Der Kampf der Kirche gegen die Blutrache

Albanien / Radio / Praxis / 2012-12-07 21:00:00

Einleitung

In Albanien ist die Blutrache bis heute ein Problem. Zwar fehlen präzise Angaben über Opfer und die Zahl der betroffenen Familien, doch Schätzungen reichen von eintausend bis 10.000 Morden, die seit dem Sturz des Kommunismus vor mehr als 20 Jahr

Detail

In Albanien ist die Blutrache bis heute ein Problem. Zwar fehlen präzise Angaben über Opfer und die Zahl der betroffenen Familien, doch Schätzungen reichen von eintausend bis 10.000 Morden, die seit dem Sturz des Kommunismus vor mehr als 20 Jahren aus Motiven der Blutrache begangen worden sein sollen. Zwar ist die Blutrache kein ausschließlich katholisches Phänomen; doch am stärksten betroffen ist Nordalbanien, wo auch die meisten Katholiken leben. Die Katholische Kirche in Albanien hilft nicht nur Familien von Opfern, sondern kämpft auch mit allen kirchlichen Mitteln dagegen an. So erließen die drei Diözesen des Nordens nun ein Dekret, das Personen, die aus Motiven der Blutrache getötet haben, mit der Exkommunikation bedroht, und erste Fälle des Kirchenbanns gab es bereits. In Nordalbanien und in Tirana hat unser Balkan-Korrespondent Christian Wehrschütz mit Bischöfen gesprochen und Opfer-Familien besucht, und den folgenden Beitrag über den Kampf der Katholischen Kirche gegen die Blutrache gestaltet.

Am 14. Juni dieses Jahres wurden die 17-jährige Marija Quku und ihr 70-jähriger Großvater Kola Opfer der Blutrache. Angeblich unbekannte Täter, vielleicht gedungene Mörder aus dem Ausland, erschossen das Mädchen und den alten Mann in den Hochalmen Nordalbaniens. Die Familie der Opfer lebt in einem Vorort der Stadt Shkodra, und deswegen veranstaltete eine Nicht-Regierungs-Organisation einen Protestzug durch die Innenstadt. Die meist jugendlichen Teilnehmer trugen Bilder der 17-jährigen Maria; dann ließen sie Luftballons steigen, an denen eine Botschaft gegen die Blutrache hing; sie geht auf das mittelalterliche Gewohnheitsrecht zurück, dessen bekannteste Fassung der Kanun des Lekë Dukagjini ist. Der Organisator des Protests, Mentor Kikia, formulierte das Ziel der Kundgebung so:

Marias Porträt in der Hand ist ein Symbol für den Aufstand unserer Bürger gegen dieses monströse Verbrechen der Blutrache, das weiter auf brutale Weise Menschenrechte verletzt; das ist ein Symbol gegen ein Verbrechen, das Staat und Gesellschaft noch immer herausfordert. Wir sind hier heute im Namen von Maria, um dem Staat zu sagen, erhebe die starke Faust des Gesetzes gegen dieses Verbrechen. Im Namen von Maria sagen wir auch den Menschen, bleibt nicht ruhig zu Hause, wenn es Kinder gibt, die unter Isolierung leiden.“

Isoliert ist auch Marijas Familie, die in ärmlichen Verhältnissen am Stadtrand von Shkodra lebt. Unterstützt wird sie von Verwandten und auch die Katholische Kirche kümmert sich um diese Familie, die auch eine kleine Landwirtschaft mit dem Nötigsten versorgt. Marijas Mutter, Shaqe Quku, ist Hausfrau und hat vier Kinder. Ehemann Tom ist arbeitslos; aus Angst vor weiteren Mordanschlägen getraut er sich nicht, das Haus zu verlassen und eine Arbeit anzunehmen. Zum Beginn der Blutfehde sagt Tom Quku:

„Der Konflikt begann durch einen Streit meines Onkels mit seinem Nachbarn. Es war ein Streit um das Wasser, und mein Onkel tötete seinen Nachbarn. Seit damals sind wir im Haus isoliert; und mein Vater und meine Tochter wurden getötet."

Trotz der Morde ist der Konflikt noch nicht beendet, weil sich die andere Familie weigert, die Verantwortung für das Verbrechen zu übernehmen; daher lebt die Familie Quku weiter in ihrem Haus isoliert, und in Angst auch um die beiden älteren Buben, die trotz der Gefahr in die Schule gehen. Die Mutter, Shaqe Quku, leidet entsetzlich unter dem Verlust der Tochter:

"Ich wünsche nur, dass so etwas nie wieder passiert, was uns widerfahren ist. Die Tragödie war furchtbar. Sie ging, um ihrem Großvater bei der Arbeit zu helfen, um das Land zu pflügen in den Bergen, und dort bei der Arbeit wurden beide getötet."

In Nordalbanien weisen Familien, die von Blutrache betroffen sind, ähnliche soziale Muster auf. Viele sind arm, Zuwanderer aus den Bergregionen, und haben nur die Grundschule abgeschlossen. Bei Männern ist Alkoholismus oft ein Problem; wenn überhaupt arbeiten nur die Frauen, die weniger gefährdet sind. Für ältere Kinder ist der Schulbesuch oft zu riskant, manche werden von Lehrern daher zu Hause unterrichtet. Hinzu kommt die Armut, die den Schulbesuch ebenfalls beeinträchtigt. Da helfe auch die Kirche, wie der Generalsekretär der Kommission Justitia et Pax, Luigi Mila, betont:

„Wir haben gerade eine Aktion beendet, wo wir Schulbücher und Schulmaterial an isolierte Familien in den Dörfern in der Umgebung von Shkodra verteilt haben. Außerdem bemühen wir uns natürlich, zur Aussöhnung zwischen Familien beizutragen."

Shkodra zählt 100.000 Einwohner. Zwischen 2001 und 2011 gab es in der Stadt fast 230 Morde, 40 davon qualifizierte die Polizei als durch Blutrache motiviert, wobei die Zahl der Fälle ständig zurückgehen soll. Selbst wenn das stimmt, haben Gemeinde und Staat vor allem keine Lösung für das Schicksal der isolierten Familien gefunden. Die Katholische Kirche griff daher im September zu einem drastischen Mittel; per Dekret verhängte sie den Kirchenbann und damit die Exkommunikation über jeden, der aus Blutrache tötet. Inhalt und Sinn des Dekrets erläutert in Shkodra Erzbischof Angelo Massafra, der Vorsitzende der albanischen Bischofskonferenz:

"Das Dekret ist ein Appell, das Leben zu schützen, und unsere Hirne, Herzen und Hände zu entwaffnen. Aber es ist auch ein Schlag gegen die Korruption. Das Dekret sagt klar, dass der Staat seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen muss. Denn einer der korruptesten Bereiche ist die Justiz. Oft ist es geschehen, dass Blutrache-Mörder nach einigen Jahren freigekommen sind; auch das provoziert Selbstjustiz. Wir fordern die lebenslange Freiheitsstrafe und einen gemeinsamen Kampf von Kirche und Zivilgesellschaft gegen die Blutrache."

Doch in der Kirche ist das Dekret umstritten. Nicht unterzeichnet hat es Rrok Miredita, der Erzbischof von Tirana. Abgesehen von grundsätzlichen Einwänden gegen die Exkommunikation zweifelt er an seiner praktischen Wirkung; Rrok Miredita:

"Nehmen wir den Fall eines Konflikts zwischen einer katholischen und einer muslimischen Familie. Einer geht in die Kirche, der andere in die Moschee, aber man hat die gleichen Gewohnheiten und Regeln. Der Katholik hat zuerst einen Muslim getötet, dann tötet der Muslim zwei Katholiken. Doch der Muslim unterwirft sich nicht dem Dekret der Kirche, doch der Katholik unterliegt ihm. Außerdem hat auch die Migration zu einer ganz neuen Lage geführt."

Gemeint ist damit die Zuwanderung nach Tirana und in den Süden, die auch zur Verbreitung der Blutrache führt. Trotzdem ist sie noch vorwiegend ein Problem des katholischen Nordens. Knapp 140 isolierte Familien erhob die Kirche, mehr als die Hälfte davon lebt im Norden, wobei auch muslimische Familien betroffen sind. Doch mehrheitlich sind es Katholiken; und der Ausschluss von Sakramenten, der mit der Exkommunikation verbunden ist, dürfte daher nicht wirkungslos bleiben. Doch die Kirche setzte nicht nur auf das Dekret, sondern auch auf Erziehung zu Toleranz und Frieden, unterstreicht Angelo Massafra:

"Gelehrt werden muss der Wert des Lebens und der Respekt vor ihm. Außerdem müssen wir die Mentalität ändern, wonach das Waffentragen in den Straßen erlaubt ist. Dagegen predige ich oft. Denn natürlich gibt es im täglichen Leben Konflikte, aber die müssen ohne Waffen gelöst werden; Blutrache wird oft nur als Rechtfertigung genutzt, doch ein Mord ist und bleibt ein Mord."

Diesem Eingeständnis steht die Mentalität entgegen. Bei einer Umfrage der Kirche in Schulen gaben fast 60 Prozent der Jugendlichen im Alter von 17 und 18 Jahren an, sie seien bereit, ein ermordetes Familienmitglied zu rächen. Denn der soziale Druck sei groß und zwar gerade in den Familien selbst, sagt Luigi Mila, Generalsekretär von Justitia et Pax:

"Im allgemeinen haben wir Fälle, wo Mütter gegen die Aussöhnung sind, und leider Mütter die Blutrache fordern, wobei sogar der Kanun sagt, dass die Mutter das letzte Wort hat, ob vergeben wird oder nicht. Die Mutter hat das Recht auf dieses letzte Urteil."
Doch das mittelalterliche albanische Gewohnheitsrecht bietet keine hinreichende Erklärung für das Phänomen der Blutrache, weil seine Regeln vielfach missachtet werden. So wurde vor einem Kaffee in der Fußgängerzone von Shkodra vor zwei Jahren aus Blutrache-Motiven ein evangelischer Priester erschossen. Einen derartigen Mord verbietet der Kanun des Leke Dukagjini aber ebenso wie den Mord an Mädchen und Jugendlichen. Die Ursachen für die Blutrache sind daher vielschichtiger; Hauptproblem dürfte die Schwäche des Staates und der Justiz sein. So lange sich das nicht ändert, wird auch das Leiden der isolierten Familien kein Ende finden, das nicht nur eine schwere Belastung für die betroffenen Personen, sondern auch für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung Albaniens bildet.