten. Noch völlig ungeregelt ist aber der Status der Kinder, die als Resultat dieser Vergewaltigungen geboren wurden. In Sarajewo befasste sich jüngst eine international besetzte Konferenz mit dem Schicksal dieser Kinder des Krieges. Zum ersten Mal gemeinsam traten bei dieser

Detail

Während des Krieges in Bosnien und Herzegowina wurden nach Angaben des Haager Tribunals mindestens 20.000 bosniakische Frauen durch Serben und Kroaten vergewaltigt. Seit mehr als zehn Jahren haben diese Frauen nun die Möglichkeit, den Status eines Kriegsopfers zu bekommen. Tatsächlich bekommen haben diesen Status bisher nur 800 Frauen, die damit auch eine Art Kriegsopferrente von 250 Euro im Monat erhalten. Noch völlig ungeregelt ist aber der Status der Kinder, die als Resultat dieser Vergewaltigungen geboren wurden. In Sarajewo befasste sich jüngst eine international besetzte Konferenz mit dem Schicksal dieser Kinder des Krieges. Zum ersten Mal gemeinsam traten bei dieser Konferenz auch eine Mutter und ihre Tochter auf; vertreten waren in Sarajewo auch lokale und internationale Hilfsorganisationen, die Frauen und Kinder auf ihrem schwierigen Weg zu einer einigermaßen normalen Beziehung betreut haben. Mit den Opfern und deren Betreuern hat unser Balkan-Korrespondent in Sarajewo gesprochen; hier sein Bericht über persönliche Schicksale, die an den Folgen des Krieges auch noch mehr als 20 Jahre danach leiden, während die materiellen Schäden in Sarajewo sowie Bosnien und Herzegowina kaum mehr sichtbar sind:  

Die Gemeinde Zavidovici liegt 120 Kilometer nördlich von Sarajewo und zählt etwa 40.000 Einwohner. Bekannt ist die Gegend durch ihren Holzreichtum, der wirtschaftlich nur zum Teil genutzt wird; die große Möbelfabrik überdauerte den blutigen Zerfall des kommunistischen Jugoslawien nicht; ein entsprechender Nachfolgebetrieb fehlt. Trotzdem ist das Holz eine Einnahmequelle für so manchen Bewohner. Dazu zählt das Ehepaar Basic. Während sich die 47-jährige Sabina Basic um die kleine Landwirtschaft kümmert, die weitgehende Selbstversorgung garantiert, arbeite ihr Mann auch im Wald, erzählt Sabina Basic:

"Mein Mann hat einen Traktor; solange das Wetter schön ist, arbeitet er im Wald für ein privates Sägewerk; er schneidet die Stämme zu, zieht sie auf die Straße, wo sie dann ein LkW abholt. Wenn es möglich ist, arbeitet mein Mann auch zwei drei Monate schwarz im Ausland; das hilft uns, weil meine Pension als Opfer des Krieges unsere einzige regelmäßige Einnahmequelle ist."

Diese Pension beträgt umgerechnet 250 Euro. Sabina erhält sie, weil sie Anfang 1993, als in Zavidovici Bosniaken gegen Kroaten kämpften, vergewaltigt wurde; der Täter war wohl ein Kroate, doch nach Details des Verbrechens wurden aus verständlichen Gründen nicht gefragt. Als Sabina schließlich die Möglichkeit einer Abtreibung gehabt hätte, war es dafür schon zu spät, und Ende September kam dann Tochter Ajna zur Welt. Bereits ihre frühe Kindheit sei durch die Vergewaltigung belastet gewesen, sagt Sabina Basic:

"Ich wollte ihr nicht erlauben, mit anderen Kindern zu spielen. Denn danach kam sie nach Hause und fragte mich: "Mama, was ist ein Ustasa-Bastard? Mama, warum spielt dieses Mädchen nicht mit mir." Daher habe ich sie getrennt und im Haus gehalten. Doch dann hat mir ein Psychologe geraten, dass sie nach Zenica in die Schule geht, doch auch unter dieser Trennung habe ich gelitten. Das aber hat sie gerettet, dadurch konnte sie eine gesunde Persönlichkeit werden.“

Als Ajna sieben Jahre alt war, heiratete die Mutter; ihr künftiger Ehemann habe Schicksal und Tochter akzeptiert, betont Sabina Basic:

"Als ich merkte, dass aus dieser Beziehung etwas Ernstes werden könnte, habe mich entschieden, völlig offen zu sein. Mein Mann sagte, ich weiß, dass es derartige Fälle in Zavidovici gegeben hat, und nicht nur dort, denn ich war selbst Soldat. Du bist nicht schuld, sagte er. Die einzige Bedingung war dann, dass meine Tochter den Mann akzeptiert, und das hat sie vom ersten Moment an getan. Ich weiß nicht, ob es noch einen Mann gibt, der sein Kind so liebt wie er."

Dem stimmt die nunmehr 24-jährige Tochter Ajna zu:

"Neben meiner Mutter ist mein Adoptivvater die zweitwichtigste Bezugsperson. Er hat uns angenommen und für mich bedeutet der Vaterbegriff nicht, dass das mein biologischer Vater sein muss. Er hat mich aufgezogen und sehr viel Kraft und Energie in mich investiert, um etwas aus mir zu machen. Er ist daher mein Vater."

Mit 14 Jahren fand die Tochter zu Hause Dokumente und erfuhr so ihr Schicksal und das ihrer Mutter. Für das Mädchen war das ein fürchterlicher Schock, der aber überwunden werden konnte, erinnert sich Ajna:

"Zunächst hatte ich Angst, dass mich meine Mutter hasst, weil ich sie an etwas Schlechtes erinnere. Doch als wir uns gemeinsam mit Psychologen damit konfrontiert haben, und in den vielen jahrelangen Gesprächen habe ich verstanden, dass mich meine Mutter nicht hasst und mich angenommen hat. All das war die Basis, dass ich heute dort bin, wo ich bin; sonst würde ich wohl in einer Art Agonie leben, und glauben, dass für mich die Welt vorbei ist."

Geholfen haben Mutter wie Tochter auch Gruppentherapien, sprich die Erkenntnis, mit ihrem Schicksal nicht allein zu sein. Ajna befasste sich schon früh mit Psychologie; das half ihr und dieses Fach studiert Ajna nun auch in Sarajewo. Die Mutter plagen aber trotz vieler Behandlungen nach wie vor Zweifel; Sabina Basic:

"Mit Muttergefühlen wird man nicht geboren; doch je mehr Zeit vergangenen ist, desto öfter habe ich mich gefragt, warum soll sie den schuld sein. Und dann habe ich den vielleicht egoistischsten Entschluss meines Lebens gefasst, den ich noch heute im innersten meiner Seele bereue. Ich war so egoistisch, dass ich sie behalten haben. Ich habe mich als Mutter verwirklicht, doch ich habe ihr eine derartige Last auf die Schulter geladen. Ich liebe sie nicht als Kind; sie ist völlig mein, doch es gab Momente, da konnte ich sie nicht anschauen und nicht ertragen."

Nach Schätzungen des Haager Tribunals wurden im Krieg etwa 20.000 bosniakische Frauen vergewaltigt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein; wie viele Kinder daraus entsprangen ist völlig unklar. Viele dieser Frauen medizinisch und psychologisch betreut hat die deutsche Hilfs- und Frauenrechtsorganisation Medica Mondiale. Deren Gründerin, die Frauenärztin, Monika Hauser, schildert das Dilemma dieser Opfer so:

"Frauen haben sich oft fast nur falsch entscheiden können. Manche haben sich dann durch die Beratung entschieden, das Kind zu bekommen, haben aber gewusst, dass ihre Familie sie ausgrenzen wird, und sie ganz alleine auf der Welt sind; dennoch war es ihnen wichtig, diesen Teil von sich zu bekommen. Mit Beratung war es einigen auch sehr gut möglich, dieses Kind zu bekommen, auch wenn es heißt, dass es vielleicht lebenslange Probleme gibt. Andere Frauen haben sich für die Adoption entschieden, und haben dann Jahre später sehr darunter gelitten, dass sie nicht wussten, wo ist dieses Kind. Wieder andere haben sich für den Schwangerschaftsabbruch entschieden, so sie denn eine Beratungsstelle gefunden haben, wo das überhaupt möglich war, und haben auch später darunter gelitten.“  

Im Vordergrund standen bisher vorwiegend die Frauen; sie haben in Bosnien die Möglichkeit, den Status eines Kriegsopfers zu erhalten; keinen rechtlichen Status haben bisher die Kinder. Darum will nun der Verein“ Kinder des Krieges“ kämpfen, den die Psychotherapeutin Amra Delic gegründet hat; ihre Ziele beschreibt Amra Delic so:

"Es gilt auch die Interessen dieser Kinder zu vertreten; das betrifft deren Gesundheitszustand, mögliche Probleme in der Schule oder an der Universität. Das war ein Grund, warum wir den Verein gegründet haben; wir und die Kinder, die Mitglieder sind, wollen, dass die Kinder den Status eines sekundären Opfers sexueller Gewalt im Kriege erhalten."

In diesem Verein aktiv ist auch Ajna; den Lebenswunsch ihrer Mutter, das Land zu verlassen, teilt sie nicht. Trotzdem solle dieser Kampf um Anerkennung nicht ein Leben in der Vergangenheit bedeuten, betont Ajna:

"Solange wir uns nur damit befassen, wo 1991 welche Frontlinie verlaufen ist, solange werden wir nicht darüber sprechen, was 2021 sein soll, denn solange leben wir noch immer in der Vergangenheit. Für mich ist entscheidend, dass wir kommenden Generationen nicht nur diesen Teil der Geschichte erzählen. Bosnien und Herzegowina hat auch eine außerordentlich schöne Geschichte, doch das einzige worüber wir wissen, ist diese Geschichte des Krieges und das bedeutet keinen Fortschritt."