20 Jahre Hilfswerk Austria in Bosnien und m Balkan

Bosnien / Fernsehen / Heute Mittag / 2017-01-12 13:20

Einleitung

Seit dem blutigen Zerfall des ehemaligen Jugoslawien hat Österreich am Balkan in großem Ausmaß humanitäre Hilfe geleistet. Am bekanntesten ist wohl die Aktion „Nachbar in Not“. Weniger bekannt aber insgesamt nicht weniger bedeutsam ist die Arbeit der Organisation Hilfswerk Austria, die seit 20 Jahren in Bosnien und Herzegowina tätig ist. In dieser Zeit hat das Hilfswerk mehr als 5.000 Häuser wieder aufgebaut, mehr als 16.000 Vertriebenen bei der Rückkehr geholfen und Projekte im Wert von 67 Millionen Euro abgewickelt. Das Geld stammt vorwiegend von der Europäischen Union, dem UNHCR,

Detail

Seit dem blutigen Zerfall des ehemaligen Jugoslawien hat Österreich am Balkan in großem Ausmaß humanitäre Hilfe geleistet. Am bekanntesten ist wohl die Aktion „Nachbar in Not“. Weniger bekannt aber insgesamt nicht weniger bedeutsam ist die Arbeit der Organisation Hilfswerk Austria, die seit 20 Jahren in Bosnien und Herzegowina tätig ist. In dieser Zeit hat das Hilfswerk mehr als 5.000 Häuser wieder aufgebaut, mehr als 16.000 Vertriebenen bei der Rückkehr geholfen und Projekte im Wert von 67 Millionen Euro abgewickelt. Das Geld stammt vorwiegend von der Europäischen Union, dem UNHCR, der bosnischen Regierung sowie aus Österreich und von anderen internationalen Geldgebern und Spendern. Wichtig waren für das Hilfswerk dabei nicht nur der Wiederaufbau, sondern auch die Unterstützung der Rückkehrer beim Aufbau ihrer Existenz. Diese Strategie war erfolgreich, denn mehr 80 Prozent der Rückkehrer leben weiterhin in ihren Häusern. Einen wichtigen Beitrag leistete und leistet das Hilfswerk aber auch zur regionalen Entwicklung durch enge Zusammenarbeit mit den Gemeinden, in denen Vertriebene, Flüchtlinge, Roma sowie behinderten Menschen die Chance auf ein besseres Leben geboten werden sollen    



Berichtsinsert: Christian Wehrschütz aus Bosnien und Herzegowina



Insert1: Rais Achmetowitsch, Bewohner des Dorfes Josanica



Insert2: Rais Achmetowitsch, Bewohner des Dorfes Josanica



Insert3: Suzana Jasarevic, Leiterin Hilfswerk Austria in Bosnien und Herzegowina



Insert4: Jovanka Sekulic, Bewohnerin einer Sozialwohnung in Bijelina



Insert5: Zeljko Halilovic, Mitarbeiter des Hilfswerk Austria



Insert6: Mirjana Vukovic, Direktorin der Psychiatrischen Anstalt Stari Lec



Gesamtlänge: 5’01 // 3’36



Josanica liegt in Ostbosnien im Grenzgebiet zu Serbien. In dem Bergdorf leben 70 Familien; die Spuren des Krieges sind noch sichtbar; die Bosniaken flohen, kehrten aber schrittweise in das Dorf zurück, das im serbischen Landesteil liegt. Landwirtschaft ist die Lebensgrundlage der Bewohner. Im Jahre 2001 baute hier das Hilfswerk Austria 15 Häuser wieder auf, auch das der Familie Achmetowitsch. Der 42-jährige Rais Achmetowitsch lebt hier mit seiner Frau Adisa und seinem 20-jährigen Sohn. Die Familie hat 15 Schafe, die nicht nur Fleisch und Wolle liefern:     



„Wenn ich jetzt 50 oder 100 Euro brauche, dann verkaufe ich am Markt ein Schaf und davon kann ich mir Lebensmittel für einen Monat kaufen.“



Auch in Bosnien ist die Landflucht ein Problem; hat das Dorf Josanica eine Zukunft?



„Ich will hier bleiben; und das Bleiben können uns Landwirtschaft und Kleinvieh wie Schafe und Ziegen ermöglichen. Wir hätten gerne eine Stelle, wo wir die Milch zuliefern, um davon normal leben zu können.“



In Bosnien und Herzegowina hat das Hilfswerk Austria bisher 16.000 Rückkehrern geholfen. Das entspricht etwa 1,5 Prozent der Gesamtzahl, die auf etwa eine Million seit Kriegsende geschätzt wird. In der Hauptstadt Sarajewo liegt das regionale Hauptquartier des Hilfswerks; seine Strategie bestand stets darin, Flüchtlingen nicht nur die Rückkehr, sondern auch eine Existenz zu ermöglichen:  



„Wir haben einem Schneider einen Kredit für eine Nähmaschine samt Zubehör gegeben. Bereits nach zwei Jahren ging das Geschäft so gut, dass er seinen Betrieb registrieren und ein weiteres Familienmitglied beschäftigen konnte. Unterstütz haben wir serbische Rückkehrer mit der Lieferung von Buchweizen und der Ausbildung, wie man diese Pflanze anbaut. Einer dieser Rückkehrer war so erfolgreich, dass er ein kleines Geschäft eröffnen konnte, wo er Buchweizenmehl und Produkte aus Buchweizen verkauft.“



Eng arbeitet das Hilfswerk mit den Gemeinden zusammen, so auch mit der Stadt Bijelina im Nordosten von Bosnien. Mit der Stadtverwaltung wurden aus 40 Bewerbern 12 Familien ausgewählt, für die dieses Haus vor allem mit Mitteln der EU gebaut wurde. Die Begünstigten sind Flüchtlinge und Binnenvertriebene, die in ärmlichen Verhältnissen lebten. Dazu zählt das Ehepaar Sekulic, das hier mit seiner 14-jährigen Tochter lebt. Lazar war Bergmann und ist arbeitslos; Ehefrau Jovanka arbeitete in einer Wurstfabrik, die vor fünf Jahren zusperrte;    



„Niemand will heute jemanden einstellen, der älter als 30 Jahre ist; ich bin 55. So kann ich nur gelegentlich als Putzfrau arbeiten. Daher haben wir auch hier noch keinen Kasten.“



Die Monatsmiete für die 40 Quadratmeter beträgt umgerechnet zehn Euro. Derartige Sozialwohnung hat das Hilfswerk in Bijelina und anderen Städten ebenso für Roma gebaut, denen auch anderwärtig geholfen wurde:



„Wir haben mit UNHCR und Stadtverwaltung den Roma Schafe, Glashäuser und Ausrüstung für das Sammeln von Abfall bereitgestellt. Das zeigt Ergebnisse, doch der Bedarf ist weit größer als unsere Möglichkeiten. Daher sind wir weiter auf der Suche nach Geldgebern.“  



Wie groß die regionalpolitische Bedeutung humanitärer Hilfe sein kann, zeigt das Projekt Stari Lec im Grenzgebiet zwischen Serbien und Rumänien. Die Psychiatrische Klinik war teilweise verfallen, bis zu zehn Patienten mussten in einem Zimmer hausen. Ihr Leben hat sich durch den Einsatz des Hilfswerks drastisch verbessert, nicht nur was die Unterkunft betrifft. Die Renovierung schuf Platz für eine Beschäftigungstherapie, die zuvor nicht möglich war. 540 Patienten werden hier betreut, 160 Personen haben Arbeit in Stari Lec, einem Dorf, das wie die gesamte Vojvodina unter Landflucht leidet:    



„Stari Lec ist ein kleines Dorf, das ausstirbt. Die Geburtenrate ist schlecht, die Alten sterben; daher hat Stari Lec bereits weniger Einwohner als unsere psychiatrische Anstalt. Wir sind, abgesehen von der Landwirtschaft, die einzige Einnahmequelle für die Bewohner. Gäbe es uns nicht, würde das Dorf wohl viel früher verschwinden. 60 von unseren Mitarbeiter stammen aus Stari Lec; fast alle aus dem Dorf arbeiten bei uns.“  



Stari Lec war das erste Projekt des Hilfswerks für behinderte Menschen; diese Arbeit wurde in Bosnien fortgesetzt, um Kindern eine bessere Betreuung und eine Integration in ihre Umgebung zu ermöglichen.